"Die unsichtbare Front". Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937) (Buchbesprechung)

Im Herbst 1980 erschien die erste zusammenfassende Darstellung über den anarcho-syndikalistischen Widerstand gegen das Nazi-Regime. Das Buch mit dem Titel "Anarcho-Syndikalistischer Widerstand an Rhein und Ruhr" trat seinerzeit eine wahre Welle von weiteren Forschungen los. In den letzen 15 Jahren wurden allerorten, meist als Beiträge in Zeitschriften, weitere Details über dieses längst vergessen geglaubte Kapitel antifaschistischen Widerstands veröffentlicht. Was jedoch fehlte - nachdem die eigentlich geplanten weiteren Veröffentlichung von Rolf Theissen, Peter Walter und Johanna Wilhelms leider nie zustande kamen - blieb eine umfassende Zusammenfassung des mittlerweile erreichten Forschungsstandes.

Seit dem Frühjahr diesen Jahres ist diese Lücke nun geschlossen. Im Berliner Libertad-Verlag ist in diesen Wochen das Buch "Die unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937)" erschienen. Der von Andreas Graf und Dieter Nelles betreute Band gliedert sich in drei Teile.

Den ersten Teil liefert der Nachdruck eines Büchleins, das erstmals 1940 im Verlag des schwedischen syndikalistischen Jugendverbandes (SUF) erschienen ist. Unter dem Pseudonym Frank Tireur veröffentlichte dort seinerzeit der schwedische Syndikalist Rudolf Berner seine Eindrücke von einer illegalen Reise durch Deutschland und Polen in den Monaten Februar und März 1937. Berner sollte damals im Auftrag der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) und der Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten im Ausland (DAS) die nahezu abgebrochenen Verbindungen zu den illegalisierten und verfolgten GenossInnen im Dritten Reich wiederherstellen. Es gelang ihm tatsächlich in einer Reihe von Städten Kontakte herzustellen und sich über die illegale Arbeit zu informieren. Der dabei entstandene Bericht war zunächst nicht zu Veröffentlichung vorgesehen. Angesichts der nachgiebigen bis kollaborativen Haltung der schwedischen Regierung gegenüber dem faschistischen Regime in Deutschland, entschlossen sich die schwedischen SyndikalistInnen drei Jahre nach der Reise zur Veröffentlichung des Materials. Berner schrieb es für diese Veröffentlichung um. Er ergänzte tatsächlich Erlebtes um Literarisch-fiktives und anonymisierte die Namen zum Schutz der in Deutschland lebenden GenossInnen. Heraus kam dabei eine flammende und in Schweden vielbeachtete Anklage gegen das nazistische Terror-Regime.

In den Anmerkungen zu Berners Bericht versuchen Graf und Nelles auf Basis des derzeitigen Erkenntnisstandes die Betreffenden wieder zuzuordnen und lassen dabei eine Menge Details über die mittlerweile bekannten Zusammenhänge einfließen. Im zweiten Teil des Besuches stellen Andreas Graf und Dieter Nelles eine zusammenfassende Darstellung des derzeitigen Erkenntnisstandes über den anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Widerstand vor.

Der Zeitraum umfasst die Jahre 1933-1937, in denen sich heute durch unterschiedliche Augenzeugenberichte und andere Quellen umfangreiche Widerstandsaktivitäten nachweisen lassen. Danach klafft, das stellen auch die Autoren fest, eine Lücke. Obwohl sich aus Gestapo-Berichten und Gerichtsakten Verfolgung und Widerstand bis 1945 nachweisen lassen, gibt es für diesen Zeitraum bislang praktisch kein verwertbares Material. Die zusammenfassende Darstellung von Graf und Nelles geht sowohl auf den Widerstand im Dritten Reich selbst ein, als auch auf die Exilorganisationen und deren Presse. Es ist dabei wirklich erstaunlich festzustellen, welche vielfältigen und fruchtbaren Ergebnisse die - oft regionale - historische Forschung der letzten 15 Jahre offenbar gezeitigt hat. Seit dem Erscheinen des "Anarchosyndikalistischen Widerstands an Rhein und Ruhr" sind eine Menge "weißer Flecken" geschlossen worden. Anarchistischer und anarchosyndikalistischer Widerstand lassen sich heute nahezu flächendeckend dokumentieren. Schade eigentlich, dass das seit Jahren angekündigte Buch über die Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten im Ausland (DAS) immer noch nicht erschienen ist.

Der dritte Teil der "Unsichtbaren Front" besteht aus einer Reihe von Anhängen, die mit Reproduktionen der anarcho-syndikalistischen Untergrundpresse und mit einem Foto-Teil ergänzt sind. Dazu gehören eine umfangreiche Bibliographie der bisher erschienen Veröffentlichungen und eine detaillierte Übersicht über die Widerstandspresse. Ein Register rundet das rundum empfehlenswerte Buch ab.

"Die unsichtbare Front". Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). Libertad Verlag Berlin/Köln 1997.

Quelle: Direkte Aktion - anarchosyndikalistische Zeitung, Jg. 21, Nr. 121 (Mai/Juni 1997), S. 9

Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/buch01.html#freiheitundbrot (Änderung: neue Rechtschreibung)


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