Jens Berger / Frank Benedikt - In Zeiten des Krieges

Nestor Machno und die "Machnowschtschina"- eine fast vergessene Episode aus der russischen Revolution

Der Anarchismus hat eine lange Tradition in Russland, und auch zwei seiner bedeutendsten Theoretiker, Pjotr Kropotkin und Michail Bakunin stammen von dort. Weniger bekannt ist, dass auch einer seiner wichtigsten "Praktiker" dort, bzw. in der Ukraine wirkte. Während der Revolutionswirren 1917-21 organisierte Nestor Machno eine anarchistische Bewegung und kämpfte gegen Zaristen wie Bolschewiki.

Als im Jahre 1905 in Russland revolutionäre Unruhen ausbrachen, wurde der damals fünfzehnjährige Nestor Machno zum Freiheitskämpfer. Machno, Sohn eines armen Bauern, der kurz nach seiner Geburt verstarb, begann zu diesem Zeitpunkt verbotene sozialistische Literatur zu lesen und verteilte Flugblätter. Kurze Zeit später schloss er sich in seiner Heimatstadt Guljaj-Pole einer anarcho-kommunistischen Gruppe an, die sich durch Terrorakte gegen Fabrikbesitzer und Kaufleute und die Verteilung illegaler Druckschriften schnell einen Namen machte. Machno wurde während dieser Zeit mehrfach verhaftet – nach einer Verhaftung im September 1907 verbrachte er zehn Monate in Untersuchungshaft und wurde erst entlassen, als ein Fabrikant die geforderte Kaution bezahlte. Kaum wieder auf freiem Fuß, kämpfte Machno weiter – mindestens zwei Polizisten fielen Anschlägen der Gruppe zum Opfer. Im August 1908 wurde Machno im Vorfeld eines Bombenattentats auf die Polizeistation in Guljaj-Pole von verhafteten Mitstreitern verraten und im Jahre 1910 zusammen mit 14 weiteren Angeklagten wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilt. Aufgrund seiner Jugend wurde seine Strafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt, die er in einem Moskauer Gefängnis verbüßen sollte. Eigentlich wäre er nach Sibirien verschickt worden, aber seine Mutter konnte erfolgreich an die Gnade der Behörden appellieren, da Nestor Machno bereits in jungen Jahren schwer an Typhus erkrankte und ein Arbeitslager in Sibirien sein sicherer Tod gewesen wäre.   

Während der Haftzeit lernte Machno den zum Anarcho-Kommunismus übergewechselten ehemaligen Bolschewisten Peter Arschinow kennen, der ihn in anarchistischer Theorie schulte. Als 1917 die Februarrevolution ausbrach, wurde Machno aus dem Gefängnis befreit und kehrte in seine Heimat zurück. Schnell wurde aus dem politischen Gefangenen ein charismatischer Revolutionsführer. Er wurde zunächst zum Vorsitzenden des Rayon-Bauern-Kommitees, und dann später zum Vorsitzenden des örtlichen Sowjets gewählt. Lenins Partei war in der Ukraine nicht sonderlich populär. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung hatten 1917 nur 11 Prozent der Bevölkerung für die Bolschewiki gestimmt. Als in Petrograd die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution die Macht übernahmen, erklärte sich die Ukraine für unabhängig und brach die Beziehungen zu Russland ab. Der junge Staat verfügte allerdings über keine ausreichenden militärischen Mittel. Die Bolschewiki organisierten den militärischen Widerstand und vertrieben die ukrainische Regierung. Machno verbündete sich mit den Bolschewiki. Er sah sie als Befreier an, unter deren Herrschaft er den Traum von einer anarchistischen Kommune verwirklichen konnte. Für die Bolschewiki hingegen war er nur ein Erfüllungsgehilfe, der bei Zeiten abgelöst werden sollte.

Als nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk deutsche und österreichische Truppen in die Ukraine einmarschierten, organisierte Machno – sehr zur Verärgerung der Bolschewiki in Petrograd – eine Miliz, die die Errungenschaften der Revolution verteidigen sollte. Die Mittelmächte forderten von den neuen Machthabern in Russland unter Androhung der Kriegsfortführung eine Übergabe der Ukraine und des Baltikums.

Machno wurde nun für die Bolschewiki zu einem echten Problem. Er flüchtete vor den siegreichen österreichischen Truppen, die Guljaj-Pole einnahmen, nach Moskau. Dort versuchte er erfolglos, Verbündete für seinen Freiheitskampf zu finden. Angewidert und enttäuscht bezeichnete er Moskau als "Zentrum der Papierrevolution", in dem von einer sozialen Revolution nichts zu spüren sei. In einem Gespräch mit Lenin beschrieb Machno die Verdienste der Anarchisten beim Aufbau der Sowjets und bei der Verteidigung der Revolution. Den Angriffen Lenins auf die kurzsichtige Politik der Anarchisten konnte er jedoch nichts entgegensetzen. Machno kehrte daraufhin enttäuscht, aber nicht gebrochen, in die Ukraine zurück – überzeugt davon, dass nicht die "Papier-Revolution" der Städte, sondern nur eine Revolution der Bauern selbst zum Erfolg führen kann. Angekommen in der Heimat organisierte Machno den militärischen Widerstand gegen die Österreicher und die von den Mittelmächten eingesetzte Marionettenregierung.

Es zeigte sich schnell, dass Machno ein äußerst talentierter Widerstandskämpfer mit einem hohen militärischen Geschick war. Seine Freischärlereinheiten mit ihrer Guerilla-Taktik erzielten mehrere entscheidende militärische Erfolge. Er zeichnete sich durch Mut, Ausdauer und Tapferkeit aus – trotz mehrfacher Verwundungen führte er stets persönlich die Truppen an. Wenn er gerade nicht im Stande war, zu reiten, ließ er sich auf einen Bauernkarren, auf dem Maschinengewehre montiert waren, ins Gefecht fahren. Machno war nun der unbestrittene Anführer der anarchistischen Bewegung.

Mit der Niederlage der Mittelmächte und der Annullierung des Vertrages von Brest-Litowsk kehrte der Frieden nur für sehr kurze Zeit in die Ukraine zurück. Die abziehenden Soldaten der Mittelmächte wurden durch vorrückende Soldaten der Roten Armee ersetzt und in vielen Teilen des Landes herrschte erst einmal ein Machtvakuum vor, während von Süden und von Westen her bereits konterrevolutionäre Kräfte aufmarschierten. Zwischen den konterrevolutionären "Weißen" und den bolschewistischen "Roten" befand sich allerdings noch die Machno-Bewegung. Sie kontrollierte Anfang 1919 beinahe das gesamte ostukrainische Gouvernement Jekaterinoslaw – heute Dnepropetrowsk, die drittgrößte Stadt der Ukraine.   

Die Machno-Bewegung, mit ihren ideologischen Vordenkern Volin und Arschinow, setzte in den von ihr kontrollierten Gebieten ihre Form des Anarcho-Kommunismus durch. Großgrundbesitzer und Industrielle wurden enteignet. Bauern und Arbeiter organisierten sich in selbstverwalteten Kommunen, in denen Rätesysteme aufgebaut wurden. Delegierte dieser Räte trafen in einem "Rayon-Kongress" Entscheidungen, die die gesamte Region betrafen. Freiheit und Selbstverwaltung standen dabei im Mittelpunkt. Die Machno-Bewegung verstand sich weder als Partei, noch als Regierung. Freiwilligkeit ersetzte Pflicht und Zwang – auch die Armee Machnos bestand ausschließlich aus Freiwilligen, die ihre Kommandanten selbst wählen durften. Was für ein Unterschied zu den Bolschewiki mit ihren streng hierarchischen Führungsstrukturen und der ebenfalls streng hierarchischen Roten Armee.

Die Machonowschtschina strahlte bald über die Grenzen des Gouvernements Jekaterinoslaw hinaus und expandierte schnell. Für die Bolschewiki wurde sie zur Bedrohung – und das nicht nur in der Ukraine. Eine zweite revolutionäre Bewegung auf russischem Boden, war eine Gefährdung des bolschewistischen Systems, mit all seinen politischen Beamten, die den Willen des Volkes selbst interpretierten, auf Planwirtschaft und nicht auf Selbstverwaltung, sowie auf Zwang anstelle von Freiheit und Freiwilligkeit setzen. Trotzki erkannte als einer der ersten diese Gefahr und ließ den einstigen Verbündeten fallen wie eine heiße Kartoffel. Machno und seine Milizen mussten sich inzwischen erneut verteidigen – diesmal gegen die konterrevolutionären "Weißen", die unter General Denikin von Süden her auf das ukrainischen Kernland marschierten.

Auf einer Versammlung im April 1919 in Charkow bezeichnete Trotzki Machno als einen Banditen und Räuber, und sagte, dass es besser sei, wenn die Weißen die Ukraine besetzten, als wenn sie in der Hand Machnos wäre. Die "Rayon-Kongresse" wurden für konterrevolutionär und ungesetzlich erklärt. Trotzkis Treiben wurde durch den Vormarsch der "Weißen" allerdings ein jähes Ende gesetzt. Die Rote Armee kapitulierte an der ukrainischen Südfront und zog sich ins russische Kernland zurück. Eine weitere ukrainische Armee der Bolschewiki sollte an die polnische Grenze versetzt werden, doch ganze Regimenter widersetzten sich dem Rückzugsbefehl und schlossen sich Machno und dessen "Schwarzer Armee" an. Für die Bolschewiki war dies Hochverrat – Mitte 1919 waren in der südlichen Ukraine weder die Rote Armee noch die Bolschewiki vertreten.

Denikins "Weiße Armee" konnte so ungestört gen Norden vorrücken und drohte im Sommer Moskau zu überrennen. An die Wand gedrängt, schlossen die Bolschewiki einen Pakt mit Machno. Der Machno-Bewegung wurden großzügige Zugeständnisse versprochen, wenn sie mit ihren Truppen Denikin angreifen würde. Die "Schwarze Armee" fiel daraufhin Denikins Nachhut in die Flanke und schnitt die Nachschubwege der gesamten Armee ab. Denikin sah sich gezwungen, seine besten Truppen von der Nordfront abzuziehen, und im Süden Machnos "Schwarze Armee" zu bekämpfen. Derart geschwächt, konnten Denikins Truppen der Roten Armee im Norden nicht lange standhalten. Machnos Eingreifen wird von einigen Historikern als entscheidende Wende im russischen Bürgerkrieg gesehen. Ohne die Intervention der "Schwarzen" wäre Moskau – diesen Historikern zufolge – im Dezember 1919 gefallen.

Fool me once – shame on you

Nach dem Sieg über Denikin übten die Bolschewiki Verrat an ihrem Verbündeten und fielen Machno in den Rücken. Von Norden her marschierte die Rote Armee nun mit überlegenen Truppen gegen Machno auf. Dabei gingen Trotzkis Truppen nicht gerade zimperlich vor – in den eroberten Gebieten, die loyal zu Machno standen, wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und tausende Bauern umgebracht. Trotzki nannte dies "Terrortaktiken". Durch einen geplanten Rückzug im Süden gelang es der Roten Armee ferner, die neu konsolidierten Truppen der "Weißen", nun unter General Wrangel, als zweite Front gegen Machno aufmarschieren zu lassen. Dieses Vorhaben sollte sich allerdings bitter rächen, als Wrangel auch der Roten Armee zu gefährlich wurde. Trotzki bot daraufhin der Machno-Bewegung einen Friedensvertag an, der wiederum weitreichende Zugeständnisse an die Anarchisten machte. Der demokratische Entscheid der Räte fiel positiv aus – Vertreter Machnos schlossen mit den Bolschewiki Frieden und bekämpften Seit an Seit mit der Roten Armee Wrangel. Bis November 1920 konnten sie ihn bis Sewastopol zurücktreiben. Am 14. November 1920 evakuierten die Briten General Wrangel und dessen letzte Truppen aus Sewastopol – der Krieg in der Ukraine war gewonnen.

Fool me twice – shame on me

Ganze zwei Wochen dauerte es, bis die Bolschewiki nichts mehr von dem Friedensvertrag mit der Machno-Bewegung wissen wollten und ihnen erneut in den Rücken fielen. Die Kräfteverhältnisse waren zu diesem Zeitpunkt allerdings mehr als ungleich. Während Machnos "Schwarze Armee" im Kampf gegen Wrangel aufgerieben wurde und kaum mehr über Waffen und Munition verfügte, konnte die Rote Armee frische, gut ausgerüstete Regimenter in den Kampf schicken. Im August 1921 musste das letzte Regiment der "Schwarzen" mit Machno an der Spitze die Grenze nach Rumänien überschreiten und sich auflösen. Die Roten hatten den Krieg gewonnen – die zwei Jahre des anarchistischen Experiments in der Ukraine waren vorbei.

Machno emigrierte nach Paris und lebte dort ein ärmliches und von Krankheiten, die er sich in den Kriegsjahren zugezogen hatte, geprägtes Leben. Er verdingte sich als Hilfsarbeiter an der Pariser Oper und Mechaniker in einer Autowerkstatt. 1934 starb Nestor Machno an den Spätfolgen einer Tuberkulose, mit der er sich bereits während seiner Haft in Moskau angesteckt hatte. Er wurde auf dem Künstlerfriedhof Pere-Lachaise beerdigt.

Originaltext: http://www.heise.de/tp/artikel/29/29735/1.html


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