Interview mit dem Bildungssyndikat (1998)

Ihr habt Euch im Anschluss an die großen bundesweiten Studistreiks im Winter 1997/98 gegründet. Welche Hoffnungen habt Ihr, was wollt Ihr nun mit der Gründung des Bildungssyndikats weitertragen?

Anna: Wir haben uns noch am Ende des Streiks gegründet, als bereits das Gefühl da war, dass der ganze Streik umsonst war und irgendwas schiefgelaufen ist. Wir haben einfach gemerkt, dass man wahrscheinlich viel weiter kommen würde, wenn man organisiert ist.

Arthur: Das Bildungssyndikat ist aus verschiedenen Leuten entstanden, einerseits aus Leuten, die im Streik aktiv waren und die über den Verlauf des Streiks und andere Studenten enttäuscht waren und andererseits über verschiedene Studenten, die am Rand des Streiks waren und dem bereits von vornherein pessimistisch entgegenstanden, weil sie schon mehrere Streiks mitgemacht haben und eigentlich gar keine Lust hatten, etwas zu machen. Die haben aber gemerkt, dass vielleicht doch noch etwas Neues in dem Streik drinsteckt. Es waren nicht nur die üblichen Rituale, sondern es gab auch Leute, die plötzlich neue Organisationsstrukturen selbst ausprobierten, vor allem jüngere Studenten, die sich mitreißen ließen, um zu gucken, ob man nicht etwas Neues machen kann.


Mit der Gründung habt Ihr also zwei Anliegen verbunden: einmal die Durchsetzung von konkreten Forderungen, und darüber hinaus wolltet Ihr eine basisdemokratischere Struktur innerhalb des Streiks und innerhalb der Uni einrichten...

Arthur: Ich denke, das hängt zusammen. Wir glauben, dass eine Bewegung, die Forderungen durchsetzen kann, schon Strukturen haben muss. Diese Strukturen sind sicherlich am effektivsten, wenn sie selbst organisiert sind.

Anna: Wir haben uns nicht zusammengeschlossen, weil wir eine bestimmte Forderung durchsetzen wollten, sondern weil wir meinten, dass eine Basis geschaffen werden muss, um mit verschiedenen Forderungen, die im Laufe der Zeit anfallen, besser umgehen zu können.

Arthur: Uns ging es darum, diesen Wischiwaschi-Forderungen - wie die Forderung nach der "Standortverbesserung" - , die im Streik aufgestellt wurden, andere Positionen entgegenzustellen. Gerade im Januar war für uns der Zeitpunkt gekommen, dass man die Bewegung "spalten" sollte. Wir haben gemerkt, dass nicht alle Studenten auf der gleichen Seite der Barrikade stehen und dass es die Studentenbewegung nicht gibt, weil zum Teil sehr konträre Ansätze vorhanden waren. In diese Auseinandersetzungen wollten wir einen Pol setzen.


Versteht Ihr das Bildungssyndikat als eine Art "Notruf"-Aktion, die dort dazu stößt, wo sich eine "Bewegung" losschlägt, oder wollt Ihr Euch als "Avantgarde"-Bewegung betätigen?

Arthur: Das ganz sicher nicht. Wir sehen das Bildungssyndikat eher als Mittel, als Instrument für eine Bewegung, die unsere Strukturen nutzen kann. Andererseits wollen wir über den Streik hinaus. Wir wollen nicht nur im Streik aktiv sein, sondern auch in ganz alltäglichen Dingen einen solidarischen Zusammenhang haben und versuchen, den Leuten konkret zu helfen. Wir haben gerade in der Uni das Gefühl gehabt, dass die Leute vereinzelt sind. Zwar hat sich das während des Streiks verändert, aber außerhalb der Streikbewegung ist außer ein paar politischen Vereinigungen wenig vorhanden. Mit dem Bildungssyndikat wollten wir aber einen Zusammenschluss gründen, der das soziale Element einbezieht und innerhalb dessen man auch eine konkrete Praxis für soziale Strategien entwickeln kann.


In Eurem Flugblatt habt Ihr geschrieben, dass Ihr den ganzen Bildungssektor ansprechen wollt, das würde neben StudentInnen und SchülerInnen auch ProfessorInnen, LehrerInnen und Leute von den Kindertagesstätten implizieren. Wie wollt Ihr die Interessen dieser recht unterschiedlichen Gruppen vereinen?

Arthur: Ich glaube nicht, dass da unbedingt unterschiedliche Interessen vorhanden sind. Welche unterschiedlichen Interessen siehst du denn da?


Naja, ich würde nicht unbedingt behaupten, dass eine Professor oder eine Professorin die gleichen Anliegen hat wie ein Student oder eine Studentin. Beispielsweise treibt Ewers, Präsident der TU, neben vielen anderen Neustrukturierungsmaßnahmen in Universitäten voran, die den Leistungsdruck weiter verschärfen und etwa berufstätige StudentInnen und Studierende mit Kind als erste ausschließen werden. Da kann ich keine Gemeinsamkeiten sehen.

Arthur: Es gibt aber genauso gut auch in der Studentenschaft Leute wie Ewers. Ich denke, die Trennung besteht nicht zwischen Professoren und Studenten, sondern innerhalb der Professorenschaft gibt es sicherlich solche, die ähnliche Ziele verfolgen wie wir. Uns ist es wichtig, dass wir nicht künstliche Grenzen ziehen, sondern wir wollen für Leute offen sein, die mit uns zusammenarbeiten wollen und mit unseren Zielen konform gehen. Mit dem Bildungssyndikat wollten wir gerade nicht einen "Studi-Ständeverband" gründen.

Anna: Außerdem ist es ja in unserem Interesse, dass gute Dozenten oder Leute aus dem Mittelbau an der Uni arbeiten und eben nicht gekündigt werden. Wir wollen mit denen zusammenarbeiten. Wir sind ja nicht die Feinde von den Profs.


Es gibt allerdings Machtstrukturen, die über den institutionellen Rahmen, den Ihr anders organisieren wollt, hinausgehen. Wie wollt Ihr damit umgehen?

Arthur: Es ist klar, dass wir diese Machtstrukturen hinterfragen, und dass jeder, der bei uns mitmachen will, das ebenfalls tun muss. Wir als Studenten sind auch Privilegierte in diesem System, denn wir werden wahrscheinlich diejenigen sein, die zumindest die Möglichkeit haben, zukünftig zur "herrschenden Klasse"" zu gehören. Das müssen wir natürlich auch hinterfragen. Anders wäre es allerdings bei Wachschutzleuten, die repressive Funktionen ausführen und für die nicht die Wahl besteht, anders als repressiv zu handeln. Bei Professoren, die zwar bereits Teil dieses institutionellen Geflechtes sind, ist das nicht der Fall, man kann sie nicht als Teil der "herrschenden Klasse" abstempeln und sie ausschließen, sondern sie haben - ebenso wie die Studenten - die Wahl, sich unterschiedlich zu verhalten.

Anna: Außerdem besteht ja nicht die Alternative nicht darin, dass wir eine Gesellschaftsform einführen, in der alles klappt, wie wir uns das vorstellen, oder gar nichts zu machen. Uns geht es vor allem darum, uns unsere eigenen Rechte, die wir bereits haben, bewusst zu machen und einzufordern.


Bei Eurer Informationsveranstaltung im April sagtet Ihr, dass Ihr nicht gewillt seid, mit universitären Gremien wie auch Fachschaftsinitiativen zusammenzuarbeiten. Welche Motivation steckt dahinter?

Anna: Wir wollen eine Alternative zu den Gremien sein, da wir zum Einen der Meinung sind, dass die nicht sonderlich effektiv arbeiten und weil wir zum anderen grundsätzlich nichts von dem Prinzip halten, uns von anderen wählen zu lassen oder andere zu wählen, die sich für uns einsetzen. Wir wollen uns selbst für unsere Rechte einsetzen und uns nicht in diesen Apparat mit AStA und Fachschaften einordnen. Eine Zusammenarbeit in einzelnen Punkten schließen wir aber dennoch nicht aus. Gerade mit freien Fachschaften, die autonom und nicht gewählt sind, arbeiten wir gerne zusammen. In der Struktur des Bildungssyndikats bilden wir z.B. AGs zu einem bestimmten Fachbereich, können ruhig auch mit der jeweiligen Fachschaft zusammenarbeiten, aber sie gehören trotzdem nicht zum Fachbereich, sondern sind in der "Organisation für alles" und bekommen dadurch auch die Solidarität und die Unterstützung von uns. Dadurch sind wir nicht so klein wie eine Fachschaft, falls etwas Konkretes anliegt, sondern haben die ganze Organisation hinter uns. Wir engagieren uns nicht nur für eine kleine Sparte, sondern auch darüber hinaus. Ich denke, das ist auch motivierender, denn so viele Leute sind ja nicht in den Fachschaften.

Arthur: Unser Anliegen ist es nicht, eine Dienstleistungsstruktur wie den AStA aufzubauen. Am AStA kritisieren wir nicht unbedingt den Inhalt, sondern vielmehr die Form. Wir wollen nicht für andere etwas machen, sondern wir wollen, dass die Leute selber etwas machen. So eine Struktur wollen wir aufbauen. Ich denke, der Grund dafür, dass so wenig an der Uni passiert und z.B. auch die Linke so klein ist, liegt auch an den vorhandenen Strukturen. Für jeden Scheiß gibt es jemanden, der eine Dienstleistung anbietet, aber es besteht nicht die Möglichkeit, sich selber für ein Ziel zu engagieren. Es ist natürlich auch eine Machtfrage, was du an der Uni durchsetzen kannst. Ich glaube nicht, dass unsere Forderungen unbedingt in Konzilen und anderen universitären Gremien durchgesetzt werden. Der politische Druck muss von außen kommen, und auch der AStA ist auf Unterstützung von unten angewiesen, um etwas durchzusetzen.

Anna: Bei den StuPa-Wahlen beträgt die Beteiligung nicht einmal 10%. Ich denke, dass dieser "AStA-Frust", der unter den Studenten herrscht, daher kommt, dass der AStA nie etwas erreicht oder etwas durchsetzen kann. Das liegt auch daran, dass bei den Verhandlungen schon von vornherein dafür gesorgt wird, dass der AStA nichts durchsetzen kann, weil er nicht genug Mandate hat. Auf solche Verhandlungen wollen wir uns gar nicht erst einlassen, weil dort ohnehin nur Kompromisse geschlossen werden. Wir wollen auf direktem Weg unsere Forderungen aufstellen und dafür kämpfen und sind dadurch hoffentlich auch attraktiver für Leute, die sich engagieren wollen, wenn sie sehen, dass man direkt etwas erreichen kann und nicht alles in endlosen Diskussionen und Instanzen verpufft.


Aber ist die Motivation oder vielmehr Demotivation, politisch zu arbeiten nicht ein generelles Phänomen? Die vorhandenen institutionellen Strukturen sind in dieser Hinsicht sicherlich das kleinste Problem.

Arthur: Das glaube ich eben nicht. Nach meiner Erfahrung, sind auch die Fachschaften sehr auf sich selbst bezogen, sie sind sehr esoterische Kreise, in die man schwer reinkommt. Deshalb denke ich schon, dass die Motivation mit den institutionellen Strukturen zu tun hat.

Anna: Es herrscht momentan die Einstellung, von vornherein zu sagen, "Es bringt ja alles doch nichts", aber wenn man sieht, dass man durch eine andere Vorgehensweise schon etwas erreichen kann (Frankreich oder dieses Beispiel in Bremen), kann man Leute sicherlich wieder motivieren und mitreißen. Dort haben ganz viele Leute auf einmal doch mitgemacht, die vorher unpolitisch waren.

Arthur: Außerdem gibt es eine Minderheit, die bereit ist, sich zu engagieren und bei denen auch die Notwendigkeit vorhanden ist, sich zu engagieren, weil sie unter solchen Bedingungen studieren, dass sie sich engagieren müssen.

Anna: Ich denke, dass die jüngsten Entwicklungen die Ellenbogenmentalität weiter verschärft haben. Gerade deswegen ist es wichtig zu zeigen, dass man Solidarität haben kann oder fühlen und ausleben kann.


Aber das wird sich ja nur in einem kleinen Kreis bewegen, deswegen sehe ich schon die Notwendigkeit, sich im universitären Bereich mit Fachschaftsinitiativen zusammenzutun, die vom Anspruch her auch basisdemokratisch arbeiten.

Arthur: Die Fachschaftsinitiativen haben einen anderen Ansatzpunkt als wir. Die Fachschaftsinis versuchen bereits aufgrund ihrer Struktur für alle Studenten am Fachbereich da sein. Wir versuchen ganz konkret eine Solidarität auf der kleineren Ebene zu praktizieren. Wenn jemand ein Problem hat - ganz banal - das aus nun einmal rausfällt, dann wollen wir dem auch helfen und unterstützen auch versuchen durch eine direkte Aktion, ihm zu helfen. Das sehe ich nicht unbedingt bei den Fachschaften, womit ich nicht unbedingt die Fachschaften es ist eine andere Struktur, die sich ergänzen können, aber ich denke, es gibt trotzdem die Notwendigkeit, eine gewerkschaftliche Organisation aufzubauen.

Anna: Für manche Ziele braucht man einen großen Kreis und für manche Ziel einen kleinen Kreis, das wollen wir vereinbaren. Wir wollen uns sowohl für einzelne Mitglieder einsetzen, die konkrete Probleme haben, sei es mit Scheinen oder mit BAföG, aber andererseits für die größeren Forderungen, die mehr Leute betreffen, die eine ganze Uni betreffen, oder bundesweite Gesetze, dafür brauchen wir eine große Gruppe, die einfach stärker ist.


Mit welchen Initiativen oder Organisationen arbeitet Ihr denn zusammen?

Arthur: Wir arbeiten auch in diesem Netzwerk, wir haben Kontakt mit anderen Studi-Initiativen, wir machen beim Sozialbündnis mit. Ich denke, das ist kein Widerspruch.

Anna: Wir wollen uns jetzt bundesweit vernetzen mit anderen Gruppen in andern deutschen Städten, die es jetzt in ungefähr fünf Städten gibt, um dadurch einen regelmäßigen Kontakt zu haben. Flugblätter über irgendwelche Aktionen werden dann immer gleich an alle verschickt und treffen uns jetzt auch mit Leuten aus anderen Städten, um gemeinsam zu gucken, was wir gemeinsame machen können, um dann bei Fällen, die über die Stadt hinausgehen, eine richtig große Gruppe zu haben.

Arthur: Ziel ist es, dass wir in absehbarerer Zeit ein bundesweites Bildungssyndikat gründen und mit Gruppen föderieren in verschiedenen Städten. Es gibt neben Einzelleuten, die Interesse haben auch in verschiedenen Städten Syndikat Münster, in Bremen bildet sich gerade eines, in Düsseldorf, Kiel und noch ein paar andere Städte.


Ihr habt das Bildungssyndikat inspiriert durch die CNT (Confédération National de Travail) in Frankreich gegründet. Inwieweit besteht eine Zusammenarbeit mit den Leuten in Frankreich, und welchen inhaltlichen Gemeinsamkeiten gibt es?


Arthur: Die Kontakte zur CNT haben wir bereits, aber bisher ist es noch nicht zu konkreter Zusammenarbeit gekommen. Zwei Frauen von der CNT arbeiten auch bei uns mit, wir streben schon eine internationale Vernetzung an.


In Nanterre haben Anfang Mai ein paar Mitglieder der CNT dem grünen Europa-Abgeordneten Cohn-Bendit eine Torte ins Gesicht geschleudert. Das Ganze mutete ziemlich wie die Enttäuschung über einen Abtrünnigen an, der wieder auf seine Ideale zurückgebracht werden musste. Welchen Stellenwert hat ‘68 für Euch? Oder reicht Euer politisches Orientierungsmuster noch weiter zurück in die Geschichte?

Arthur:
Naja, der Ansatz, den wir mit der CNT teilen, nennt sich Anarcho-Syndikalismus. Als diese Organisationsform vor etwa hundert Jahren als "Revolutionärer Syndikalismus“ aufkam haben sich Leute zusammengetan, um eine ähnliche Struktur in Betreiben aufzubauen, wie wir sie nun mit dem Bildungssyndikat etablieren wollen. ’68 gab es sicherlich solche Ansätze, aber mit dem Bildungssyndikat betreiben wir kein nostalgisches Wiederbeleben von ’68; auch die Aktion in Nanterre sehe ich eher als Äußerung der Antipathie gegenüber den Alt-68ern, die sich jetzt selber feiern, obwohl sie heute eher das Gegenteil von dem betreiben, was sie damals gefordert haben. Wir möchten keine neue APO oder einen neuen SDS gründen, darum geht es uns bestimmt nicht.

Anna:
Wir wollen uns nicht unter den Scheffel einer Tradition stellen und versuchen, die Ereignisse nachzuahmen oder wiederaufleben zu lassen, sondern wir gucken uns die historischen Strömungen an - im Übrigen machen wir bald Infoveranstaltungen zum Anarcho-Syndikalismus, der in der Geschichte ja schon erfolgreich praktiziert wurde -, um daraus zu lernen, aber wir wollen trotzdem heute und vor Ort unsere eigene Sache aufbauen und haben uns nicht dazu verpflichtet, alten Images nachzueifern.

Arthur: Es gibt zwar diese Tradition, und es gab sicherlich gewisse Erfolge, die gezeigt haben, dass es funktionieren kann, aber an dem Beispiele aus der Gegenwart, wie in Frankreich. Die FAU, die Uni-Sektion der CNT ist beispielsweise inzwischen die drittgrößte studentische Vereinigung in Frankreich, die eine Menge auf die Beine stellt - auch andere Dinge als Torten werfen...


Was habt Ihr als nächstes vor, welche weiteren Schritte werdet Ihr mit dem Bildungssyndikat anstreben?

Arthur: Wir werden ein paar Infoveranstaltungen machen, um das Gespenst Anarchosyndikalismus vorzustellen, wir werden unseren Aufbau vorantreiben, um auch auf bundesweiter Ebene agieren zu können. Beispielsweise werden wir beim BUG eine AG für eine Initiative für ein bundesweites Bildungssyndikat anbieten. Und natürlich auch ein paar Aktionen, bei denen man von der Theorie in die Praxis geht und versucht, seine Ideen umzusetzen.

Vielen Dank für das Interview.

Aus der Selbstdarstellung von Agent Provokateur: Die a.p. ist eine linke studentische Zeitung am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU-Berlin. Sie existiert seit dem Sommer 1995 und erscheint ein bis zwei Mal pro Semester. Das Bildungssyndikat im Netz: www.fau.org/bsy/

Originaltext:
http://www.free.de/schwarze-katze/texte/as01.html (Änderung: neue Rechtschreibung)


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Anarchie an der Uni - Syndikalisten gründen Bildungsgewerkschaft

Gerade einmal ein Jahr ist es her, seit die große Streikbewegung fast alle bundesdeutschen Universitäten erfasst und PolitikerInnen sowie JournalistInnen zu Lobeshymnen veranlasst hat. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Nach kurzer Bewegungseuphorie herrscht wieder Flaute auf dem Campus. Die schweigende Mehrheit hat es schließlich schon immer gewusst: Engagement bringt nichts. Folgerichtig büffeln jetzt die meisten Aktiven von damals für die durch den Streik versäumten Scheine.

Das kann doch nicht alles gewesen sein, dachten sich einige Studis. Und so tauchten plötzlich, noch bevor die Streiks ihrem Ende zugingen, auf den Demonstrationen kleine Blöcke mit schwarz-roten Fahnen auf, die eine gebuckelte schwarze Katze zeigten. Die AnarchistInnen zeigten längeren Atem. Sie schlossen sich in Bonn, Berlin, Dortmund und Münster zu regionalen Bildungssyndikaten zusammen. Und die gründeten am vergangenen Wochenende in Berlin eine bundesweite Bildungsgewerkschaft.

Ob sie damit die öde Politlandschaft an den Unis bereichern werden? Das Gründungswochenende lässt eher Zweifel aufkommen. Sehr viele waren es nicht, die sich in der Schule für Erwachsenenbildung im Berliner Mehringhof zusammengefunden haben. Und auch von Aufbruchstimmung war wenig zu spüren. So mancher, der nach der Euphorie frisch dazugestoßen war, wurde mittlerweile wieder vom Unialltag geschluckt.

Doch zumindest einige neue Ideen haben die organisierten AnarchosyndikalistInnen auf ihrem Gründungskongress vorgetragen. Als kompromisslose BasisdemokratInnen lehnen sie die Mitarbeit in studentischen Gremien wie den Asten und Fachschaften ebenso grundsätzlich ab wie das System der Verfassten StudentInnenschaften. Von einer rein studentischen Organisierung wollen die Anarchos einfach nichts wissen. Ihnen schwebt ein Bildungssyndikat vor, in dem Studierende gemeinsam mit DozentInnen, Mensa-KöchInnen und Reinigungskräften organisiert sind.

Dass die Einheit aller Studierenden und Werktätigen auf dem Campus auf absehbare Zeit eine Schimäre bleiben wird, sehen die SyndikalistInnen natürlich auch. Höchstens in Richtung der aktiven SchülerInnen sei in absehbarer Zeit eine Ausweitung abzusehen, sagte ein Aktivist der Jungle World.

Das Bildungssyndikat hat sich als Branche der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterunion (FAU) angeschlossen, wenn auch die FAU mangels Masse nur zu begrenzter Unterstützung in der Lage sein wird. Hierarchische Strukturen sollen nicht nur an der Universität, sondern auch im Wohnheim und bei der Jobvermittlung bekämpft werden. Der nationalstaatlichen Wettbewerbslogik wollen sie internationale Solidarität entgegensetzen.

Das großes Vorbild ist Frankreich. Denn dort sorgt die anarchosyndikalistische CNT/FAU durch direkte Aktionen nicht nur bei Demonstrationen immer wieder für Schlagzeilen. Als sich im Mai 1998 der deutsch-französische Grünenpolitiker Daniel Cohn-Bendit in der Universität von Nanterre für seine wilde 68er-Vergangenheit feiern lassen wollte, wurde ihm von jungen AnarchosyndikalistInnen unter dem Motto "kleine Torte statt hohler Worte" selbige ins Gesicht geworfen. Sollten sie es mit der Parole "von Frankreich lernen" ernst meinen, könnte durch die BildungssyndikalistInnen das politische Leben auf dem Campus vielleicht wieder etwas bunter werden.

Von Peter Nowak

Quelle: Jungle World # 48/98 - 25. November 1998


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