Erich Mühsam - Proletarischer Aufstand in Wien! (1927)

(Vorläufiges)

In der deutschen demokratischen Republik herrscht hemmungslos der Fascismus durch das Mittel der Justiz. In der österreichischen demokratischen Republik war die Justiz im Begriff, den Fascismus ebenfalls einzubürgern, ohne dem parlamentarischen System die geringste Kränkung zuzufügen. Das deutsche Proletariat ist von den parlamentarischen Parteien so verliebt gemacht worden in seine verfassungsmäßig garantierten Rechte, daß es in dem Gebaren seiner Klassenrichter kaum mehr erkennt als Verblendung und Übermut gehässiger und fanatisch-reaktionärer Personen. Die Wiener Arbeiterschaft durchschaute schon bei einer der ersten offenen Solidarisierungen der Justiz mit den Mördern der fascistischen Organisationen, daß es sich hier um organisierten Bürgerkrieg handelt, der im Rahmen der Verfassung und unter zweckmäßiger Anwendung der Demokratie und der Staatsmittel einseitig gegen die Arbeiter geführt wird.

Das Wiener Proletariat griff zu den Abwehrmitteln, die der Bürgerkrieg ihm als natürliche Waffen zuweist. Es ging auf die Straße, legte den Verkehr still, baute Barrikaden und stürmte und zerstörte das Justizgebäude, den Seuchenherd des Fascismus. Die Aktion des Wiener Proletariats ist von keiner Führerschaft organisiert worden, sie entsprang der genialen Intuition der Masse, die nie irrt, wenn sie in Erregung führerlos zur Selbsthilfe greift. Die Niederbrennung des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927 wird in der Geschichte lebendig bleiben als eine der großartigen revolutionären Symbolhandlungen, die, wie die Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 und die Fällung der Vendôme-Säule am 16. Mai 1871, der Empörung, der Kritik und dem Willen der in spontane Bewegung geratenen Massen fanalhaften Ausdruck geben.

Der Ort, an dem die herrschende Klasse Urteile fällt gegen das Recht der arbeitenden Klasse - ein Trümmerfeld; das Papier, das in Grundbüchern die Privilegien des Besitzes, in Gerichtsakten die Vergewaltigung der Armen durch die Reichen festlegt, - ein Aschenhaufen: zum ersten und einzigen Male in seiner Sterbestunde war der Justizpalast in Wien die Stätte eines gerechten Urteils.

Es ging mit der prachtvollen Erhebung der Wiener Arbeiter, wie es noch jedesmal mit allen selbstherrlichen Entschlüssen derer gegangen ist, die von Freiheit und Recht ein wissendes Gefühl haben. Berufspolitiker, die nicht den Arbeitern zur Befreiung, sondern sich selbst zur Regierung verhelfen wollen, stellen sich an die Spitze des Aufruhrs, um dem Aufruhr die Spitze abzubrechen. So trieben es die Sozialdemokraten bei uns im Munitionsarbeiterstreik im Januar 1918, dann am 9. November, so haben es jetzt die Austromarxisten gemacht, die politisch etwa die Rolle der früheren rechtsunabhängigen Sozialdemokraten spielen. Sie proklamierten den Generalstreik, als er längst ausgebrochen war, und sie erwürgten ihn, als sie den Massen suggeriert hatten, daß nie die Arbeiter, sondern immer nur ihre bezahlten Führer wissen können, was anzustreben und was zu erreichen ist. Sie haben die Bewaffnung des Proletariats, die Entwaffnung der Konterrevolution verhindert, und sie haben zu den weißen Noskegarden noch die weißroten Hörsinggarden bewaffnet und den Fascisten ausgeliefert. Als das geschehen war, haben sie vor den Seipel und Schober bedingungslos kapituliert, und wenn sie ihren Zweck erreichen sollten, nun selbst wieder zum Regieren zugelassen zu werden, dann werden sie das nächste Mal vor den Leichen gefallener proletarischer Kämpfer nicht mehr nötig haben, Anklagegesten gegen die Reaktion zu markieren; dann werden sie selber das Kommando zum Feuern geben dürfen und es nicht minder freudig tun wie der Berliner Barmat-Bauer, als er in die gegen die Schändlichkeit des Betriebsrätegesetzes nur allzu friedlich, nur allzu diszipliniert demonstrierenden Arbeiter hineinkartätschen und ihrer an die 50 tot niederstrecken ließ.

Die österreichischen Sozialdemokraten fordern ihre Aufnahme in eine Koalition mit den Seipels; und die Kommunisten? O, die fordern eine "Arbeiter- und Bauernregierung", will sagen ihre Aufnahme in eine Koalition mit den Sozialdemokraten! Nein, nicht diese oder solche oder sonst eine Regierung ist zu fordern, sondern das, was den Arbeiter-Interessen gemäß ist: die Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten durch freie Räte, das heißt die Freimachung des Weges über die politische Revolution zur sozialen Befreiung, zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel, zur Abschaffung des Lohnsystems und zur Beseitigung der Klassen.

Aus: Fanal, 1. Jahrgang, Nr. 11, August 1927. Digitalisiert von www.anarchismus.at anhand eines PDF der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien (bearbeitet, Ue zu Ü usw.)


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