Die Revolution der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Kalenderzahlen sind an und für sich Unwahrheiten und auch mathematisch falsch. Dennoch können sie manchmal der konzentrierte Ausdruck ganzer Geschichtsepochen sein, in denen sich vielhundertjährige Arbeit von unzähligen Generationen aufspeicherte und entlud. Sie ermöglichen es, mit einem einzigen Wort in den Sinn eines bestimmten Weltereignisses einzudringen, sie werfen ein Schlaglicht blitzartiger Erhellung über gewisse Geschehnisse, diese dadurch dem menschlichen Bewußtsein näher rückend.

Märztage und Märzstürme sind es, die märzliche Gedanken zur Reife bringen. Wenn draußen die Sonne lacht und tiefblauer Himmelsbaldachin jede Wolke verscheucht hat; wenn die Luft so süß und belebend über Feld und Wald und Menschengewühl dahinstreicht; und wenn die Tage der zweiten Hälfte des März herannahen — da kann man sich der rebellischen Gedanken, der Erhebungsempfindungen über den Tatengeist im Volke und über sein revolutionäres Wollen nicht erwehren. Und wir wünschen es gar nicht. So wie die feinen Sonnenstrahlen mit goldigem Glanz ihre zarten Fäden durch die Luft spinnen, so steigen Vergangenheit und Zukunft der Revolution vor dem geistigen Auge der Betrachtung auf und gehen fast unmerklich in einander über. Was ist uns da die Gegenwart, der Augenblick, die Alltagsdummheit der Zeitgeschichte in Momenten solcher Empfindungen? Weniger denn ein Nichts. Denn das, was diese Alltagsgeschichte wirklich groß und zukunfttragend- und gebärend macht, das findet heute nur in wenigen Zeilen seine Chronik. Das, was sich so ungefähr als Geschichte dünkt, das schon vor dem Aussprechen tote Wort der Phrase; das Getriebe der Parteien und Cliquen aller Art, die Hin- und Herschiebungen der Interessen- und Vorteile, das hat wohl sehr viel mit dem Leben der bestehenden, starren Gesellschaftsform zu tun, aber rein gar nichts mit dem Geist der Revolution, mit ihr selbst — die uns Bahnbrecherin des Neuen und Kommenden ist, die uns in der Größe ihrer Zeugung die großartige Schöpfung darstellt.

Bei den Gedanken an die Revolution verblaßt der Elendsanblick der Gegenwart. Nur einige Pünktchen sind es, die uns fesseln; das sind die kleinen Punkte, aus denen so oft Flammen schlagen. Und ihre Feuerwelle neigt sich dann, im Winde des Märzens wehend, über die Gegenwart hinaus, der Vergangenheit zu und wieder der Zukunft entgegen, umschlingt sie beide im gewaltigen Umfangen und seliger Vereinigung — das ist das Märzglühen der Revolution, die als strahlende Schmiedehämmerin unvergänglicher Siegkraft in der Menschheit auf ihrem Amboß das zurechtschlägt, was erst hart werden muß, um feste und dauerhafte Grundlagen für jene Zeit legen zu können, die allein die Revolution besiegen wird: die Zeit universaler Freiheit, der ewigen Beseitigung jeder Reaktion, der ungehemmten Freiheitsentwicklung eines jeden Einzelnen und Aller: die Anarchie!

Begeistert gedenken wir der Revolution. Aber nicht etwa um ihrer selbst willen. Wir verabscheuen jedes Blutvergießen und jeden Mord, und auch die Geschichte der sogenannten Revolutionen ist erfüllt von unsäglich zwecklosen Morden hüben und drüben. Doch uns ist die Revolution etwas ganz Anderes. Uns ist die äußerliche Revolution eigentlich ein ihr unziemliches Trophäen- und Abzeichengepränge. Wir meinen, wenn wir von Revolution sprechen, die innere Revolution vor allem anderen, den großen Neugebärungsakt, den jeder Mensch an sich selbst vornehmen muß, indem er aus seiner Geisteshülle des Alten, des Vorurteilsvollen, der Religion jeder Kirche, des Glaubens an jede Staatsgewalt, des dumpfen Sehnens nach Ausbeutung und Bedrückung des Mitmenschen, aus der Geisteshülle des öden Wunsches, mit der als gemein erkannten Welt der öffentlichen Niedertracht einen Vertrag gegenseitiger Duldung einzugehen, um ebenfalls Früchte dieser Niedertracht genießen zu dürfen, wie es die Politiker aller Parteien tun, die aus dem zwangsweise durch die Bevölkerung gefüllten Steuersäckel des Staates mitgenießen  —  unsere Revolution ist jener Neugebärungsakt, bei dem die Menschen aus ihrer alten Geisteshülle heraustreten, sie abwerfen und in solidarischem Bunde ein neues Leben beginnen, indem sie dem Alten und Herrschenden und Bedrückenden und Gleißnerisch-Lügenden jede Gefolgschaft verweigern und den Gehorsam aufkündigen. Die Revolution der Vergangenheit ist nur darin groß, daß und inwieweit sie diese unsere Forderung erfüllte. Sonst in nichts. Alles Übrige klingt wie ein Koboldgelächter der Ironie auf den wahren Sinn der Revolution. Denn sie war nur insoferne eine Befreierin, als sie den Unterdrückten wirkliche Befreiung brachte.

Wenige Revolutionen haben dies getan, und in lächerlich wenigen Dingen haben sie es getan. Wenn man sie nach den praktischen Leistungen beurteilen wollte, so gäbe es unendlich viel Chaos und wenig Taten; unendlich viel Blut und wenig Arbeit; unendlich viel Gewalt und wenig Überwindung. Doch, obgleich wir auch diesen Ausblick auf die Revolution nicht vergessen dürfen — denn wie sonst wollen wir unser Denken läutern? —, so hat eine jede Revolution doch auch eines gehabt, das ihr Großes und Unvergängliches bildet: sie hat die Narrenkappen veralteter Gedanken, die Kirche, Staat und Tradition den Menschen aufstülpten, ein wenig gelüftet und immer mehr und auf immer länger. Das ist die bleibende Größe der Revolution, ohne der sie keine Zukunft besäße. Sie weckte, sie zündete, sie wühlte, sie zerriß, sie brach, sie zerstampfte, sie vernichtete das altehrwürdig-heilig Gedachte — und damit nahm sie für Momente, für geheiligte Geschichtsperioden die Binde nicht nur von den Augen der Gerechtigkeit, weit mehr noch von den Augen der Menschen, die bis dahin stets blind und das Licht scheu meidend ihre Lebenswege abgetrottet waren.

Aber auch die Revolution kann alt werden. Was wir feiern, und wessen wir stets gedenken, das ist die Jugend der Revolution, ihr Ausbruch, selten ihr Verlauf. Die Revolution kann ermüden, wenn die Lebenssäfte der Menschen ihre Leidenschaft des kühnen Denkens nicht mehr pulsieren. Heute sind wir schier dabei angelangt, daß die Revolution alt und müde geworden ist. Freilich, es wäre ungerecht zu vergessen, was uns die letzten Jahre alles gebracht haben: Rußland, Frankreich, Italien, Spanien, Argentinien — sie alle hatten ein Aufflammen, ein oft lange währendes Flackern. Doch stets wurde die Revolution dieser Länder gedämpft durch die müde und abgelebte Revolution in anderen Ländern, wie Deutschland und Österreich. Diese Länder kämpften entweder nicht mit oder so, daß sie der Revolution Zaum und Zügel anlegten. Überhaupt, wer die alte, die altgewordene und müde, ja sterbensmüde Revolution sehen und erkennen lernen will, der blicke auf diese Länder. In der Tat, in ihnen war die Revolution noch nie wirklich jung. Was Frankreich 1789 proklamierte und größtenteils durchführte: Sturz des Feudalismus, das war eine logische Konsequenz der englischen Revolution vor einem Jahrhundert zuvor und den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen und deren Geist, der sich auf das alte Europa ergoß. Es ist ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, daß Frankreichs große Revolution den Absolutismus stürzte. Keine Revolution Europa's hat dies bisher getan. Was sie taten, das war, daß sie die wirtschaftlichen Bande des Feudalismus durchhieben und die neue Zeit, jene des bürgerlichen Kapitalismus schufen. Im Gegenteil, die Revolutionen, die sich eng an das Vorbild der englischen und französischen anschlössen, sie haben den Absolutismus wohl verhüllt, aber innerlich nur noch verstärkt. Sie führten den absoluten Gewalten der Aristokratie und der kirchlichen Geistlichkeit eine neue, bisher politisch nicht herrschende Klasse als Verbündete in der Herrschaftsgewalt zu: das Unternehmertum, auf das die bisherigen Herrschgewalten nur mit Nasenrümpfen herabgeblickt hatten. Das und nichts anderes war es, was in Wahrheit die Revolutionen auf politischem Gebiete leisteten; sie haben die Autorität verstärkt, vermehrt — und jede Autorität ist in letzter Entwicklung ihrer Selbsterhaltung vollkommen absolutistisch.

Daß die Revolutionen von 1648, 1789 und 1848 feudalistische Schranken brachen, das sei ihnen gedankt und zugute gehalten. Doch täuschen wir uns nicht; sie haben damit auch viel Gutes für die Massen zerschmettert, ohne auch nur die geringste Grundlage zu legen für das gesunde Massenleben unter den heuen Verhältnissen. Alle sogenannte Geistesfreiheit und Lehrfreiheit, alle politischen Bewegungsfreiheiten, die die Revolutionen gebracht, war schließlich und endlich nur Sache der wirtschaftlich Starken, und ist bis heute ihr eigenster Vorteil geblieben. Nicht nur, daß diese Geistesbeweglichkeit, die erstritten ward, ein Mittel der Bereicherung für die ohnedies Reichen geworden, aber, seien wir doch aufrichtig; was haben die Arbeiter davon? Anno 1848 und noch viel früher konnten die meisten von ihnen nicht lesen; heute wieder sind sie nur die Statisten des politischen Cliquengetriebes, die ökonomische Frage und die Mittellosigkeit verunmöglichen es ihnen durchaus, sich eine gründliche Bildung anzueignen. Zwei Tatsachen treten uns unbestritten entgegen: die Massen sind "gebildet" geworden, insofern als sie einzelne Schlagwörter, die ihre Führer ihnen im Selbstinteresse hinwarfen, aufschnappten; und sie sind "gebildet" geworden, insoferne als es Interesse der Machtfaktoren war, es mit "gebildeten" Menschen zu tun zu haben; auch nur aus Selbstinteresse heraus. Alle diese sogenannten "Freiheiten" sind also nur für diejenigen da, die entweder begütert sind, oder es verstehen, sich in die Reihe der Begüterten einzuschmuggeln, indem sie sich insgeheim oder öffentlich mit diesen verbünden. Wer, der ehrlich nach Befreiung der Menschheit trachtet, kann bei der in die Augen springenden Massennot, ihrem Massenelend, der Verrohung und Verwilderung der Millionen und Abermillionen begeistert von den "Errungenschaften" der Revolutionen erzählen?

Wir sind Revolutionäre, entschiedene und unerschütterliche Revolutionäre. Aber darum ist uns Selbsterkenntnis und Wahrheitsliebe oberstes Gebot. Das, was in diesen heutigen Märztagen von Sozialdemokraten als Revolution gefeiert wird, die Märztage von Berlin und Wien, das hat sich längst als Selbsttäuschung herausgestellt. Diejenigen, die diese Tage feierlich begehen sollten, die Bourgeoisie und ihre Epigonen, kümmern sich um diese heroischen Tage ihrer eigenen Geschichte überhaupt nicht mehr oder nur recht nebensächlich. Wir aber, die Rebellen der Zukunft, die Proletarier der Erkenntnis der Notwendigkeit unseres Klassenkampfes gegen alle Herrschaft und Ausbeutung, der Erkenntnis der Notwendigkeit einer klassenfreien, klassenlosen Gesellschaftsvereinigung, wir haben kein Interesse daran, die Begründung der bürgerlichen Klassengesellschaft mit ihrem Jammer, ihrer Lüge, ihrer Infamie und Staatsborniertheit und Demagogie feierlich zu begehen! Gewiß, unser Blut, proletarisches Blut, wurde in jenen Tagen auch vergossen uud vermengte sich mit dem bürgerlichen Blut der Studenten und des kleinen Mannes und des akademischen Professors. Aber wird nicht auch proletarisches Blut vergossen, wenn zwei Staaten ihre Armeen gegeneinander zu kriegerischem Morden befehligen? Und dennoch werden wir hier keinen Heldentod besingen. Dabei ist die Ähnlichkeit aller bürgerlichen Revolutionen mit den staatlich entfesselten Kriegen unverkennbar. Hier wie dort sehen wir das Proletariat, fanatisiert durch unverstandenen Wortschwall, aber viel erhoffend von dessen Versprechungen, sein Blut für fremde Interessen vergießen, die nichts zu tun haben mit den menschheitlichen Interessen Aller; hier wie dort sieht der schärfer Blickende Klassenkämpfe der Herrschenden untereinander, die aber vom verführten und betrogenen Volke ausgekämpft werden. Und das sollen wir feiern; und das sollen wir festlich begehen?

Eine andere Revolutions-Symphonie weiß ich euch, Kameraden! In allen Revolutionen und revolutionären Erhebungen, die aus dem Mittelalter bis zu uns hineinragen, gibt es eine "unterirdische Bewegung der Revolution" — oft nur von Wenigen geleitet, aber immer wiederkehrend. Diese unterirdische Bewegung wird von den sogenannten Extremen getragen, denen gegenüber alle anderen "Revolutionäre" mit den herrschenden Gewalten paktieren. Unter verschiedenen Namen zeigt sie uns das Mittelalter, die große Revolution, zeigte sie uns die Februarrevolution, zeigen sie sich sogar in Deutschland und Österreich, wenn auch nicht als Bewegung, sondern mehr nur als Gedankenblitz in den Köpfen Einzelner. Aber die ewige Wiederkehr dieser Gleichen in stets vermehrter Anzahl beweist uns, daß sie die richtige Logik der Revolution erkannten und verfolgten. Sie waren diejenigen, die in Wahrheit und als Einzelne den Absolutismus vernichten wollten: indem sie die Zentralgewalt des Staates in allen Formen angriffen, wohl wissend, daß damit nicht nur scheinbar der politische, sondern auch der wirtschaftliche Absolutismus fallen muß. Auch sie waren nicht immer klar, oft kamen sie zu früh, oft zu spät zur klaren Erkenntnis der Notwendigkeit dessen, was getan werden sollte. Immer aber waren sie es, die als Einzige einem klaren Ziel zustrebten. Dieses Ziel, in weit vielseitigeren Einzelheiten, als es der Name auszudrücken vermag, nennen wir heute kurzweg: die Kommune.

Der Gedanke der Kommune, der selbstverwaltenden Gemeindeordnung, ist etwas ganz anderes als die öden, zwecklosen Worte von nationaler Autonomie, von Personal- oder Länderunion u. dgl. mehr, von denen gerade das politische Leben Österreichs am meisten widerhallt. Die Gemeinde (Kommune) ist die Gemeinschaft der geistig, wirtschaftlich und sozial auf einander Angewiesenen, der durch gemeinsame Interessen mit einander Vereinigten. Heute haben wir keine Gemeinden; manche werden sagen, wir haben nur keine freien Gemeinden, wir aber sagen, wir haben gar keine Gemeinden. Das, was sich heute Gemeinde nennt, ist eine von der Zentralregierung eingesetzte Kleinregierung, eine Art Satrapentum, das die zweckmäßigere Steuereintreibung gewaltsweise zu besorgen hat. Gerade die fortwährende Einbeziehung neuer Umgebungsgemeinden in das zentralistische Stadtgebiet von Wien z.B. bekundet die absolute Abhängigkeit derselben von der Zentrale, diese jammervolle Abhängigkeit ist es, was sie dann dazu treibt, um Einverleibung nachzusuchen. Dadurch geht ein Stück Selbständigkeit der Gemeinde, des Marktfleckens, wie sie sogar noch das Spätmittelalter kannte, nach dem anderen verloren. Alles wird aufgesaugt von der Zentralmaschine der Riesenstadt, die nur den Zweckinteressen der Spekulation und Ausbeutung dient, der politischen Unterjochung Aller unter der Diktatur des Militärzentralismus.

Der Begriff der Kommune besitzt also heute keinen realen Inhalt. Uns aber obliegt es, ihn mit realem Gehalte zu erfüllen. Wir vertreten mit all jenen ungezählten Namenlosen der Revolution den Gedanken, der in den Märztagen des Jahres 1871 einen großen Anlauf zu seiner Verwirklichung nahm. Die Kommune bedeutet den Sturz jeder Zentralgewalt der Staatsautorität; sie bedeutet den Zusammenbruch des Militarismus als Instrument jener Zentralherrschaft; sie bedeutet die Befreiung aller Volksteile und Gemeinschaftsgruppen aus dem Zwangsjoche der staatlichen Zusammenschweißung; sie bedeutet die Autonomie nicht im Sinne eigener Herrschaft, sondern die Autonomie im Sinne der sozialen Verbrüderung aller derjenigen, die sich zueinandergehörig betrachten und die Verrichtung ihrer eigenen Dinge und Angelegenheiten ohne Abhängigkeit von irgend einer außer ihnen befindlichen Staatsmacht wollen.

Indem die Kommune so die Gemeinschaftszelle des Föderalismus wird, da alle die einzelnen, autonomen Kommunen untereinander solidarisch verbündet sein werden, bedeutet sie die Vernichtung jeder wirtschaftlichen Monopolisierung, des gesamten heutigen Kapitalismus. Gerade durch die Autonomie jeder Gemeinde für sich, verschwindet das Justiz- und Strafsystem des Staates, verschwindet seine Polizei, werden die Gefängnisse, die Parlamente, die Kriegs- und Zeughäuser des Staates durchaus überflüssig gemacht; um so mehr, desto mehr das Prinzip der Autonomie der einzelnen Gruppen durchgeführt und verwirklicht wird. Denn die Schichtungen der Menschen bilden sich nun nur direkt, nach gegenseitigen Solidaritätsinteressen; diese demolieren das ausbeuterische Privateigentum, die Arbeit ist gemeinsam und somit auch der Ertrag derselben; alle in der Kommune, die selbst wieder aus zahlreichen kommunalistischen Gruppierungen besteht, Verbündete und Verbrüderte kennen sich, und das Leben eines Jeden ist heilig, sein Lebensrecht das höchste Pflichtrecht der Gemeinschaft. Erst in der freien, autonomen, durch keinen Staat, keine Steuerlast, keine Militäraussaugung, keine Politikantenmitregierung ausgebeutete Gemeinschaft, in der die betreffenden Berufs- und Fachgruppierungen direkt und mit einander austauschen oder für einander arbeiten — erst in dieser Kommune findet der nationale, der wirtschaftliche, der soziale und Rassenhaß sein Ende und ewiges Vergessen.

Das ist die Kommune, wie sie schon lange vor 1871 einigen hellen Köpfen vor ihrem geistigen Auge stand; daß die Kommune von 1871 alle diese Gedanken aus innerster Konsequenz heraus, wenn nicht allseitig begrenzt und bedroht, hätte erfüllen müssen, das macht sie so unendlich wichtig für die Geschichte der Arbeiterklasse. Sie faßt damit gewissermaßen alle Ansätze und Lebensziele der Revolution im eigensten Klasseninteresse des Proletariats und im Interesse aller menschheitlichen Humanitätsund Idealgedanken zusammen. Die Revolution der Kommune — das ist die Revolution von innen nach außen, von unten, der sozialen Keimzelle, nach oben, der großen umfassenden Gesellschaftsorganisation. Über die Kommune von 1871 hinaus müssen wir, aber festhalten an ihrem Grundprinzip sollen wir, denn Anfang jeder sozialen Befreiung ist die Aufhebung der Zentralgewalt des Staates und jedweder zentralistischer Herrschaft. Das ist es aber, was die Kommune will, und wozu sie gelangen muß. —

Draußen leuchtet die Frühlingssonne den Menschen auf ihrem rechten Weg zum Glücke Aller voran und voraus. Mögen sie ihn bald gehen. Nicht Rückblick darf unsere Losung sein, sondern Vorausblick, Durchdringung der Fehler der Vergangenheit und bahnbrechende Arbeit für die Zukunft. Seien wir es endlich müde, unsere Torheiten zu bejubeln und zu wiederholen.

Schämen wir uns, heute noch die Menschen einerseits zu belügen über die Wichtigkeit der Schlafmützen-"Revolutionen" fürs Wahlrecht und derlei Flickwerkzeuge für die bestehende Gesellschaft mehr; anderseits uns selbst zu fanatisieren über die "Notwendigkeit" eines solchen Kampfes, an die wir selbst nicht glauben können. Ist es der Revolution der Zukunft würdig, solch dummen, läppischen Gassenhauer des Unsinns den Massen als "Kampflied" zu geben, wie es die Sozialdemokratie Deutschlands gegenwärtig dem Proletariat bietet? Sollen solche Strophen den Edelmut des Volkes beflügeln und seine Geistesklarheit herbeiführen, wie etwa die: "Hinaus vor die Tore, In gleichem Schritt und Tritt; Wir haben Zigarren, Doch keine Brownings mit. Der Schutzmann steht Und sieht verwundert zu, Wir lassen selbst die Karpfen Im Teich in Ruh. Wir gehen spazieren, Das ist doch sonnenklar; Die Märzluft ist frisch und Das Wahlrecht in Gefahr. D'rum schöpft die Brust Sich frohen Freiheitshauch; Der Park dient dem Vergnügen Und unseren auch!"

Der Genius der Revolution verhülle sein Angesicht ob solchen öden Treibens. Das bringt keine Revolution, und das beweist nur, wie ungeheuer wichtig es ist, das Proletariat zu retten vor seinen Verführern und wirklich revolutionär aufzuklären. Es gibt eine Schmach in der Geschichte der Arbeiterklasse, die die entsetzensvollste ist, und sie heißt Selbstironisierung, ein Verfallen dem Fluche der Lächerlichkeit. Davor wird das Proletariat nur durch die Propaganda des Anarchismus bewahrt, der allein den Ideen des Volkes Geistesklarheit und ein kraftvolles Rückgrat verleiht.

Das ist uns das Gedenken an den 18. März, das sind uns die Revolutionen der Vergangenheit. Wir gebrauchen sie in der Gegenwart als Lehrstoff für die heraufziehende Revolution der Zukunft, die ihre Erlösung findet in den erhabenen Kampfund Zielworten: Es lebe die Idee der sozialen Revolution, Hoch die Kommune der Anarchie!

Aus: "Wohlstand für Alle", 3. Jahrgang, Nr. 6 (1910). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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