Zur Geschichte des Schwarzen Fadens

Die im Juli 2004 eingestellte Zeitschrift "Schwarzer Faden" war eine der wichtigsten bundesweiten Anarcho-Zeitungen in Deutschland. Ihre Einstellung hinterließ eine bislang nicht geschlossene Lücke in Theoriebildung und Debatte. Anbei findet ihre einen Abriss der Geschichte des Schwarzen Fadens sowie ein interview aus dem Jahr 2003. Unter www.schwarzerfaden.de finden sich noch letzte Onlinefragmente...

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Zu einem Zeitpunkt, als bundesweite anarchistische Periodika, wie z.B. der Engel Luzifer und Der Schwarze Gockler, der im Dunkeln kräht nur unregelmäßig herausgebracht wurden und es neben Gruppenorganen, wie der von der Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA) verantworteten gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution und der anarcho-syndikalistischen direkten aktion kaum noch überregionale und vom Anspruch her übergreifende, anarchistische Zeitschriften gab, diskutierten AnarchistInnen auf der Frankfurter Gegenbuchmesse 1979 die Gründung einer neuen bundesweiten Zeitschrift.

Als Anschubfinanzierung für das Projekt diente eine Einlage von jeweils einigen hundert Mark, die von den sieben, aus unterschiedlichen Teilen der Bundesrepublik kommenden Gründungsmitgliedern (Gudrun Winkelmann, Friederike Kamann, Herbert Wieder, Horst Blume, Wolfgang Haug, Ex-Redakteur von oh wie schön, Stefan Blankertz, Ex-Redakteur von Neue Viehzucht und Volker Eichler, Ex-Redakteur von Fanal) in die gemeinsame Kasse eingezahlt worden war. Im Mai 1980 brachte das überwiegend aus MitarbeiterInnen der anarchistischen Verlage "Büchse der Pandora" und "Trotzdem" bestehende Gründungskollektiv in Reutlingen rund 500 Exemplare der Nullnummer des Schwarzen Fadens (SF) heraus.

"Der Faden sollte sich langsam spinnen und den Beteiligten die Chance lassen, sich mitzuentwickeln und die Zeitschrift nach und nach zu verbessern. Dennoch waren wir übervorsichtig, so daß unsere Nullnummer nach vier Wochen ausverkauft war; erfolgreich war sie ebenfalls, denn sie führte wegen eines Artikels mit RAF- und Staatskritik zu bösen Briefen seitens gefangener RAF-Mitglieder und zum Berufsverbot für zwei RedakteurInnen. Wir [die Red.] waren also auf dem richtigen Weg!"

Seitdem informiert der vom Trotzdem-Verlag herausgegebene Schwarze Faden regelmäßig über libertäre Tendenzen weltweit und stellt radikale Denk- und Aktionsansätze für eine politische und kulturelle Gegenbewegung zur Diskussion. Enthalten sollte dabei möglichst jede Nummer "ca. 1/3 aktuelle Themen und Diskussion, ca. 1/3 Theorie oder Informationen und ca. 1/3 Kultur und/oder Geschichte und/oder "Unterhaltsames", so ein Anspruch der Redaktion.

Der auf Umweltschutzpapier gedruckte SF erschien anfangs ohne gesetztes Schriftbild und mit niedriger Auflage. Anders als der ebenfalls 1980 gegründete und bundesweit verbreitete Galgenvogel, der ausschließlich übersetzte Artikel, u.a. aus US-amerikanischen, britischen, italienischen, spanischen und französischen anarchistischen Zeitschriften veröffentlichte.

"Doch der Galgenvogel kreiste nur zwei Nummern, dann setzte er aus ökonomischen Gründen zum Sturzflug an."

Um nicht als Konkurrenzblatt zum Galgenvogel zu erscheinen, hatte der Schwarze Faden bis dahin nur wenige Übersetzungen aus der internationalen anarchistischen Presse abgedruckt. Durch die Anschaffung u.a. von Computern, Fax und Laserdruckern verbesserten sich die technischen Möglichkeiten. Im Laufe der Jahre lernten die RedakteurInnen setzen, das von Anfang an übersichtliche, mit vielen qualitativ hochwertigen und schönen Fotos angereicherte Layout wurde zunehmend professioneller, die Druckqualität verbessert und die Seitenzahl von 1980 bis 1994 peu à peu von 40 auf 76 erhöht.

Die Resonanz war groß und so stieg die verkaufte Auflage schrittweise von 900 über 1.200 auf 1.500 und seit Mitte der achtziger Jahre schwankt sie zwischen 2.000 und 3.300 Exemplaren. Im Anschluß an eine Organisationsdiskussion gründete die Redaktion 1983 das Forum für libertäre Informationen (FLI). Das FLI sollte sich zu einem Zusammenhang entwickeln, der sich gesamtgesellschaftlich einmischt und die Lehre aus diversen anarchistischen Organisationsversuchen zieht, welche "allesamt mit viel gutem Willen und wenig erarbeiteten Inhalten begannen und nach kurzer Zeit wieder zusammenbrachen."

Bevor sie im Schwarzen Faden publik gemacht würden, sollten Positionen mit dem Forum für libertäre Informationen diskutiert werden. Dort sollte eine theoretische Basis erarbeitet und die Inhalte verstärkt in die Diskussion getragen werden. Neben dem internen FLI-Rundbrief entstanden einige zum Teil langlebige Arbeitsgruppen zu Themen, wie Anarchafeminismus/Patriarchatskritik, Antipädagogik, Arbeit/Zerfall der Arbeit, Sowjetunion, Neoliberalismus, Sozialtechnologie u.a. In den Arbeitsgruppen wurden allerdings nur selten Beiträge für den Schwarzen Faden produziert. Trotzdem-Verlag und Redaktion zogen sich 1988 aus dem FLI zurück.

"Trotzdem hat uns das FLI neben unvermeidlichem Knatsch wichtige direkte menschliche Kontakte gebracht, die sich bis heute für den SF auszahlen, da zumindest zwei Redakteure (zeitweise waren es drei) über das FLI zum SF gestoßen sind."

Das Redaktionskollektiv änderte sich im Laufe der Jahre und so konstatierte der bis heute aktive Trotzdem-Verleger, SF-Redakteur und -Herausgeber Wolfgang Haug im A Kalenda 1992, daß sie nun wieder zu sechst seien, es aber auch kritische Zeiten gegeben habe, in denen sie zu dritt die Zeitschrift "über die Runden retteten". Gestartet seien sie bei der Verlagsgründung auch mit der anarchistischen Utopie, ihr eigenes Leben nach diesen Prinzipien auszurichten.

"Mensch macht ja nicht über Jahre hinweg eine Zeitschrift, bei der nichts zu verdienen ist, ohne individuelle Absichten und Hoffnungen zu hegen. Was ist dabei herausgekommen? ( ) wir haben die Trennung zwischen privat und öffentlich weitgehend überwunden. Leben und Arbeit sind räumlich und zeitlich eng miteinander verbunden. ( ) grundsätzlich können wir entscheiden, ob wir erst nachmittags, ob wir bis tief in die Nacht arbeiten, oder ob wir mal kurz irgendwo hinfahren."

Weniger erfreulich sei, daß das Kollektiv recht häufig in Konflikte verwickelt werde, "sei es aus eigener 'Schuld' durch die Publikation eines Artikels, sei aus der Weigerung einen Artikel abzudrucken, oder auch nur, weil wir an unsere persönlichen Grenzen stoßen, von vielen Seiten angesprochen werden und längst nicht mehr alles - auch nicht unsere eigenen Ansprüche - einlösen können."

Bis zu der im Juni 1985 herausgebrachten "Kulturnummer" (Nr. 18 - 2/85) wurde der Untertitel "Anarchistische Vierteljahresschrift" beibehalten. Nachdem im Sommer 1985 eine Nostalgienummer mit ausgewählten Beiträgen aus den ersten dreizehn, vergriffenen Ausgaben herausgebracht worden war, erschien im September die Nr. 19 - 3/85 mit dem Untertitel "Vierteljahresschrift für außerparlamentarische Opposition" und im Dezember 1985 die mit "fachzeitschrift für anarchie und luxus" untertitelte Sondernummer "Verfall und Auflösung der Arbeit".

Schließlich entschlossen sich die MacherInnen zur Wiederbelebung einer Transparentparole, mit der sie in den 70er Jahren gegen NPD-Parteitage losgezogen waren: "Lust und Freiheit wollen wir, doch nicht diese Nazis hier!" Bis auf wenige Ausnahmen wurde der Untertitel "Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit" von Januar 1986 (Nr. 20 - 1/86) bis heute beibehalten. So sollte der Anspruch umschrieben werden, daß anarchistische Politik Spaß machen kann und soll.

Die Redaktion verstand die "Lust" dabei weniger begrenzt auf den reinen Text, sondern bezog Grafiken, Photos und das Layout mit ein. Was den Text betreffe, so wünsche sich das Kollektiv durchaus mehr Spaßguerilla und lehne satirische Beiträge auch nicht rundweg ab. Oft kritisierten LeserInnen, daß die "Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit" selten lustvoll sei, dafür manchmal "übermäßig aufgeschwemmte Diskussionen über inneranarchistische Fraktionsquerelen" enthalte und die inhaltliche Gewichtung und intellektuelle Sprache die Publikation "zum Kummer einiger als eine Art Anarcha/o-'Intelligenzblatt' erscheinen" lasse.

Im Mai 1988 erschien eine vom Trotzdem-Verlag, dem FLI und einer erweiterten Redaktion herausgegebene Sondernummer Feminismus-Anarchismus. Wie die Geschichte des Anarchismus sei erst recht die der anarchistischen Frauen eine "untergegangene" Geschichte, so die MacherInnen. Der Anarchafeminismus aber sei in aller Munde und stoße auf großes Interesse. Zum Teil artikuliere sich hier das "Bedürfnis von Frauen aus anarchistisch/autonomen Kreisen, ihr Unbehagen in der Bewegung, ihre Beziehungen zu den Männern in der Bewegung zu reflektieren." Ein breites Spektrum von Frauen und Männern diskutiere unter dem neuen Schlagwort "Patriarchatskritik", wobei die unterschiedlichsten Begriffe verwandt würden.

Der Anarchafeminismus lege Wert darauf, den Begriff vom "Patriarchat" weiter zu fassen als es das Schlagwort von der "Herrschaft der Männer über die Frauen" beinhalte. Männer seien von patriarchalischem Denken und Verhalten geprägt, das subjektiv nicht unbedingt als "Unterdrückung" erlebt werde und dennoch aktiv bekämpft werden müsse. Anarchafeminismus begreife Herrschaft - in jeder Hinsicht - als "das Problem", nicht allein ihre patriarchalischen Manifestationen. Denn von diesen seien Frauen alle auf verschiedene Weise betroffen. Die Divergenz im angeblichen "WIR" aller Frauen äußere sich bei Feministinnen u.a. im Fehlen einer gemeinsamen Utopie, einer gemeinsamen Vision. Zwar würden vom Feminismus viele patriarchalische Haltungen und Institutionen als Problem erkannt. Dennoch existiere bislang keine gemeinsame Definition davon, was das "Patriarchat" sei und wie es bekämpft werden könne.

In der Sondernummer konzentrierten sich die Beteiligten auf den thematischen Schwerpunkt inhaltlicher Kritik an feministischen Positionen. So sollte zu einer Radikalisierung der feministischen Gesellschaftskritik beigetragen werden - die bei vielen feministischen Strömungen lediglich in einer "positiven Diskriminierung" bestehe. In dieser Ausgabe sollte versucht werden zu zeigen, wie sich Anarchismus und Feminismus komplementieren könnten. Obwohl sich nur wenige Frauen ausdrücklich als Anarchafeministinnen begreifen würden, sei der anarchafeministische Impuls in vielen Diskussionen unterschwellig vorhanden. Er trete überall in Erscheinung, wo Feministinnen/Anarchistinnen gegen staatliche Macht - oder patriarchale Unterdrückungsstrukturen rebellieren.

Die erste Auflage von 3.000 Exemplaren dieser herausragenden, 68seitigen Sondernummer, war ebenso schnell vergriffen, wie die im Sommer 1989 gedruckte zweite, überarbeitete und um einen Artikel von Rosella Di Leo erweiterte Neuauflage von 1.400 Exemplaren. Im Oktober 1997 erschien eine weitere Schwerpunktausgabe zu den vielfältigen Beziehungen zwischen Feminismus und Anarchismus, die SF-"Sondernummer Feminismus II".

Seit Mitte der achtziger Jahre öffnete sich die Redaktion zunehmend auch anderen linksradikalen Strömungen. Dies gefiel nicht allen Libertären und führte nicht selten zu kontroversen Diskussionen außer- und innerhalb des SF. So wurde im Frühjahr 1990 in einem Leserbrief die Öffnung und die Arbeit der Redaktion kritisiert. Über wiederholte "oberlehrerhafte Hinweise", wie der jeweilige nachstehende Text zu lesen sei, über das "häufige Weglassen von ganzen Textpassagen" oder die "inhaltsleere und unsolidarische Anmache anderer libertärer Richtungen (z.B. die Libertarians) oder Zeitungen (z.B. die Frühstückstischpolemik gegenüber der Graswurzelrevolution in SF 32)" könne nicht immer "ohne Magenschmerzen" hinweggesehen werden. Da sich die SF-Redaktion in der Auswahl ihrer Artikel "anscheinend dem autonomen, nicht-anarchistischen Spektrum" öffne, sei vor einer weiteren Entwicklung in diese Richtung zu warnen, so Kaesling. "Mag sich auch eine autonom gefärbte libertäre Zeitschrift besser verkaufen", so könne doch "dieser Mentalität nur widersprochen werden." Es dürfe nicht angehen, "daß in den letzten Nummern Inhalte angeboten werden, die zu einem nicht unerheblichen Teil entweder autonom-marxistischen Inhalts und/oder von autonomen AutorInnen stammen ( ) bzw. überhaupt keine libertäre Ausrichtung einnehmen."

In der gleichen Ausgabe des Schwarzen Fadens beantwortete die Redaktion diese Kritik. Redaktionelle Vorbemerkungen werde es auch in Zukunft geben, um damit Bezüge zu schaffen, eigene (eventuell abweichende) Positionen zu verdeutlichen oder Zusatzinformationen zu geben. Damit sei aber keine Bevormundung der VerfasserInnen oder LeserInnen beabsichtigt. Auslassungen seien nach Ansicht der RedakteurInnen häufig notwendig, weil die Artikel sich entweder selbst wiederholen oder zu lang seien. Der SF verstehe sich seit seiner Gründung "im Gegensatz z.B. zur Interim" als eine Zeitschrift, die nicht grundsätzlich alles abdrucke, was ihr angeboten werde.

"Würden wir es machen, wäre der SF unserer Meinung nach wirklich nicht wiederzuerkennen und voll mit marxistischen, grünen usw. Inhalten, da diese Menschen nach wie vor häufig intensiver arbeiten als AnarchistInnen."

Auf die o.g. Kritik am Umgang mit anderen libertären Richtungen, räumte die Redaktion ein, daß ihr bisweilen "die Pferde durchgehen", andererseits fehle ihr das Verständnis dafür, daß eine Kritik meist schlimmer gefunden werde, als das, was die Redaktion kritisiere.

"Gibt's nichts zu kritisieren an der Libertarian Party, am (neuerlichen) Silvio Gesell-Boom? Sind solche Strömungen - um Öl ins Feuer zu gießen - überhaupt 'anarchistisch'? Weshalb war unsere Kritik politisch inhaltsleer? Oder ist es nicht vielmehr so, daß wir gerade einen politischen Standpunkt vertreten, der von manchen AnarchistInnen nicht geteilt wird, aber dennoch ebenfalls 'anarchistisch' ist?"

Der polemische Kommentar zur Graswurzelrevolution sei spontan entstanden, "aus Enttäuschung über die erste Ausgabe der neuen GWR, in der wieder 'Vorbilder' hochgehalten" würden. Für autonome Ansätze habe sich der Schwarze Faden bewußt geöffnet.

"Zunächst halten wir die Autonomen nicht ausschließlich für Marxisten, sondern gehen davon aus, daß sich sehr viele anarchistisch-gesinnte Menschen unter ihnen befinden. Anders ausgedrückt: die Autonomen sind unserer Meinung nach für verschiedene Theorieansätze offen, darunter auch für den anarchistischen. Als Anarchisten haben wir deshalb ein natürliches Interesse in die Diskussion mit Autonomen und über ihre Inhalte zu kommen."

Es gehe der Redaktion darum, authentisch zu berichten und deshalb sei es ihr lieber, wenn Autonome im SF über ein Autonomes Zentrum schreiben, als wenn dies Außenstehende tun. Der Schwarze Faden wolle seit seiner Gründung ein Diskussionsforum aller antiautoritären Strömungen sein und bevorzugt die zu Wort kommen lassen, die sich sozial, künstlerisch und gesellschaftspolitisch engagieren. Die aus aktiven, politischen Zusammenhängen kommende Redaktion wolle den Bezug zu einer aktiven, "lebendigen" Basis nicht zugunsten "reinerer" Theorie verlieren.

"Was wiederum nicht heißt, daß wir uns nicht weiterhin um die Aktualisierung anarchistischer Theorie kümmern bzw. anarchistische Klassiker (im Trotzdem Verlag) neu auflegen. Vielleicht sollten vorschnelle KritikerInnen auch mal Verlagsproduktion und SF zusammen betrachten, denn beides wird von denselben Leuten gemacht!"

Fünfzehn Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe äußerte sich die Redaktion erfreut über das kontinuierlich gesteigerte Interesse der LeserInnen, der AbonnentInnen und AutorInnen, die ihr vermehrt und aus eigenem Entschluß ihre Artikel zum Abdruck zusenden. Das zeitweise nur noch aus Männern bestehende Redaktionskollektiv wolle die Artikel aufgrund ihrer Qualität auch in ihrer ganzen Länge den LeserInnen nicht vorenthalten. Diese Entwicklung - so die Hoffnung der Redaktion - könne neben dem Interesse an libertärer und anarchistischer Diskussion auch auf eine gesteigerte Wertschätzung des Schwarzen Fadens hindeuten. Aufgrund der großen Anfrage, der Zusendung zahlreicher Artikel, um möglichst vielen Personen und Themen Raum zu geben, um mehr Freiraum für Konzeption und Gestaltung sowie eine höhere Aktualität von Nachrichten, Themen und Informationen zu gewährleisten, nahm sich die Redaktion im Januar 1995 vor, die Erscheinungsweise des Schwarzen Fadens zu ändern. Der SF sollte fünf- statt viermal jährlich mit einem Umfang von jeweils 68 statt, wie zuvor, 72 bis 76 DIN A4 Seiten, herauskommen. Dieses Vorhaben konnte jedoch nur 1995 verwirklicht werden. Seit 1996 erscheint der SF wieder vierteljährlich.

Im Frühjahr 1996 kündigten die nach wie vor ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter an, daß sie ihrer Zeitschrift mehr Akzeptanz verschaffen und stärker in die Öffentlichkeit gehen wollen. Nach und nach sollte ein Kioskvertrieb aufgebaut werden. Aus eigener Kraft falle dies der Redaktion aber schwer. "Wir bitten deshalb unsere UnterstützerInnen um vermehrte Spenden, damit wir Anzeigen, Anlaufkosten etc. finanzieren können."

Die im SF veröffentlichten Beiträge wurden von der Redaktion bisher immer u.a. nach inhaltlichen und qualitativen Kriterien ausgewählt. Häufig wurden aus zugeschickten Flugblättern Kurzmeldungen fabriziert und versucht, gegen die "eigenen Szene-Mythen" anzuschreiben. Grundsätzlich gelte, "daß wir keine Texte veröffentlichen, die vorher woanders abgedruckt wurden Woanders bezieht sich dabei auf die A-Scene und Autonome sowie Überregionales wie taz und Konkret. Weniger auf Zeitschriften, die nur ein eingeschränkter Kreis interessiert und wo wenige Überschneidungen zu befürchten sind." Nichts sei so schnell "überflüssig" wie eine Nummer, die einige Beiträge enthalte, "die schon da waren."

Problematisch sei, daß die Redaktion sehr viele überlange Artikel erreichen, während das Gros der LeserInnen lieber kürzere lese. Es sei schon passiert, daß sie aufgrund der Länge einen Beitrag verschieben mußten, der dann woanders erschienen ist. Den LeserInnen wolle die Redaktion jedoch maximal zwei überlange Artikel pro Ausgabe zumuten. Ihrem Anspruch, eine Zeitschrift "gut" zu machen, konnte die Redaktion des Schwarzen Fadens meist gerecht werden.

Und so hat das seit 1985 in Grafenau herausgegebene Magazin nicht nur in der libertären Szene der Bundesrepublik den Ruf, "Pflichtlektüre", ein "anarchistisch-intellektuelles Exklusivblatt" und eines der wenigen "Theoriemagazine mit umfangreichem Kulturteil aus den sozialen Bewegungen", mit "gut layouteten Seiten voller Grafiken und Fotos" sowie mit z.T. interessanten und kompetenten Artikeln zu sein. Der Verfassungsschutz bescheinigte ihm "überregionale Bedeutung als Diskussions- und Informationsforum libertärer und autonomer Gruppen" und Hermann Kurzke rief sogar in der nicht gerade als staatsfeindlich geltenden Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf: "Lieber gleich den Schwarzen Faden abonnieren, den Knast enttabuisieren, die Volkszählung boykottieren, den Terror kritisieren ( )."

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die "wichtigste anarchistische Zeitschrift der achtziger Jahre" ihre herausragende Position auch in den neunziger Jahren behaupten konnte und der Schwarze Faden bis heute - trotz eines Verkaufspreises von mittlerweile 8.- DM - die angesehenste explizit anarchistische Zeitschrift in der Bundesrepublik geblieben ist.

Textauszug aus: Bernd Drücke, Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Verlag Klemm & Oelschläger Ulm, September 1998. 640 Seiten

Originaltext: http://www.txt.de/trotzdem/sf_texte/sf_gesch.htm


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Den Schwarzen Faden weiterspinnen. Ein Interview mit SF-Redakteur Wolfgang Haug zur Krise der "fachzeitschrift für anarchie und luxus"

Seit Mai 1980 erscheint der vom Trotzdemverlag herausgegebene Schwarze Faden (SF). Er war in den 80er und 90er Jahren neben der 1977 gegründeten anarchosyndikalistischen direkten aktion (da) und der seit 1972 erscheinenden "Monatszeitung für eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft" Graswurzelrevolution (GWR) eine in Qualität und Verbreitung überregional herausragende anarchistische Zeitschrift in der Bundesrepublik (1). Seit einigen Jahren erscheint die "Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit" aber nur noch ein- bis maximal dreimal im Jahr, zuletzt im Oktober 2002 (SF Nr. 75). Ein Interview mit SF-Redakteur und Trotzdemverleger Wolfgang Haug (*1955) über Geschichte, Krise und Perspektiven des Faden spinnens (Red.).


Graswurzelrevolution: Wolfgang, Du bist Gründungsmitglied des Schwarzen Fadens und des Trotzdemverlags. Kannst Du bitte die Entstehungsgeschichte dieser anarchistischen Projekte skizzieren?

Wolfgang Haug: Es entwickelte sich aus der Sponti-Szene Tübingens. Vor dem repressiven Deutschen Herbst trafen sich zahlreiche StudentInnen in sogenannten "Berufsperspektive-AK's", in denen die normale Karriere in Frage gestellt und nach alternativen Lösungen gesucht wurde. Ziel der meisten Beteiligten war es dabei, alternative und selbstverwaltete Projekte zu gründen, in der Diskussion waren Freie Schulen, Theaterprojekte, selbstverwaltete Betriebe, Zeitungs- und Verlagsprojekte. Gegründet wurden z.B. die Tübinger Stadtzeitung TÜTE, die Theatergruppe "Bruchbühne" und nach Vorarbeiten im Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam im September 1978 der Trotzdem-Verlag. Der Name "trotzdem" war als Reaktion auf die Repressionsmaßnahmen gegen die Linksradikalen zu verstehen, während sich viele nach der Schleyer-Ermordung und den Stammheim-Toten ängstlich aus der Politik ins Private zurückzogen, wollten wir bewusst ein Teil der bundesweiten Gegenöffentlichkeit werden. Wir verstanden damals jedes selbstverwaltete Projekt als Teil eines Netzes, das über Gegenökonomie und Gegenöffentlichkeit eine gesellschaftliche Nische ausbaut, in der mensch leben und überleben kann und im Lauf der Zeit auch in die Lage kommt, gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen.

Der Schwarze Faden kann in diesem Sinn als notwendiger Schritt betrachtet werden; wir erkannten recht schnell, dass es äußerst schwierig ist, zeitnah mit Büchern politisch Einfluss zu nehmen. Der Ausweg lag in der Gründung einer überregionalen Zeitschrift, die sich als Forum für anarchistische, herrschaftskritische Diskussionen verstand und die sich nicht auf eine bestimmte Ausrichtung des Anarchismus festlegte, wie beispielsweise die Graswurzelrevolution als Zeitschrift des gewaltfreien Anarchismus oder die DA als anarchosyndikalistische Zeitung. Wir waren uns andererseits bewusst, dass eine solche Zeitschrift nicht ausschließlich aus Tübingen/Reutlingen kommen durfte, deshalb begannen wir 1979 auf der Gegenbuchmesse in Frankfurt mit der Werbung bei den anderen anarchistischen Verlagen und bei den BesucherInnen.

Es fanden sich Mitarbeiter aus dem Umfeld der Graswurzelrevolution, der I-FAU und dem Verlag Büchse der Pandora. Der Winddruck-Verlag in Siegen übernahm den Druck der ersten Ausgaben. Wir schufen eine überregionale Redaktion und der Trotzdem-Verlag übernahm die Koordination und den Vertrieb, die Abobetreuung, kurz die Alltagsarbeit einer Zeitschrift. Der Name entstand in einer Frankfurter Kneipe, nach langen Diskussionen einigten wir uns, den schwarzen Faden spinnen zu wollen, in Anlehnung an den "roten Faden", der sich durch alles zieht, wollten wir nun den schwarzen Faden entwickeln, der die Geschichte der Kämpfe um die Freiheit in Geschichte und Gegenwart, in Politik und Kultur verbreitet und fördert. Dies sollte allerdings nicht "verbissen" erfolgen, dazu hatten wir viel zu sehr das abschreckende Beispiel vieler K-Gruppen-Aktivisten vor Augen, deshalb wählten wir - frei nach Emma Goldman - sehr bald den Untertitel "Für Lust und Freiheit".


GWR: Du hast durch Deine unermüdliche Arbeit einen großen Anteil an der Langlebigkeit und Entwicklung des SF. Beschreib bitte Deine Lebensgeschichte. Wie hast Du Dich politisiert?

W.H.: Ich kann mich als "Kind der frühen 70er Jahre" bezeichnen, 68 war vor meiner Zeit, aber die neuen Ideen, die Musik, der andere Lebensstil, das andere Aussehen etc. hatten inzwischen auch die Provinz erreicht. Wir beschäftigten uns mit allen spirituellen und politischen Ideen und blieben schließlich beim Anarchismus hängen. Kaum hatten wir den begriffen und für gut befunden, kam einer unserer Gruppe mit den für uns völlig neuen Infos zum Anarchosyndikalismus an und stellte wieder alles auf den Kopf. Wir sahen dann im Anarchosyndikalismus eine Konzeption, wie eine freie Gesellschaft jenseits von Kapitalismus in Solidarität verwirklicht werden könnte.

Demzufolge gründeten wir eine Schülerzeitschrift "ASSS" - das sollte heißen "Anarcho-Syndikalistische Schüler Sindelfingens". Wir hatten natürlich keine Ahnung, wer ein solches Machwerk drucken könnte und schickten es an Horst Stowasser nach Wetzlar, von dem wir wussten, dass er anarchistische Broschüren herausgab, die sein Bruder Klaus druckte. Als wir unsere erste Ausgabe zurückerhielten, traf uns fast der Schlag, Horst hatte unser "zu braves" Titelbild ersetzt: Jetzt prangte eine Zeichnung vorne, auf der ein langhaariger Schüler mit rauchender Knarre gerade seinen Rektor erschossen hatte!

Wir waren dennoch mutig genug, das Ding verkaufen zu wollen, da wir aber für die Rückseite eine Parabel, frei nach George Orwells Farm der Tiere, vom "Oberschwein" verfasst hatten und sich jeder Rektor Sindelfingens damit getroffen fühlte, wurde unsere Ausgabe an allen Schulen Sindelfingens verboten, die Eltern wurden benachrichtigt etc. Nachdem wir die letzte Seite mühevoll Heft für Heft eingeschwärzt hatten, verkauften wir die Ausgabe außerhalb des Schulgeländes. Trotzdem blieb es bei dieser einen Nummer und meine Zeitungsliebe konnte sich erst wieder an der Uni in Tübingen austoben, zunächst als gewählter Sponti-Fachschaftsrat Germanistik im Bert-Brecht-Blatt, das von da an einen stark anarchistischen Touch erhielt, später in der monatlichen Tübinger Autonomen-Zeitschrift "Oh wie schön" und ab Mai 1980 dann im Schwarzen Faden.

Natürlich gab es viele weitere "politische Sozialisationspunkte", die wichtigsten waren sicherlich Engagement in BI's, die Anti-AKW-Bewegung und die damit verbundenen Demoerfahrungen (Brokdorf etc.), die ausgiebige Beschäftigung mit Erich Mühsams Person und Werk, das Berufsverbot wegen eines Artikels in der Nullnummer des Schwarzen Fadens, die Hausbesetzerbewegung, 1980 ein sechsmonatiger Aufenthalt in London, u.a. bei der Zeitschrift "Freedom", bei den "Squatters", wobei es erste handfeste Auseinandersetzungen mit Skins gab, von denen mensch in Deutschland bis dahin noch gar nichts gehört hatte, Freundschaften mit Gleichgesinnten und Altgenossen wie Augustin Souchy, Clara Thalmann, Dimitri Roussopoulos (Black Rose Verlag, Montréal), Murray Bookchin, die Begegnung mit den Emigranten um die Zeitschrift "Dinge der Zeit" usw. usf.


GWR: Was machst Du heute?

W.H.: Immer noch Verlagsarbeit, aber für die Reproduktion: vor allem Unterricht bei zahlreichen freien Trägern in Deutsch und Englisch, für Schüler und Auszubildende von 17 bis 75 Jahren, für Spätaussiedler und AusländerInnen, alles bunt gemischt. Das schluckt natürlich unglaublich viel Zeit und Energie und ich bin froh, dass zahlreiche Verlagsaufgaben nun auf drei Schultern ruhen und nicht mehr nur auf meiner.


GWR: Im April 2001 wurde die Trotzdemverlagsgenossenschaft gegründet. Wie hat sich dieses libertäre Projekt seitdem entwickelt?

W.H.: Nun, ich war anfangs sehr skeptisch, ich hatte gedacht, dass wir mit diesem Projekt 10 Jahre zu spät kommen, aber die Resonanz auf ein Rundschreiben an DirektkundInnen des Verlags war überraschend zahlreich.

Wenn auch leider nicht alle, die uns ermutigt haben, wirklich Mitglied geworden sind, haben wir doch begonnen als wir ca. 110 Mitglieder zusammen hatten. Unser Ziel ab 200 zu starten, haben wir revidiert, im Glauben, dass wenn es uns erst mal gibt, wir verlässlich arbeiten, uns mehr Leute ihr Vertauen schenken und ihren Anteil von 250 Euro riskieren. Das hat sich nicht ganz bestätigt, wir haben derzeit 124 Mitglieder und kaum Zeit, die Genossenschaftswerbung zu intensivieren, damit mehr Menschen sich für eine Mitgliedschaft entscheiden können. Das hat natürlich zur Folge, dass auch die Genossenschaft finanziell nicht auf Rosen gebettet ist und ständig ums Überleben kämpft. Wir dürfen uns fast keine Fehlentscheidung leisten.

Gut entwickelt hat sich unsere Arbeitsaufteilung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben sich die drei Vorstände besser und besser aufeinander eingestellt. Im Frankfurter Büro wird die Öffentlichkeitsarbeit gemacht, in Grafenau der Vertrieb an die DirektkundInnen, der Kontakt zu den Druckereien, dem Gros der AutorInnen und die inhaltliche Arbeit an Büchern, in Offenbach das Lektorat für die Neuerscheinungen und der Kontakt zu Satzbetrieben. Der Vertrieb an den Buchhandel wird seit Mai 2003 von der ALive-Gemeinschaftsauslieferung beim Schmetterling-Verlag in Stuttgart gemacht.

An Buchtiteln konnte die Genossenschaft zwei aufwendige Titel produzieren, die ohne die Mitgliedsgelder nicht machbar gewesen wären: Mark Achbar's Buch "Noam Chomsky-Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung" und das BI-Buch zu den neuen Auseinandersetzungen um den Ausbau des Frankfurter Flughafens "Turbulenzen". Leider hat "Turbulenzen" im Rhein-Main-Gebiet noch nicht die Resonanz gefunden, die wir uns erhoffen, dafür hatten wir mit unserer Reaktion auf den 11.9. "Angriff auf die Freiheit?" großen Erfolg. Von diesem Titel konnten wir bereits über 4000 Exemplare verkaufen und haben in der kurzen Zeit bereits drei Auflagen produziert. Nun hoffen wir, dass unsere beiden Israel/Palästina-Bücher (Connection e.V. (hg.) : Zwischen Terror und Krieg" und W. Haug (hg.): Chomsky/Brass/Zuckermann: "Friedensaussichten im Nahen Osten", auf Interesse treffen.


GWR: Wie ist die finanzielle Situation der Genossenschaft?

W.H.: Schwierig. Die Genossenschaft musste die Kredite des alten Verlags übernehmen und auch mit den überzogenen Konten weiterarbeiten. Das Geld der Mitglieder floss in neue Produktionen, so dass sich der Lagerbestand und das Angebot vergrößert hat. 2001 machten wir ca. 13.000 Euro Verlust, 2002 nur noch 300 Euro. Insofern konsolidieren wird uns, aber noch sind wir weit davon entfernt, das Projekt als abgesichert zu bezeichnen. Wir brauchen letztlich doch die 200 Mitglieder, die wir im Vorfeld errechnet hatten.


GWR: Wie kann mensch Genossenschaftsmitglied werden?

W.H.: Ganz einfach. Mensch schreibt uns nach Grafenau, bekommt einen Vertrag zugesandt, soweit vorhanden Infomaterial wie Verlagsprogramme, Protokolle der Sitzungen etc., überweist uns 250 Euro als Einlage oder auch gern ein Vielfaches davon und wird jährlich zur Genossenschaftsversammlung eingeladen, bislang fanden diese in Frankfurt, Berlin und Mainz statt. Die GenossInnen erhalten alle Bücher zu 30% Rabatt und sollte es den SF weiterhin geben, auch ein Freiabo des Fadens. Austreten kann mensch auch wieder, allerdings muss erst die Mitgliederversammlung im darauffolgenden Jahr in Kenntnis gesetzt werden, so dass die Einlage satzungsgemäß erst danach zurückbezahlt werden kann. Die Genossenschaftsmitgliederliste gegenüber der IHK und dem Prüfungsverband führen wir, d.h. es gibt im Gegensatz zur GMBH für niemand Behördengänge.


GWR: "Angriff auf die Freiheit?" (2), "Gefangen zwischen Terror und Krieg?", "Friedensaussichten im Nahen Osten", Noam Chomskys "politische Ökonomie der Menschenrechte" und "Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung",... alles gute und wichtige Bücher, die in jüngster Zeit im Trotzdemverlag erschienen sind. Vernachlässigt Ihr das m.E. wichtigste Projekt des Verlags, den SF?

W.H.: Eigentlich nicht, denn wir haben dem SF eine eigenständige Organisationsstruktur gegeben und ihm einen gemeinnützigen Verein für libertäre Bildungsarbeit als Basis verschafft. Spenden an den Faden können also steuerlich abgesetzt werden, Vereinsmitglieder könnten Veranstaltungsräume in jeder Stadt anmieten und so die Struktur des Fadens für sich lokal nutzen. Der Faden selbst hat über die Abos noch immer genug Substanz um kostendeckend produziert zu werden, auch wenn der Wiederverkauf in Buchläden und Infoläden seit 1990 immer stärker rückläufig war.

Gleichzeitig mit dieser positiven Entwicklung, den Faden organisatorisch eigenständig abzusichern, entstand jedoch eine schwierige Situation: alle alten Redakteure hatten aus den unterschiedlichsten Gründen keine Zeit mehr für diese zeitintensive, ehrenamtliche Arbeit. Neue Redakteure konnten nicht einspringen; diejenigen, die es vorhatten, waren selbst meist so sehr von eigenen Projekten in Anspruch genommen, dass nicht viel umsetzbar war.


GWR: Wie erklärst Du Dir die derzeitige Krise des SF?

W.H.: Die Personaldecke derjenigen, die wirklich intensiv an einer Ausgabe gearbeitet hatten, war immer dünn. Es gab zwar häufig größere Redaktionsgruppen, auch Diskussionen im Vorfeld einer Ausgabe, und manch ein Artikel wurde auch von einzelnen Redakteuren angefragt, die AutorInnen betreut und das Ergebnis bearbeitet, aber unter dem Strich hing das Gros der Arbeit, der zeitlichen Planung und der Verantwortung meist an zwei oder drei Personen. Wenn davon zwei ausfallen, ist es nicht mehr aufzufangen.


GWR: SF, DA und GWR sind Bewegungsorgane, die durch ihr kontinuierliches Erscheinen das Klischee der Kurzlebigkeit anarchistischer Medien widerlegen. Sie können auf einen beachtlichen LeserInnenstamm verweisen und schlagen eine Brücke zwischen "alten" StammleserInnen und jungen AktivistInnen. Sie tragen zur Politisierung und Vernetzung vor allem libertärer Bewegungen bei. Die Lücke, die durch das Reißen des Schwarzen Fadens für die libertäre Szene entstehen würde, könnte nicht gefüllt werden. Welche Ideen gibt es, den Faden weiterzuspinnen?

W.H.: Eine wirklich weitgehende Dezentralisierung könnte das Projekt retten und eine weitere Erscheinungsweise möglich machen. D.h. die viele Arbeit müsste auf viele Schultern aufgeteilt werden, damit sie für alle leistbar wird. Das setzt wiederum eine hohe Verantwortlichkeit bei allen Beteiligten voraus. Wir brauchen eine Vertriebsgruppe, die zwei Tage lang, 4 mal im Jahr den Faden versendet und auch eine Räumlichkeit hat, in die 2000 Exemplare angeliefert werden können; diese Vertriebsgruppe müsste den Faden auch vor Ort beim Postvertrieb neu anmelden, da wir in Stuttgart mangels regelmäßiger Einlieferungen aus dem Postvertrieb gekündigt wurden; wir brauchen eine Abo-Betreuungsgruppe, die viermal im Jahr die Verlängerungsrechnungen und Buchladenrechnungen erstellt und vor dem Versand fristgerecht an die Vertriebsgruppe weiterreicht, die zusätzlich Fragen von AbonnentInnen beantwortet; wir brauchen neue RedakteurInnen, die online diskutieren und Texte bearbeiten und diese an neue LayouterInnen weiterreichen, die am Bildschirm ein Layout erstellen können, das als PDF-Datei mit Titel und eingescannten Fotos an die Druckerei geschickt werden kann. Wir brauchen jemand, der die offenen Gelder anmahnt und das Konto im Blick behält. All das könnte dezentral erledigt werden, wir haben eine gmx-Plattform für den Faden zur Kommunikation.

Für die neue Struktur haben sich bislang aus den Reihen der Genossenschaft zwei Genossen gemeldet: Wir haben nun einen Genossen aus der Schweiz, der das Mahnwesen übernommen hat; wir haben eine Bereitschaftserklärung beim Layout mitzumachen und wir haben noch zwei von den Alten: Andi würde das Layout noch eine Weile anleiten und unterstützen und ich würde die Redaktion einarbeiten und einige Zeit begleiten.


GWR: Eine Aufgabe der Trotzdemgenossenschaft ist es m.E. die vierteljährliche Erscheinungsweise des SF sicherzustellen. Da es nur mit ehrenamtlichen RedakteurInnen offenbar nicht mehr geht, wäre es sinnvoll, wenn die Genossenschaft neben dem Anwerben von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und RedakteurInnen eine/n "Hauptamtliche/n" wählen würde. DieseR könnte auf Honorarbasis arbeiten und sicherstellen, dass alle drei Monate ein Heft erscheint. Die Strukturen, die ein solches Konzept tragen könnten sind vorhanden: gemeinnütziger Verein, Abos, keine Schulden, WiederverkäuferInnen und Buchläden. Gibt es Überlegungen in diese Richtung?

W.H.: Bislang nicht, das hängt am Konsolidierungsprozess der Genossenschaft selbst. Wenn wir genügend neue Mitglieder haben und die Resonanz auf unsere Bücher positiv bleibt, könnte eine solche Überlegung realisierbar sein. Momentan sieht es aber so aus, als würde das Zeit kosten und diese Zeit läuft dem Faden davon. Denn eine Abo-Kartei wird von Monat zu Monat natürlich weniger wert. Insofern müssten die ehrenamtlichen Mitarbeiter dem Faden die Luft verschaffen, bis die Genossenschaft wieder aktiv unterstützend eingreifen kann.


GWR: Herzlichen Dank.


Interview: Bernd Drücke

Anmerkungen: Das Interview wurde im August 2003 über E-Mail geführt.

(1) Zur Geschichte des SF, der DA, der GWR u.v.a. libertärer Zeitschriften siehe: Bernd Drücke: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm. ISBN 3-932577-05-1, 640 S., für GWR-LeserInnen nur noch 12,50 Euro. Bestellungen an: Verlag Klemm & Oelschläger, Pappelauer Weg 15, D-89077 Ulm. Fax: 0731/9387924
(2) Vgl. www.graswurzel.net/266/angriff.shtml

Aus: "Graswurzelrevolution" Nr. 282 (Oktober 2003)

Originaltext: http://www.graswurzel.net/282/sf.shtml


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