Gustav Landauers Mörder - freigesprochen!

Brutalität ist das einzige, das Bestien in Menschengestalt zu bieten vermögen. Aber empörender noch als sie wirkt zynische Brutalität, deren fähig zu sein die Eigenart nicht nur roher, unkultivierter und dadurch rückständiger Menschen ist, sondern die Eigenart von jenen Larven ist, die als Menschen unter uns einherstolzieren, in der bewußten Verderbtheit und Niedertracht ihrer Gesinnung aber schuld sind an der atavistischen Brutalität breiter Schichten des Volkes. Denn diese, die Herrschaftsmächte und Nutznießer der Staatlichkeit, Kirchlichkeit und des Militarismus, welch letztere überhaupt die großen Schieber des Weltkrieges waren — sie sind es, die das Volk vergiften, mit ihrer zynischen Brutalität die Roheit desselben künstlich erhalten, nur weil sie wissen: um ihre Einrichtungen der Menschenschändung zu erhalten, gestützt zu haben, dazu bedarf es verrohter und vertierter Subjekte. Und so dressieren und drillen sie sich denn diese und achten wohl darauf, daß sie nie auf eine höhere Stufe gelangen können, erschrecken sollen über das Empfinden ihrer eigenen Vertiertheit.

Am 2. Mai wird es ein Jahr werden, daß Gustav Landauer von unmenschlich barbarisicher Roheit ermordet worden ist; und nach elfmonatlicher "Untersuchung" gelangen die Schufte, die sich als Richter zusammengetan haben, zu dem Ergebnis eines Freispruches des Mörders, weil sie nicht feststehen wollen, wer diesem den Befehl zum Mord erteilt hat! Grotesk, wie dies klingt, so ist es doch tieftraurig, wenn man erwägt, welchen zynisch-brutalen Justizverbrechern das Leben und Schicksal breiter Schichten des Volkes auch heute noch ausgeliefert ist. Die deutsche Revolution bleibt leider einer traditionell gewordenen Erscheinung treu, die mehr als auffällig, die bezeichnend ist: Alle ihre Volksführer werden gemeuchelt; und die Meuchelmörder werden von den Auftraggebern und zumindest passiv dem Meuchelmord Vorschub Leistenden — freigesprochen!

Wir sind wirklich neugierig, zu beobachten, wie lange diese Lynchgerichtsbarkeit der militaristischen-monarchistischen-sozialdemokratischen Machtorgien in Deutschland noch andauern kann, ohne daß die bewußten Revolutionäre sich gegen sie Wenden! Sie ist das verheerendste Symptom der deutschen Zustände. Der Freispruch des Mörders einer so hochidealen, absolut gewaltlosen Persönlichkeit, wie die Landauers es gewesen, die Ermordung eines solchen goetheschen Deutschen durch deutsche Militärstrolche reiht sich würdig an die Ehrlosigkeit der deutschen Regierung, die die französische angebettelt hat, ihr den militärischen Einmarsch ins Ruhrgebiet zu gestatten, um das dortige Proletariat durch deutsche Söldnerhalunken hinschlachten zu können! Was will man mehr, um die ganze Heuchelei des Nationalismus, die Unsinnigkeit und Lüge eines nationalen Gemeingefühls zu beweisen, als diese zwei Beispiele?

Der Freispruch des Morders, der Mördergilde, der Gustav Landauers unsterblicher Geist zum Opfer gefallen, ist somit gutgeheißen worden von den Justizstrolchen, die in Deutschland vorgeben, die "Gerechtigkeit" zu repräsentieren. So wie wir Landauer gekannt haben, lag ihm nichts ferner als Rache und Justizsühne, der Glaube an sie. Aber daß sie beide in einem Falle versagen, in dem ihre Pflicht offenkundig zu Tage liegt, das lehrt mit tausend Zungen, daß jede Justiz Klassenjustiz ist. Sie vermag es nicht, objektiv zu wägen; ihr Tun und Handeln wird nicht geleitet von Recht und vom Rechtsempfinden ihrer Repräsentanten, sondern von der sachlichen Ehrlosigkeit im Wesen eines schimpflich-infamen Handwerkes, das seine Ausüber zu Übeltätern macht, gleich denen, über welche sie richten sollten.

P. R. (Pierre Ramus)


Unser Kamerad W. L. schreibt uns unter Datum des 27. März 1910 von Deutschland

Inzwischen sind die deutschen Verhältnisse auf der schiefen Bahn bedenklich weiter hinabgerutscht und die Frage, ob es in absehbarer Zeit einen Aufstieg gibt, wird immer banger. Auch jetzt, nach dem Vorstoß von rechts merkt man keine Besserung, keine Erkenntnis. Dieser Tage ging durch die Presse die Meldung, die Sozialdemokratie habe einen großen Ruck nach links gemacht. Ich habe wahrlich bis jetzt nichts davon gemerkt. Aber — in Freiburg wurde dieser Tage einer der Mörder Gustav Landauers vom Kriegsgericht von der Anklage des Totschlages freigesprochen, weil das Gericht die Angabe des Angeklagten (Unteroffz. Digele), daß er auf Befehl gehandelt habe, als richtig annahm. Wer den Befehl gegeben hat, darum kümmert man sich natürlich nicht?

Wegen Raubes der goldenen Uhr wurde er zu 5 Wochen Gefängnis verurteilt, die mit der Untersuchungshaft als verbüßt galten ... Die Uhr ist vor Längerer Zeit schon zurückgekommen; wo die goldene Kette, der Trauring, der Rucksack mit Büchern und Briefen geblieben ist, danach zu fragen, hielt das Kriegsgericht natürlich auch nicht für nötig. — Aber bei den Herren Kapp, Lüttwitz usw. beeilt man sich natürlich sehr, daß sie ja vor bürgerlichen Gerichten verhandelt werden und die Herren Offiziere läßt man unter Bewachung (Schutz!) in ihrer Wohnung. Am meisten ärgert mich, daß manche dieser Herren offensichtlich völlig verschont, d.h. überhaupt nicht angeklagt werden sollen, so z.B. dieser infame Schurke — Pfarrer Traub.

W. L.


Dem Gedenken Gustav Landauers

Was seifen Worte? Was sollen Klagen ? —
Da Mord das Alltägliche in all den Tagen,
Wo Gewalten und Schandtaten allerorts rumoren,
Wo das Menschentum krankt und der Mensch sich verloren ...
Mord! Dies Wort, einst sprach man's mit Bangen.
Mord! Dies Wort, einst (...) es die Wangen,
Und heute? In Blut schwimmt die Jammerwellt,
Ein Befehl an die Schergen, das Messer fällt ...
Mord! Mord in allen Gassen, Der Henker lauert auf Plätzen und Straßen,
Blutrünstig ist die Menschheit worden,
Das Vaterland lehrte sie foltern und morden —
Ein Menschenleben, was Liegt daran,
 Der Henker ist ein gesuchter Mann!
Besinnungslos schaltet und waltet die Macht,
Und endlos erscheint die blutige Nacht.
Wer wagt's noch von Menschheitserbarmen zu sprechen?
Wer hat noch Tränen ? Wes Herz kann noch brechen?
Mit hämischem Grinsen spottet der Tod,
Er fühlt sich Erlöser — oh, Menschheitsnot ...
Arme Freiheit, wer soll an Dich glauben?
Dein Panier beschmutzt durch Morden und Rauben ...
Wie fern ist der Tag — es bannt uns in Nacht
Unverstand, Tücke, Willkür und Macht.

Danton

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 20 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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