Deirdre Hogan - Feminismus, Klasse & Anarchismus

Die Beziehung zwischen der Klassengesellschaft und dem Kapitalismus

Das entscheidende Definitionsmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft ist, dass sie sich im Großen und Ganzen in zwei grundlegende Klassen gliedert: die kapitalistische Klasse (die Bourgeoisie), die aus BesitzerInnen von Großunternehmen besteht, und die ArbeiterInnenklasse (das Proletariat), die mehr oder weniger aus allen anderen besteht - der überwiegenden Mehrheit der Menschen, die für einen Lohn arbeiten. In dieser Definition der Klassengesellschaft gibt es natürlich viele Grauzonen und die ArbeiterInnenklasse selbst ist keine homogene Gruppe von Menschen, sondern inkludiert zum Beispiel auch ungelernte ArbeiterInnen sowie die Mehrheit jener Gruppe, die allgemein als Mittelklasse bezeichnet wird. Es kann daher sehr reale Unterschiede im Einkommen und den Chancen für verschiedene Bereiche dieser breit definierten ArbeiterInnenklasse geben.

"Mittelklasse" ist ein problematischer Begriff, von dem, obwohl er häufig benutzt wird, ganz selten klar ist auf was genau er sich bezieht. In der Regel bezieht sich „Mittelklasse“ auf ArbeiterInnen wie etwa unabhängige Fachleute, kleine UnternehmerInnen und unteres und mittleres Management. Diese mittleren Schichten sind allerdings keine wirklich unabhängige Klasse, in der Hinsicht, dass sie nicht vom Prozess der Ausbeutung und Kapitalakkumulation des Kapitalismus unabhängig sind. Sie sind in der Regel am Rande einer der beiden Hauptklassen, Bourgeoisie und Proletariat. [1]

Der wichtige Punkt sich die Gesellschaft aus zwei grundlegenden Klassen bestehend anzusehen, ist das Verständnis, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen beiden Klassen - die großen UnternehmerInnen und die Menschen, die für sie arbeiten - auf der Grundlage von Ausbeutung basieren und dass daher diese beiden Klassen grundsätzlich entgegensetzte materialistische Interessen haben.

Kapitalismus und Wirtschaft sind von Natur aus von Profit getrieben. Die Arbeit, welche eine Arbeiterin im Laufe ihrer Arbeit macht, schafft Wohlstand. Etwas dieses Reichtums wird an die Angestellte als Lohn gegeben, der Rest wird vom Chef behalten und zu seinen Gewinnen hinzugefügt (wenn eine Arbeiterin nicht rentabel wäre, würde sie nicht beschäftigt sein). Auf diesem Weg beutet der Unternehmer die Mitarbeiterin aus und sammelt Kapital an. Es ist im Interesse der UnternehmerInnen ihre Gewinne zu maximieren und die Löhne niedrig zu halten. Das Interesse der ArbeiterInnen ist es, ihre Bezahlung zu maximieren. Dieser Interessenskonflikt und die Ausbeutung einer (großen) Klasse durch einer andere (kleine) Klasse ist ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft. AnarchistInnen haben zum Ziel das kapitalistische Klassensystem abzuschaffen und eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen.

Die Beziehung zwischen Sexismus und Kapitalismus

Sexismus ist eine Quelle der Ungerechtigkeit, die sich von der Art der oben beschriebenen Klassenausbeutung in einigen Aspekten unterscheidet. Die meisten Frauen leben und arbeiten mit Männern für zumindest einige Zeit ihres Lebens. Sie haben enge Beziehungen mit Männern, wie zB ihrem Vater, Sohn, Bruder, Liebhaber, Partner, Ehemann oder Freund. Frauen und Männer haben nicht von Natur aus gegensätzliche Interessen: Wir wollen nicht Geschlechter abschaffen, sondern die Hierarchie der Macht, die es zwischen den Geschlechtern gibt und eine Gesellschaft schaffen, wo Frauen und Männer frei und gleichwertig zusammen leben können.

Die kapitalistische Gesellschaft hängt von der Klassenausbeutung ab. Sie hängt allerdings nicht vom Sexismus ab und könnte theoretisch zu einem großen Teil eine ähnliche Behandlung von Frauen und Männern beherbergen. Dies ist offensichtlich wenn wir uns anschaun, was der Kampf für die Befreiung der Frauen in vielen Gesellschaften auf der ganzen Welt in den letzten, sagen wir, 100 Jahren erreicht hat. Es gab radikale Verbesserungen der Situation von Frauen und der zugrunde liegenden Annahmen, welche Rollen und Rechte für Frauen natürlich sind. Der Kapitalismus hat sich in der Zwischenzeit an die sich wandelnde Rolle von Frauen und deren Status in der Gesellschaft angepasst.

Ein Ende des Sexismus wird daher nicht zwangsläufig zu einem Ende des Kapitalismus führen. Ebenso kann der Sexismus fortbestehen, auch nachdem Kapitalismus und Klassengesellschaft abgeschafft wurden. Sexismus ist möglicherweise die älteste Form der Unterdrückung. Sie geht nicht nur dem Kapitalismus voraus, es gibt Beweise dafür, dass Sexismus auch früheren Formen der Klassengesellschaft vorausging [2]. So wie sich die Gesellschaften entwickelt haben, hat sich auch die Art der Unterdrückung von Frauen, die besondere Form, welche sie annimmt, verändert. Unter Kapitalismus hat die Unterdrückung von Frauen einen eigenen Charakter, dort wo der Kapitalismus sich die historische Unterdrückung von Frauen zunutze machte, um Profite zu maximieren.

Aber wie realistisch ist das Ende der Unterdrückung der Frauen innerhalb des Kapitalismus? Es gibt viele Wege, in denen Frauen aufgrund ihres Geschlechts in der heutigen Gesellschaft unterdrückt sind - wirtschaftlich, ideologisch, physisch und so weiter - und es ist wahrscheinlich, dass die Fortsetzung des feministischen Kampfes zu weiteren Verbesserungen in den Lebensbedingungen von Frauen führen wird. Auch wenn es möglich ist, dass viele Aspekte des Sexismus im Laufe der Zeit durch Kämpfe entfernt werden, gibt es Aspekte des Kapitalismus, welche die volle wirtschaftliche Gleichstellung von Frauen und Männern innerhalb des Kapitalismus höchst unwahrscheinlich machen. Dies liegt daran, dass der Kapitalismus auf der Notwendigkeit beruht, Gewinne zu maximieren und in einem solchen System sind Frauen von Natur aus benachteiligt.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Fähigkeit zu gebären eine Bürde. Die biologische Rolle der Frau bedeutet, dass sie (wenn sie Kinder hat) zumindest einige Auszeit von bezahlter Beschäftigung nehmen muss. Ihre biologische Rolle macht sie auch letztlich für ein von ihr ausgetragenes Kind verantwortlich. Als Konsequenz werden bezahlter Mutterschaftsurlaub, Alleinerziehenden-Zuschuss, Elternurlaub, Urlaub zur Betreuung kranker Kinder, kostenlose Kinderkrippen und Kinderbetreuungseinrichtungen etc. immer besonders für Frauen wichtig sein. Aus diesem Grund sind Frauen innerhalb des Kapitalismus wirtschaftlich verwundbarer als Männer: Angriffe auf Zugewinne wie etwa Kinderkrippen, Alleinerziehenden-Zulage und so weiter werden immer unverhältnismäßig stärker Frauen betreffen als Männer. Und doch ist es ohne volle wirtschaftliche Gleichstellung schwer ein Ende der ungleichen Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern und der damit verbundenen Ideologie des Sexismus zu sehen. Obwohl der Kapitalismus die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern unterbingen könnte, ist es deshalb in Wirklichkeit so, dass die vollständige Verwirklichung dieser Gleichstellung mit großer Unwahrscheinlichkeit im Kapitalismus zu erreichen ist. Das ist ganz einfach aufgrund einer wirtschaftlichen Sanktion, die im Zusammenhang mit der weiblichen Biologie steht, welche die profitgesteuerte kapitalistische Gesellschaft von Natur aus voreingenommen gegenüber Frauen macht.

Der Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen in Bewegungen der ArbeiterInnenklasse

Eines der besten Beispiele dafür wie Kämpfe für Veränderungen echte und dauerhafte Veränderungen in der Gesellschaft herbeiführen können, sind die enormen Verbesserungen im Status von Frauen, ihrer Rechte und Lebensqualität, welche der Kampf für die Befreiung der Frauen in vielen Ländern rund um die Welt erreicht hat. Ohne diesen Kampf (den ich Feminismus nenne, auch wenn sich nicht alle, welche die Unterordnung von Frauen bekämpfen, als FeministInnen identifizieren) hätten Frauen nie die großen Gewinne gemacht, die wir haben.

Historisch gesehen war der Kampf für die Emanzipation von Frauen innerhalb von anarchistischen und anderen sozialistischen Bewegungen offensichtlich. Allerdings tendierten diese Bewegungen generell zu einer etwas zweideutigen Beziehung zur Befreiung von Frauen und dem größeren feministischen Kampf.

Obwohl im Anarchismus seit jeher eine Betonung der Abschaffung aller Hierarchien der Macht von zentraler Bedeutung war, hat der Anarchismus seine Wurzeln im Klassenkampf, im Kampf den Kapitalismus zu stürzen, mit dem Ziel der Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft. Weil die Unterdrückung von Frauen nicht so eng mit dem Kapitalismus verbunden ist wie der Klassenkampf, wurde die Befreiung von Frauen in der Vergangenheit, und zu einem großen Teil auch heute, wie ein sekundäres Ziel in der Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft gesehen welche nicht so wichtig oder grundlegend ist wie der Klassenkampf.

Aber für wen ist Feminismus unwichtig? Sicherlich war für die meisten Frauen in der sozialistischen Bewegungen die Annahme, dass eine tiefgreifende Umgestaltung der Machtbeziehungen zwischen Frauen und Männern Teil des Sozialismus war, von entscheidender Bedeutung. Allerdings waren eher Männer als Frauen in sozialistischen Kreisen aktiv und die Männer spielten eine dominierende Rolle. Die Forderungen von Frauen wurden aufgrund des Vorrangs von Klasse an den Rand gedrängt. Ein weiterer Grund war dass, während die Fragen, die Arbeiter betrafen meistens ebenso Arbeiterinnen betrafen, das gleiche nicht der Fall war für Fragen, die insbesondere die Unterdrückung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts betrafen. Die soziale und wirtschaftliche Gleichstellung von Frauen wurde manchmal als in Konflikt mit den materiellen Interessen und dem Komfort von Männern stehend gesehen. Die Gleichberechtigung von Frauen erforderte tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitsteilung sowohl zu Hause und am Arbeitsplatz sowie Veränderungen im gesamten Sozialsystem männlicher Autorität. Um die Gleichberechtigung von Frauen zu erreichen müsste eine Neubewertung der Selbst-Identität auch dort stattfinden wo die „männliche Identität“ nicht mehr davon abhängen konnte, als stärker oder fähiger als Frauen gesehen zu werden.

Frauen neigten dazu, eine Verbindung zwischen persönlicher und politischer Emanzipation zu machen, in der Hoffnung, dass der Sozialismus neue Frauen und neue Männer durch die Demokratisierung aller Aspekte menschlicher Beziehungen schaffen würde. Sie fanden es allerdings sehr schwer ihre Mitstreiter zu überzeugen, dass, zum Beispiel, die ungleiche Verteilung der Arbeit zu Hause ein wichtiges politisches Thema war. In den Worten von Hannah Mitchell, die als Sozialistin und Feministin am Anfang des 20. Jahrhunderts in England aktiv war, über ihre doppelte Arbeitsschicht sowohl außerhalb des Hauses als auch daheim:

"Auch meine Sonntagsfreizeit verschwand als ich schon bald feststellte, dass ein großer Teil der sozialistischen Reden von Freiheit nur Rederei war und diese sozialistischen jungen Männer ein Sonntagsessen und Tee mit hausgemachten Kuchen, Fleisch und Pasteten erwarteten, genau wie ihre reaktionäre Freunde." [3]

Die Anarchistinnen in Spanien zum Zeitpunkt der sozialen Revolution von 1936 hatten ähnliche Beschwerden und fanden, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern nicht gut in intime Beziehungen übertragen wurde. Obwohl die Gleichstellung von Frauen und Männern offiziell von der spanischen anarchistischen Bewegung schon so früh wie 1872 verabschiedet wurde, schreibt Martha Ackelsberg in ihrem Buch „Free Women of Spain“ (Die Freien Frauen von Spanien):

"Fast alle meiner Informantinnen beklagten, dass egal wie militant auch die engagiertesten Anarchisten in den Straßen waren, sie erwarteten, "Herr" im Hause zu sein - eine Beschwerde, über die in vielen Artikeln der Zeitungen und Zeitschriften der Bewegung dieser Zeit geschrieben wurde."

Sexismus kam auch in der Öffentlichkeit vor, wo zum Beispiel militante Frauen manchmal fanden, dass sie weder ernst genommen noch mit Respekt von ihren männlichen Kameraden behandelt wurden. Frauen hatten auch Probleme in ihrem Kampf für die Gleichstellung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, in der die ungleiche Situation von Männern und Frauen in bezahlter Beschäftigung ein unangenehmes Thema war. Männer in den Gewerkschaften argumentierten, dass Frauen die Löhne der organisierten Arbeiter senkten und einige glaubten, die Lösung wäre, Frauen ganz aus dem Gewerbe zu exkludieren und den männlichen Lohn zu steigern, so dass die Männer ihre Familien unterstützen könnten. Mitte des 19. Jahrhunderts fasste ein Schneider in Großbritannien die Auswirkung der weiblichen Arbeitskraft wie folgt zusammen:

"Als ich zum ersten Mal begann in diesem Gewerbe [Westen-Fabrikation] zu arbeiten, gab es nur sehr wenige Frauen, die in ihm beschäftigt waren. Ein paar weiße Westen wurden ihnen in der Vorstellung gegeben, dass Frauen sie sauberer als Männer verarbeiten könnten ... Aber seit der Zunahme dieses aufgeblähten Ausbeutungs-Systems haben die Bosse überall nach diesen Händen gesucht, die die Arbeit unter dem regulären Lohn machen würden. Deshalb steht die Ehefrau nun im Wettbewerb mit ihrem Ehemann, und die Tochter mit der Ehefrau ... Wenn der Mann nicht den Preis für seine Arbeit auf den weiblichen senkt, muss er arbeitslos bleiben "[4].

Die Politik Frauen aus bestimmten Gewerkschaften zu exkludieren wurde oft mehr durch den Wettbewerb um deprimierende Löhne bestimmt als durch eine sexistische Ideologie, obwohl Ideologie auch eine Rolle zu spielen hatte. In der Tabakindustrie in Tampa (USA) des frühen 20. Jahrhunderts, zum Beispiel, versuchte eine anarcho-syndikalistische Gewerkschaft, La Resistencia (Widerstand), die vor allem aus kubanischen EmigrantInnen bestand, alle ArbeiterInnen in der Stadt zu organisieren. Mehr als ein Viertel ihrer Mitgliedschaft bestand aus Frauen. Diese syndikalistische Gewerkschaft wurde von einer anderen Gewerkschaft, der Cigar Makers Industrial Union, welche ausschließende Strategien verfolgten, als unmännlich und un-amerikanisch denunziert und die "sehr widerwillig Arbeiterinnen in einem separaten und sekundären Abschnitt der Gewerkschaft organisierte"[5].

Die Antriebskraft der Befreiung von Frauen war der Feminismus

Es ist in der Regel gut dokumentiert, dass der Kampf für die Emanzipation von Frauen nicht immer unterstützt wurde und dass Frauen geschichtlich Sexismus innerhalb von Klassenkampforganisationen zu bewältigen hatten. Die unbestreitbaren Verbesserungen in der Freiheit von Frauen, die stattgefunden haben, sind dank jener Frauen und Männer, die sowohl innerhalb von Klassenkampforganisationen als auch außerhalb von jenen Sexismus herausgefordert und für die Verbesserung der Stellung von Frauen gekämpft haben. Es ist die feministische Bewegung in ihrer ganzen Vielfalt (Mittelklasse, ArbeiterInnenklasse, sozialistisch, anarchistisch...), welche die Befreiung von Frauen anführte und nicht Bewegungen, die sich auf den Klassenkampf konzentrieren. Ich betone diesen Punkt, weil auch wenn heute die anarchistische Bewegung als Ganzes ein Ende der Unterdrückung von Frauen unterstützt, es doch noch immer ein Misstrauen gegenüber dem Feminismus gibt, und sich AnarchistInnen und andere SozialistInnen manchmal vom Feminismus distanzieren, weil diesem oft eine Klassenanalyse fehlt. Doch es ist genau dieser Feminismus, dem wir für die sehr realen Gewinne für Frauen danken müssen.

Wie relevant ist Klasse wenn es um Sexismus geht?

Was sind die üblichen Herangehensweisen zum Feminismus von KlassenkampfanarchistInnen heutzutage? Auf dem äußersten Ende der Reaktion gegen den Feminismus befindet sich die klassenreduktionistische Sicht: nur Klasse zählt. Diese dogmatische Sicht neigt dazu, Feminismus als Spaltung zu sehen [Sexismus ist sicherlich mehr spaltend als Feminismus!] und als eine Ablenkung vom Klassenkampf und die glaubt, dass jede Art von Sexismus automatisch mit dem Ende des Kapitalismus und der Klassengesellschaft verschwindet.

Eine etwas üblichere anarchistische Herangehensweise zum Feminismus ist allerdings die Akzeptanz, dass Sexismus existiert, dass er nicht automatisch mit dem Ende des Kapitalismus verschwinden wird und dass er im Hier und Jetzt bekämpft werden muss. Dennoch haben AnarchistInnen, wie bereits erwähnt, oft Probleme mit und distanzieren sich vom "Mainstream"-Feminismus wegen dessen mangelnder Klassenanalyse. Stattdessen wird betont, dass die Erfahrung des Sexismus je nach Klasse differenziert ist und dass daher die Unterdrückung von Frauen eine Frage der Klasse ist. Es ist sicherlich richtig, dass Reichtum bis zu einem gewissen Grad die Wirkung von Sexismus mildert: es ist zum Beispiel weniger schwierig eine Abtreibung zu bekommen, wenn man keine Sorgen haben muss, Geld für die Reise ins Ausland aufzutreiben; Fragen, wer den Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung machen muss werden weniger wichtig, wenn man sich eine Hilfe leisten kann. Außerdem hat man je nach sozio-ökonomischen Hintergrund unterschiedliche Schwerpunkte.

Indem jedoch ständig betont wird, dass die Erfahrung von Sexismus durch Klasse differenziert ist, können AnarchistInnen aber etwas, das ebenso wahr ist, vertuschen oder ignorieren: dass die Erfahrung von Klasse nach Geschlecht differenziert ist. Das Problem und die Ungerechtigkeit des Sexismus ist, dass es ungleiche Beziehungen zwischen Frauen und Männern innerhalb der ArbeiterInnenklasse und in der Tat in der gesamten Gesellschaft gibt. Frauen sind im Vergleich zu Männern ihrer jeweiligen Klasse immer benachteiligt.

Zu einem mehr oder weniger großen Ausmaß betrifft Sexismus Frauen aller Klassen. Doch eine feministische Analyse, die Klasse nicht betont, ist oft Ziel von Kritik. Aber ist Klasse im Hinblick auf alle Aspekte des Sexismus relevant? Wie relevant ist Klasse wenn es um sexuelle Gewalt geht, zum Beispiel? Klasse ist sicherlich nicht immer in jedem Fall der wichtigste Punkt. Manchmal gibt es ein Beharren darauf, eine Klassenanalyse an jede feministische Position zu heften, als ob dies erforderlich ist, um dem Feminismus eine Glaubwürdigkeit zu geben, ihn als einen würdigen Kampf für KlassenkampfanarchistInnen zu erklären. Aber diese Haltung verfehlt den wichtigsten Punkt, der sicherlich ist, dass wir gegen Sexismus sind, unabhängig von seiner Gestalt, und wen er betrifft.

Wenn eine Person bei einem rassistischen Angriff zu Tode geprügelt wird, müssen wir zuerst die Klasse des Opfers wissen, um unsere Empörung zum Ausdruck zu bringen? Ist uns Rassismus egal, wenn sich herausstellt, dass das Opfer ein hochbezahltes Mitglied der herrschenden Klasse ist? Ebenso, wenn jemand am Arbeitsplatz aus Gründen der Hautfarbe, des Geschlechts oder der Sexualität diskriminiert wird, egal ob diese Person eine Putzfrau oder eine Universitätsprofessorin ist, ist es wohl sicherlich in beiden Fällen falsch, und es ist falsch aus den gleichen Gründen! Offensichtlich ist es wert für die Befreiung von Frauen an sich zu kämpfen, ebenso wie es im Allgemeinen wert ist, gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, unabhängig von der Klasse der Unterdrückten.

Frauen und Männer dieser Erde vereinigt euch gegen Sexismus?

Angesichts der Tatsache, dass die ein Sache, die Frauen über Klassen und Kulturen hinweg gemeinsam haben, zu einem gewissen Grad ihre Unterdrückung als Geschlecht ist, können wir dann zur Vereinigung aller Frauen (und Männer) dieser Welt gegen den Sexismus aufrufen? Oder gibt es gegensätzliche Klasseninteressen, die eine solche Strategie sinnlos machen?

Interessenkonflikte zwischen Arbeiterinnen und wohlhabenden Frauen der Mittel- oder Herrschschafts-Klasse können sich mit Sicherheit ergeben. Ein Beispiel: in einer feministischen Konferenz, die 1900 in Frankreich stattfand, teilten sich die Delegierten in der Frage eines Mindestlohns für Hausangestellte, welche den Taschen derjenigen, die sich Bedienstete leisten konnten, geschadet hätte. Heutzutage werden Forderungen für bezahlten Vaterschaftsurlaub oder kostenlose Kinderkrippen mit Widerstand von UnternehmerInnen konfrontiert, die ihre Gewinne nicht gekürzt sehen wollen. Feminismus ist nicht immer gut für kurzfristige Gewinne. Kämpfe für die wirtschaftliche Gleichstellung mit Männern in der kapitalistischen Gesellschaft werden notwendigerweise auch den kontinuierlichen Kampf um Konzessionen miteinbeziehen - im wesentlichen einen Klassenkampf.

Deshalb können unterschiedliche Klasseninteressen manchmal Hindernisse für feministische Einheit auf praktischer Ebene sein. Es ist jedoch viel wichtiger für AnarchistInnen Verbindungen mit der breiteren feministischen Bewegung zu betonen als die Unterschiede zwischen ihnen. Schließlich ist die herrschende Klasse eine Minderheit und die große Mehrheit der Frauen in der Gesellschaft teilen ein gemeinsames Interesse der Erlangung wirtschaftlicher Gleichstellung mit Männern. Hinzu kommt, dass viele feministische Themen nicht von solchen klassenbedingten Interessenskonflikten betroffen sind, sondern alle Frauen in unterschiedlichem Maße betreffen. Wenn es um reproduktive Rechte geht, zum Beispiel, arbeiteten und arbeiten AnarchistInnen in Irland auch weiterhin mit Pro-Choice-Gruppen an der Seite kapitalistischer Parteien, ohne unsere Politik zu kompromitieren, weil dies die beste Taktik ist, wenn es um die Bekämpfung des Sexismus geht, welcher Frauen die Kontrolle über ihren eigenen Körper verweigert. Schließlich ist es auch bemerkenswert, dass oft die Abweisung des "Mittelklasse-Feminismus" von jenen AnarchistInnen / SozialistInnen kommt, die eine marxistische Definition von Klasse (am Anfang dieses Artikels erwähnt) haben, welche den Großteil der Mittelklasse in den Reihen der breiten ArbeiterInnenklasse sieht.

Reformen, nicht Reformismus

Es gibt zwei Ansätze zum Feminismus, die wir aufgreifen können: wir können uns von anderen Feministinnen distanzieren, indem unser Schwerpunkt auf Kritik des reformistischen Feminismus liegt oder wir können den Kampf für feministische Reformen voll und ganz unterstützen während wir zugleich sagen: wir wollen mehr! Dies ist wichtig, vor allem, wenn wir den Anarchismus für Frauen attraktiver machen wollen (eine kürzlich in der irischen Times veröffentlichte Studie zeigte, dass Feminismus für über 50% der irischen Frauen wichtig ist). In der anarchistisch-kommunistischen Vision einer zukünftigen Gesellschaft mit ihrem Leitprinzip, jede nach ihren Fähigkeiten, jeder nach ihren Bedürfnissen, gibt es keine institutionelle Voreingenommenheit gegenüber Frauen, wie es sie im Kapitalismus gibt. Zusätzlich zu den Vorteilen für Frauen und Männer hat der Anarchismus  insbesondere Frauen auch viel in Bezug auf sexuelle, wirtschaftliche und persönliche Freiheiten zu bieten, welche tiefer gehen und mehr bieten als jede prekäre Gleichstellung, die unter dem Kapitalismus erreicht werden kann.

Deirdre Hogan (Original in RAG Nr.2, Herbst 2007 veröffentlicht)

Anmerkungen:
1). Diese Beschreibung der Mittelklasse ist jene von Wayne Price. Siehe auch „Warum die ArbeiterInnenklasse“ auf anarkismo.net http://www.anarkismo.net/article/7233
2). Siehe zB die Artikel in “Toward an Anthropology of Women”, hrsg. von Rayna R. Reiter.
3). Hannah Mitchell Zitat von “Women in Movement” (Seite 135) von Sheila Rowbotham.
4). Zitat von “Women and the Politics of Class” (Seite 24) von Johanna Brenner.
5). ibid, Seite 93

Originaltext: http://www.anarkismo.net/article/10826 (kleine "Übersetzungsanpassungen / Satzstellung)


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