Was wollen die Anarchisten?

Die Anarchisten wollen gewisse Ideen den Menschen vor Augen führen. Diese Ideen, so glauben sie, werden dazu beitragen, in einer besseren Welt bessere Menschen zu schaffen. Aber die Ideen der Anarchisten unterscheiden sich in einigen Hauptpunkten wesentlich von denen anderer.

Die Welt hat sich bis jetzt so weit entwickelt, daß die meisten Nationen mehr oder weniger autonome Staaten sind. Das heißt, wir haben solche Nationen, wie die Engländer, Franzosen, Deutsche und viele andere über die fünf Erdteile verbreitet, sowohl als Monarchien, wie als Republiken, je nachdem die repräsentative Macht jeder dieser Nationen sich darstellt. Die Hauptsache bei ihnen allen aber ist, daß die beherrschende Gewalt eine Regierung ist, auf weichte Art sie auch immer gewählt worden sei. Diese Regierungen beherrschen die Völker durch bereits gemachte Gesetze, und sie fügen neue Gesetze nur dann hinzu, so es die Umstände erfordern.

Die breite Masse des Volkes hatte mit dieser ganzen Gesetzgebung nichts zu tun, die Gesetze waren schon da,als die Menschen auf die Welt kamen. Die neuen Gesetze werden ohne Ausnahme von sogenannten Volksvertretern gemacht, die sie, ohne der Stimme des Volkes zu lauschen, nach eigenem Gutdünken machten. Diese Gesetze sind samt und sonders gemacht zur Aufrechterhaltung des Staates oder zur Verteidigung des Staatsgebiets.

Die meisten dieser Gesetze sind Gesetze zum Zwecke des Eigentumschutzes. Es sind Gesetze gegen Diebstahl oder die Zerstörung der bestehenden Eigentumsordnung, und da innerhalb derselben das Eigentum meistens einigen wenigen "Eigentümern" gehört, folgt daraus, daß diese Gesetze nur für das Wohl der Wenigen und nicht für das Wohl des ganzen Volkes erschaffen sind. Ein Mensch, welcher hungert, hat dank dieser Gesetze kein Recht, Brot zu nehmen, wo immer er es findet. Dieses als ein Beispiel. Die Gesetze werden durch die Richter aufrechterhalten, durch Rechtsanwälte, Polizisten, Gefängnisaufseher und Henkersknechte. Auf diese Art wird die Eigentumsordnung im Lande geschützt.

Außerhalb des Landes ist das Eigentum Einzelner innerhalb einer Nation durch eine Armee und Flotte geschützt. Diese sind dazu bestimmt, andere Nationen zu verhindern, sich in die Eigentumsrechte anderer Leute zu mischen, welche in jenen Ländern wohnen oder dort Eigentum besitzen. Wie schon gesagt, ist das Eigentum in einem beliebigen Lande nur im Besitze weniger. Der Grund und Boden gehört einigen Großgrundbesitzern. Die Mühlen, Bergwerke, Fabriken, Werften, Schiffe usw. sind beschlagnahmt von einigen wenigen Kapitalisten. Die Übrigen der Nation, die kein Eigentum besitzen, um ihr Leben zu fristen, müssen für diese Eigentümer arbeiten.

Dies ist in jedem Lande der Fall. Jede Nation ist deshalb eingeteilt in solche, die mehr haben, als sie selbst brauchen, und solche, die nicht einmal das haben, was sie brauchen, in Herren und Arbeiter. Die meisten Sozialisten nennen diese zwei Kategorien von Menschen zwei Klassen: die Kapitalisten und die Arbeiter oder das Proletariat.

Nun wollen wir einmal das betrachten, was man das Recht des "Eigentums" nennt. Das Land wurde von niemandem erschaffen; folglich kann es keinen "Eigentümer" haben. Das ganze Volk sollte deshalb berechtigt sein, freien Zutritt zu demselben zu haben. Die Mühlen, Fabriken, Werften, Schiffe usw. wurden von Arbeitern gebaut; wenn vorgegeben wird, daß die Arbeiter für ihre Arbeit bezahlt wurden, so hat das keinen Halt. Der volle Wert geleisteter Arbeit ist niemals bezahlt worden, denn sonst würde es keinen "Profit" geben. Die Arbeitet sind somit des Wertes ihrer Arbeit beraubt worden durch den "Profit".

Bis hierher sind sich die Anarchisten und die marxistischen Sozialdemokraten und bolschewistischen Kommunisten ziemlich einig. Wo sie sich hauptsächlich unterscheiden, ist in der Art der Heilung.

Die Sozialdemokraten und Bolschewisten wollen: Das ganze Land, die ganze Industrie, alte Gebäude und Schiffe sollten dem Namen nach dem Volke, aber in Wirklichkeit dem Staate gehören, Dieser Staat soll entweder in der Form eines demokratischen Parlamentes, oder einer hierarchisch absolutistischen Rätediktatur, die vom Volke gewählt werde, die ganze Industrie übernehmen. Daraus folgt, daß es dann nur einen Herrn geben wird — den Staat — und das Volk genötigt sein wird, laut den Bedingungen des Staates zu arbeiten. Dieser Staat wird alles unter sich haben, und folglich wird der Staat Gesetze machen müssen, um das Volk im Zaume zu halten. Um diese Gesetze aufrecht zu erhalten, muß der Staat Strafen in Anwendung bringen, welche die den Gesetzen Ungehorsamen zum Gehorsam zwingen. Das Volk wird dann — wie jeder Sklave — mit Wohnung und Essen versorgt werden, aber es wird vom Staate ausgeraubt werden. Mit anderen Worten: es wird eine Herde Sklaven bleiben, wenn auch vielleicht leidlich wohlgenährte Sklaven. (1)

Die Anarchisten treten im Gegensatz zu den Obigen für die vollste mögliche Freiheit des Einzelmensehen und der Gesellschaft ein. Sie sind deshalb in allen Fällen gegen den Staat; das heißt gegen jegliche Regierung. Sie sind der Meinung, daß das Individuum unfähig ist, sich zu entwickeln, wo und so lange es von oben herab eingeschränkt wird; Fortschritt und Entwicklung werden dadurch aufgehalten.

Allein das Individuum ist nicht immer im Stande, sich als Einzelpersönlichkeit durchzuringen; und darum könnte ein reiner Individualismus sehr wohl durch einzelne Starke und Gewalttätige mißbraucht werden, welche unabänderlich zu Despoten oder Tyrannen würden. Letztere können sich nur auf Kosten der Allgemeinheit erhalten.

Aus diesem Grunde vertritt der Anarchist das Prinzip der Genossenschaftlichkeit und erstrebt einen kommunistischen Gesellschaftszustand. Der Anarchist erkennt das Naturgesetz, wonach der beste Fortschritt dort gemacht wird, wo die Individuen in gegenseitiger Hilfe und gemeinsamen Interessen miteinander verbunden sind. Im gegenwärtigen Fortschrittsgrad der Zivilisation, ist es unmöglich für ein Individuum, vollständig isoliert vom andern zu sein und sich zu erhalten. Der Anarchist ist deshalb der Ansicht, daß die beste Gesellschaftsform und die natürlichste die ist, wo Menschen sich zu freien Gemeinschaften vereinigen können für das allgemeine Wohl. Diese freien Organisationen des Volkes werden durch eine Regierung unmöglich gemacht, und deshalb muß das Regierungsprinzip verschwinden. Keine Art von Organisation ist wirklich frei und kann frei erzeugen, solange nicht ein freier, d.h. ohne Kauf oder höhere Zustimmung bedingungslos freier Zutritt zum Land und zur Industrie für jedermann besteht.

Heute sind Land und Industrie im Besitz einiger "Eigentümer" als deren Privateigentum. Daraus folgt, daß die heutige Form des Privateigentums abgeschafft werden muß.

Darum ist der Vollinhalt des Anarchismus dieser: Ein freies Land und ein freier Industrie-, oder Gemeinschaftsbesitz aller, keinerlei Regierung. Das Volk wird ohne Herrschaft, organisiert in Gruppen und Gemeinschaften, dann in der Lage sein, alle seine gemeinsamen Bedürfnisse zu decken, ohne Einmischung eines Staates oder seiner Regierung zwecks ihrer Eigennützigkeit. Und da das Volk sich nur um seine eigenen Bedürfnisse kümmern wird, wird es kein Geld geben, weder als Lohn, noch aus Tauschmittel. Dies allein bedeutet die Abschaffung des Lohnsystems.

Freies Land, freie Industrie, freier Austausch, und das Volk in freien Organisationen auf sich selbst bedacht, dies ist das Wesen des Anarchismus. Das wollen in Wahrheit nur die Anarchisten. Und nun kommen wir zur Frage der Verwirklichung des Anarchismus.

Die Anarchisten, geben nicht vor, einen programmatisch vorgeschriebenen schablonenhaften Plan zu besitzen, wie die Gesellschaft auf eine leichte Art und Weise spielend zum Besseren umwandeln zu können, wie es die Staatskommunisten, Bolschewisten und Sozialdemokraten tun, die ihr Heil in diktatorischen Dekreten erblicken, die sich aber sowohl in der Geschichte, wie in der Gegenwartspraxis schon als absolut unwirksam zur Veränderung der Gesellschaft und ihrer Grundlagen erwiesen haben.

Die Befreiung des Volkes kann nur das Werk des Volkes selbst sein. Die arbeitenden Massen brauchen nur zu entscheiden, was sie wollen und das so Gewollte praktisch auszuführen. Des ist die Hauptsache von allem! Die Umwandlung muß von dem Volke selbst vollzogen werden, die Arbeiter brauchen nur das brache Land zu besiedeln und es frei, ohne Abgabe an irgend einen Eigentümer, zu bebauen, der Großgrundbesitz muß ebenso überwunden werden von den bisherigen Landarbeitern und damit sind die Grundzüge der wichtigsten sozialen Wiedererlangung vollzogen.

Das heißt aber nicht, daß das Land und die Industrie in der Arbeitsmethode so weitergeführt werden sollen, wie gegenwärtig. Es genüge zu sagen, daß alle unnütze Arbeit entfallen wird und der Bebauung und Industrie die Wissenschaft zu Hilfe kommen wird. Dies bedeutet eine ungeheure Arbeitsersparnis und mehr Muße in allen Dingen.

Die Anarchisten wollen diese Umwandlung beschleunigen; deshalb machen sie alles, um ihre Ideen zu verbreiten durch Veröffentlichung von Flug- u. Zeitschriften und durch Vorträge. Sie versuchen unablässig aufzuklären, darzutun, daß irgend welches Übel oder die Not, die zu Tage treten, unmöglich durch den Staat geheilt werden können. Das Elend (oder derartige soziale "Fragen") die Armut oder Arbeitslosigkeit, die Wohnungsnot usw. sind Folgen und Erscheinungen des gegenwärtigen Systems des Eigentumsrechtes der Wenigen und der Mühsal der Vielen zu Gunsten Weniger — ein System, das nur möglich ist durch die Gewalt des Staates. Alle diese Übel können nur beseitigt werden durch die Umwandlung des gesamten gegenwärtigen Systems in eine Gemeinschaftsordnung der Freiheit und sozialen Gleichberechtigung, wie die Anarchisten sie vorschlagen.

Es ist nicht notwendig für das Volk, darauf zu warten, bis alle Menschen sich Anarchisten nennen und zu hoffen, daß erst dann etwas geschehen könne. Nein, die Menschen müssen bloß die Ideen der Anarchisten kennen lernen und dann selbst etwas geschehen machen, indem sie selbst im Sinne des Anarchismus ans Werk gehen. Haben sie einmal die Idee begriffen, dann bleibt für sie nichts anderes übrig, als sie in die Tat umzusetzen; es sind die breiten Massen des Volkes, die es zu tun haben und es tun werden, im Einklang mit ihrem Gefühl und Verstand.

Das ist der vielgeschmähte, weil unverstandene Anarchismus und so sind seine Mittel beschaffen, um ihn zu verwirklichen.

L. A. Motler.

(Aus dem Englischen übertragen von H. H. Patzak Edward)

Fußnote:
1.) Eben das letztere vermag der Staatssozialismus wie durch den Bolschewismus bewiesen, nicht zu leisten. Denn dieser vieltausendköpfige Staatsparasitismus verbraucht zumindest so viel als der frühere Staat und Kapitalismus, und so beweisen jetzt die marxistischen "Kommunisten" — vgl. Radek, Vargo und Trotzky — daß unter ihrer Diktatur die materielle Lage des Proletariats noch schlechter werden muß, als es bisher gewesen!

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 39 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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