Vincent St. John - Die I.W.W.: Ihre Geschichte, ihre Struktur, ihre Methoden (1917)

Vorwort

Im Herbst 1904 begann eine kleine Gruppe von Leuten damit, im Geheimen eine neue radikale Bewegung für die amerikanische Arbeiterschaft zu planen. Ziel war, eine neue Ära für die amerikanischen ArbeiterInnen in die Wege zu leiten – eine Ära geprägt von Stärke und Solidarität. Die einzige Hoffnung für das Erreichen dieses Zieles schien eine neue Arbeiterorganisation zu sein, die nicht in Ehrfurcht vor dem Kapitalismus erstarren und sich von der Regierung und ihren Gesetzen einschüchtern lassen würde. In der Hoffnung, eine solche Organisation formen zu können, wurde eine Reihe radikaler AktivistInnen der Arbeiterbewegung zu einer geheimen Konferenz nach Chicago geladen, um die Grundarbeit für eine neue Gewerkschaft zu legen. In der Einladung hieß es: „Im festen Glauben an die Fähigkeit der Arbeiterklasse bei entsprechender Organisiertheit die Industrien des Landes übernehmen und erfolgreich betreiben zu können, und zwar sowohl politisch als auch industriell ..., laden wir euch ein, uns am Montag, den 2. Januar 1905, in Chicago zu einer geheimen Konferenz zu treffen. Zweck der Konferenz wird es sein, Wege und Möglichkeiten zu diskutieren, die ArbeiterInnen Amerikas gemäß kompromissloser revolutionärer Prinzipien zu vereinen. Dies abseits jeder Arbeiterorganisation der Vergangenheit oder Gegenwart und nur den Prinzipien folgend, die wirklich nötig sind, um die Integrität der Organisation als Beschützerin der Interessen der Arbeiterklasse zu garantieren.“

Mit diesen wenigen Zügen waren die Industrial Workers of the World geboren.

Die I.W.W. - Eine kurze Geschichte

Im Herbst 1904 hielten acht Männer, die in der revolutionären Arbeiterbewegung aktiv waren, ein Treffen ab. Nachdem sie ihre Gesichtspunkte ausgetauscht und die Bedingungen, denen sich die ArbeiterInnen in den USA damals gegenübersahen, diskutiert hatten, beschlossen sie, eine Konferenz einzuberufen.

Diese acht Arbeiter waren Isaac Cowen, der US-amerikanische Repräsentant der Amalgamated Society of Engineers („Vereinigung der MaschinenarbeiterInnen“) aus Großbritannien; Clarence Smith, Generalsekretär/Schatzmeister der American Labor Union (A.L.U. – Amerikanische Arbeitergewerkschaft); Thomas J. Hagerty, Herausgeber der Voice of Labor („Arbeiterstimme“), dem offiziellen Organ der A.L.U.; George Estes, Präsident der Union Brotherhood of Railway Employes („Vereinigte Brüderschaft der EisenbahnarbeiterInnen“); W.L. Hall, Generalsekretär/Schatzmeister derselben Organisation; Charles O. Sherman, Sekretär der United Metal Workers („Vereinigte MetallarbeiterInnen“); Wm. E. Trautmann, Herausgeber der Brauer Zeitung, der offiziellen Publikation der United Brewery Workers of America („Vereinigte BrauereiarbeiterInnen Amerikas“); und Eugene V. Debs, Gründer der American Railway Union („Amerikanische Eisenbahngewerkschaft“), der Socialist Party of America und entschlossener Anhänger des industriellen Unionismus. Es wurde beschlossen, am 2. Januar 1905 eine geheime Konferenz in Chicago abzuhalten. Einladungen wurden an 36 weitere Individuen geschickt, die in radikalen Arbeiterorganisationen und in der sozialistischen Bewegung der USA aktiv waren. Von den 36 Individuen, die eingeladen wurden, lehnten nur zwei die Einladung ab – Max S. Heyes und Victor Berger, beide in leitenden Positionen von Zeitschriften sozialistischer Parteien und Gewerkschaften.

Schließlich fanden sich 30 Personen zur Konferenz ein und verfassten das Manifest des industriellen Unionismus [siehe Anhang]. In diesem wurde unter anderem zu einer weiteren Versammlung in Chicago am 27. Juni 1905 aufgerufen, mit dem Ziel, eine den im Manifest formulierten Prinzipien angemessene Organisation zu gründen. Die Aufgabe, das Manifest zu verbreiten, wurde von einem Exekutivkomitee der Konferenz übernommen, sowie von der A.L.U. und der Western Federation of Miners (W.F.M., „Föderation der BergbauarbeiterInnen des Westens“). Das Manifest wurde in der Folge in verschiedene Sprachen übersetzt und weit zirkuliert.

Am 27. Juni kam es zu einer Versammlung mit 186 Delegierten, die 34 nationale, bundesstaatliche, regionale und lokale Organisationen mit insgesamt ungefähr 90.000 MitgliederInnen vertraten. Leider waren nicht alle Delegierten in guter Absicht dort. Dies war der Grund, warum sich die Unterzeichner des Manifests auf der Basis ihrer organisatorischen Arbeit als provisorisches Komitee der Versammlung konstituierten. Dieses provisorische Komitee bestimmte, dass das Stimmrecht von Delegierten gemäß der Anzahl der MitgliederInnen der von ihnen repräsentierten Organisationen nur dort gelten würde, wo die Delegierten von ihren Organisationen auch ausdrücklich dazu ermächtigt wurden, diese in die angestrebte industrielle Union einzugliedern. Delegierten, die dazu nicht ermächtigt waren, wurde nur erlaubt, als Individuen abzustimmen.

Eine der anwesenden Delegationen war die Fraktion des Bundesstaates Illinois der United Mine Workers of America („Vereinigte BergbauarbeiterInnen Amerikas“). Die Mitgliederzahl dieser Fraktion bewegte sich zu jener Zeit um die 50.000. Doch aufgrund der obigen Regeln wurde ihren Delegierten nur erlaubt, individuell abzustimmen. Einige andere Organisationen, die Delegierte gesandt hatten, existierten nur auf dem Papier und vertraten kaum eine signifikante Zahl von ArbeiterInnen. Schlussendlich lässt sich schätzen, dass de facto im Namen von etwa 40.000 ArbeiterInnen auf der Versammlung abgestimmt wurde. Es sollte sich bestätigen, dass die Vorsichtsmaßnahmen, die von den UnterzeichnerInnen des Manifests getroffen wurden, berechtigt waren. Sie verhinderten es, dass die GegnerInnen des industriellen Unionismus die Versammlung an sich rissen und den Versuch unterminierten, eine neue radikale Arbeiterorganisation zu gründen. Es ist eine Tatsache, dass viele derjenigen, die bei dieser ersten Versammlung als Delegierte präsent waren, die I.W.W. in der Folge vehement bekämpft haben – und zwar bis zum heutigen Tag.

Die Organisationen, die Teil der I.W.W. wurden, waren: Die Western Federation of Miners, 27.000 MitgliederInnen; die Socialist Trade and Labor Alliance („Sozialistische Handels- und Arbeitsföderation“), 1.450 M.; die Punch Press Operators („DruckerInnen“), 168 M.; die United Metal Workers, 3.000 M.; die Longshoremen’s Union („Gewerkschaft der HafenarbeiterInnen“), 400 M.; die American Labor Union, 16.500 M.; die United Brotherhood of Railway Employees, 2.097 M. Die Versammlung dauerte zwölf Tage, wählte offizielle FunktionärInnen und beschloss eine Verfassung mit der folgenden Präambel:

Die originale I.W.W.-Präambel

Die arbeitende Klasse und die arbeitgebende Klasse haben nichts gemeinsam. Es kann keinen Frieden geben, solange unter Millionen von Arbeitenden Hunger und Not herrscht und die Wenigen, aus denen die arbeitgebende Klasse besteht, alle guten Dinge des Lebens besitzen. Zwischen den beiden Klassen wird es einen Kampf geben, bis die ArbeiterInnen sich sowohl auf einer politischen wie einer industriellen Ebene vereinen und sich mithilfe einer Arnbeiterorganisation abseits aller politischen Parteien das aneignen, was sie selbst produziert haben.

Wir denken, dass die Zentralisierung des Industriemanagements in immer weniger Händen die meisten Gewerkschaften unfähig macht, der immer größer werdenden Macht der arbeitgebenden Klasse etwas entgegenzuhalten. Die Gewerkschaften stützen eine Situation, die es erlaubt, ArbeiterInnen derselben Industrie gegeneinander auszuspielen. Außerdem helfen die Gewerkschaften den ArbeitgeberInnen, die ArbeiterInnen glauben zu machen, dass die arbeitgebende und die arbeitende Klasse gemeinsame Interessen hätten. Nur eine Organisation, in der alle Mitglieder, egal welcher Abteilung, zu arbeiten aufhören, wann immer es irgendwo einen Streik oder eine Aussperrung gibt, kann diese Bedingungen ändern und die Interessen der Arbeiterklasse aufrechterhalten. Ein Unrecht an einem/einer ist ein Unrecht an allen.

Die Delegierten, die an der ersten Versammlung teilnahmen, repräsentierten die verschiedensten Theorien und Programme. Diese konnten grob in vier Gruppen aufgeteilt werden: in parlamentarischen Sozialismus (sowohl marxistischer wie reformistischer Ausrichtung), Anarchismus, industriellen Unionismus und Pseudo-Unionismus (1). Die Versammlung bemühte sich, diese widersprüchlichen Elemente unter einen Hut zu bringen. Dies erklärt einige der scheinbaren Widersprüche der ersten I.W.W.-Präambel. Das erste Jahr der Organisation war von internen Kontrollkämpfen zwischen den verschiedenen Gruppen geprägt. Die sozialistischen PolitikerInnen sahen die I.W.W. als Spielfeld, auf dem sie ihre eigenen Spannungen austrugen. Die Pseudo-UnionistInnen versuchten, sich an die I.W.W. anzuhängen, um sie sich im Falle ihres Erfolges selbst zunutze machen zu können. Am wenigsten aktiv in die internen Querellen involviert waren die AnarchistInnen. Nur in New York schlossen sie sich mit einem Teil der sozialistischen PolitikerInnen zusammen, um den regionalen Rat kontrollieren zu können.

Trotz dieser – und anderer – Hindernisse machte die I.W.W. bald Fortschritte. Sie nahm einige erfolgreiche Kämpfe mit der arbeitgebenden Klasse auf und begann, eine monatliche Zeitschrift zu veröffentlichen, The Industrial Worker. Die I.W.W. veröffentlichte auch den ersten Aufruf zur Verteidigung von Moyer, Haywood und Pettibone, unter dem Titel Shall Our Brothers Be Murdered?. Sie organisierte ein Verteidigungskomitee, motivierte andere Organisationen, Teil der Kampagne zu werden und rettete schließlich das Leben dieser W.F.M.-Mitglieder. Dadurch wurde gewissermaßen die Rolle, welche die W.F.M. für die Gründung der I.W.W. gespielt hatte, belohnt.

Die zweite Vollversammlung

Die zweite Vollversammlung der I.W.W. trat im September 1906 zusammen, mit 93 Delegierten, die ungefähr 60.000 ArbeiterInnen vertraten. Die Versammlung machte es offensichtlich, dass die Administration der I.W.W. in den Händen von Leuten war, die nicht mit dem revolutionären Programm der Organisation im Einklang standen. Von den FunktionärInnen der Gewerkschaft waren nur zwei echte Unionisten – der Generalsekretär, W.E. Trautmann, und eines der Mitglieder des Exekutivkomitees, John Riordan. Der Kampf um die Kontrolle der Organisation führte zu einer Spaltung der Versammlung in zwei Lager. Die Revolutionäre waren in der Mehrheit. Die Reaktionäre, zu denen der Vorsitzende zählte, versuchten durch manipulative Taktiken Kontrolle über die Versammlung zu gewinnen. Sie hofften, Beschlüsse solange verzögern zu können, bis genug Delegierte gezwungen waren, abzureisen, wodurch sich das Gewicht der Versammlung vielleicht zu ihren Gunsten verlagert hätte. Doch die Revolutionäre verhinderten dies, indem sie das Amt des Präsidenten abschafften und einen aus ihren Reihen zum Vorsitzenden wählten. Die zwei opponierenden Gruppen sozialistischer PolitikerInnen fanden sich in diesem Konflikt in unterschiedlichen Lagern.

Schließlich ergänzte die zweite Vollversammlung die Präambel, indem sie die folgende Klausel einfügte: Wir wollen keine politische Partei empfehlen, noch von einer empfohlen werden. Darüber hinaus wurde ein neues Exekutivkomitee gewählt. Nach dem Ende der Versammlung besetzten die alten FunktionärInnen das Hauptquartier mithilfe von Detektiven und der Polizei. Die Revolutionäre waren gezwungen, neue Büros zu finden. Dies gelang ihnen, obwohl sie keinen Zugang zu den Mitteln der Organisation hatten und auf die finanzielle Hilfe von Leuten vor Ort angewiesen waren. Eine Zeit lang wurde die alte Administration der I.W.W. von der W.F.M. unterstützt. Die W.F.M. gab eine einflussreiche Zeitung heraus und leistete auch finanzielle Zuschüsse. Auch die sozialistische Partei unterstützte die alte Administration. Schließlich waren jedoch die radikalen Elemente in der W.F.M. in der Lage, die Administration der Gewerkschaft dazu zu zwingen, mit ihrer Unterstützung aufzuhören. Dies bedeutete das Ende eines jeden Anspruchs der alten I.W.W.-Administration, eine Organisation zu führen.

Ihr zweites Jahr stellte die I.W.W. vor noch härtere Herausforderungen als das erste. Es gelang ihr jedoch, wieder ein Hauptquartier einzurichten und die Herausgabe der Zeitung der Organisation von der alten Administration zu übernehmen. Die Zeitung erschien bald wöchentlich anstatt monatlich. Darüber hinaus kam es in diesem Jahr verstärkt zu einigen harten Kämpfen von I.W.W.-MitgliederInnen für bessere Arbeitsbedingungen.

Die dritte Vollversammlung der I.W.W. verlief ruhig, auch wenn die Versammlung es deutlich machte, dass die sozialistischen PolitikerInnen, die in der Organisation verblieben waren, versuchten, die I.W.W. für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Es wurden sanfte Versuche unternommen, ihren Einfluss auf die Organisation so gering wie möglich zu halten.

Während der vierten Vollversammlung kam es schließlich zum Bruch zwischen den sozialistischen PolitikerInnen und den industriellen UnionistInnen, nachdem ein für alle Mal klargestellt worden war, dass erstere die Organisation nicht kontrollieren durften. Die Präambel wurde folgendermaßen geändert:

Die I.W.W.-Präambel

Die arbeitende Klasse und die arbeitgebende Klasse haben nichts gemeinsam. Es kann keinen Frieden geben, solange unter Millionen von Arbeitenden Hunger und Not herrscht und die Wenigen, aus denen die arbeitgebende Klasse besteht, alle guten Dinge des Lebens besitzen. Zwischen den beiden Klassen wird es einen Kampf geben, bis die ArbeiterInnen der Welt sich als eine Klasse organisieren, die Erde und die Produktionsmittel in Besitz nehmen und das Lohnsystem abschaffen.

Wir denken, dass die Zentralisierung des Industriemanagements in immer weniger Hände die meisten Gewerkschaften unfähig macht, der immer größer werdenden Macht der arbeitgebenden Klasse etwas entgegenzuhalten. Die Gewerkschaften stützen eine Situation, die es erlaubt, ArbeiterInnen derselben Industrie gegeneinander auszuspielen. Außerdem helfen die Gewerkschaften den Arbeitgebern, die ArbeiterInnen glauben zu machen, dass die arbeitgebende und die arbeitende Klasse gemeinsame Interessen hätten. Nur eine Organisation, in der alle Mitglieder, egal welcher Abteilung, zu arbeiten aufhören, wann immer es irgendwo einen Streik oder eine Aussperrung gibt, kann diese Bedingungen ändern und die Interessen der Arbeiterklasse aufrechterhalten. Ein Unrecht an einem/einer ist ein Unrecht an allen.

Anstelle des konservativen Mottos „Gerechter Lohn für gute Arbeit!“ müssen wir die revolutionäre Losung „Abschaffung des Lohnsystems!“ auf unsere Fahnen schreiben. Es ist die historische Mission der Arbeiterklasse, den Kapitalismus zu zerstören. Die Armee der ArbeiterInnen muss organisiert sein, nicht nur für den alltäglichen Kampf gegen die Kapitalisten, sondern auch, um die Produktion nach dem Ende des Kapitalismus weiterzuführen. Indem wir uns industriell organisieren, formen wir die Struktur einer neuen Gesellschaft im Rahmen der alten.

Die PolitikerInnen etablierten eine Parallelorganisation, die bis heute beansprucht, die wahre I.W.W. zu sein. Diese Organisation ist jedoch nichts anderes als eine Kopie der sozialistischen Partei. Sie war niemals eine wahre Arbeiterorganisation. Ihr Programm verpflichtet sie dem Parlamentarismus. Ihre Veröffentlichungen sind die einer politischen Sekte, die keine Möglichkeit auslässt, diejenigen ArbeiterInnen zu attackieren, die tatsächlich in einen revolutionären Kampf mit der herrschenden Klasse verwickelt sind. Die Lieblingsmethode der ParteisozialistInnen ist es, die Revolutionäre aller möglichen Verbrechen anzuklagen.

„Bomber“, „Terroristen“, „Gauner“, „Mörder“, „Diebe“, usw., sind die dabei gewöhnlich verwendeten Attribute. Nichts macht ihre Feigheit und Hirngespinste deutlicher. Nach dem Sieg der TextilarbeiterInnen in Lawrence versuchten die sozialistischen PolitikerInnen noch einmal, die I.W.W. zu vereinnahmen. Indem sie wieder als die wahre I.W.W. auftraten, war es ihnen möglich, mehrere Tausend TextilarbeiterInnen in Patterson, Passaic, Hackensack, Stirling, Summit, Hoboken, Newark (New Jersey) und Astoria und Long Island (New York) zu täuschen und von ihnen Beitritts- und Mitgliedszahlungen zu kassieren.

Die sozialistischen Schwindler verrieten die ArbeiterInnen dabei jedes Mal, lieferten sie den Fabrikeigentümern aus und sabotierten ihre Bemühungen, bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. In Patterson und Passaic formte die sozialistische Partei sogar eine Allianz mit der Polizei, um die AgitatorInnen der I.W.W. daran zu hindern, den von ihnen an der Arbeiterschaft begangenen Betrug aufzudecken.

Der Betrug ließ sich freilich auf Dauer nicht verbergen. Die Aktionen der ParteisozialistInnen machten ihre Absichten klar. Sie sind heute unter der Arbeiterschaft absolut diskreditiert. Gleichzeitig versuchen sie weiterhin, heimlich ihr Gift zu verbreiten. Nach dem Ende des Lawrence-Streiks haben es die Publikationen der sozialistischen Partei – mit wenigen Ausnahmen – niemals versäumt, die I.W.W. und ihre MitgliederInnen zu verunglimpfen. Dies gilt selbst für MitgliederInnen der sozialistischen Partei, die in der I.W.W. organisiert sind oder sie unterstützen.

Die Struktur der I.W.W.

Die I.W.W. hat ihre Schlüsse aus der Vergangenheit gezogen. Sie erachtet es als unabdingbar, dass die Form und Struktur der Arbeiterorganisation mit der Entwicklung der maschinell-industriellen Produktion Schritt hält, um Klassensolidarität unter den ArbeiterInnen zu garantieren. Gelingt dies nicht, sind die Kämpfe der ArbeiterInnen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Veraltete Organisationsformen und Taktiken müssen überwunden werden, um Kämpfe erfolgreich führen zu können. Kommt es dazu nicht, bevor die Kämpfe aufgenommen werden, können diese nur in Verwirrung und Chaos enden, egal wie stark der Kampfgeist der ArbeiterInnen sein mag.

Die Solidarität innerhalb der Arbeiterklasse ist die erste Notwendigkeit für erfolgreiche Kämpfe. Diese Solidarität sowie die Notwendigkeit des Klassenkampfes sind die obersten Grundsätze der I.W.W. Die I.W.W. ist dem Klassenkampf verpflichtet, bis die Arbeiterklasse die Kontrolle der Industrie übernommen hat. Die I.W.W. appelliert unermüdlich an den Geist der Revolte und des Widerstandes, der so unabdingbar für jede Arbeiterorganisation in ihrem Kampf für ökonomische Unabhängigkeit ist. Mit einem Wort, die Grundprinzipien der I.W.W. machen sie zu einer militanten Organisation. Sie verpflichtet die Gewerkschaft zu einem kompromisslosen Kampf gegen das Privateigentum und die private Kontrolle der Industrie.  Es gibt nur ein Abkommen, das die I.W.W. jemals mit der arbeitgebenden Klasse eingehen wird: die vollständige Übertragung industrieller Kontrolle an die organisierte Arbeiterschaft.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben bewiesen, dass manche Massenorganisationen – wie etwa die Knights of Labor (2) – genauso machtlos und uneffektiv waren wie ein Mob. Die Fachgewerkschaft, mit ihrem Prinzip gewerblicher Unabhängigkeit und ihrer Illusion eines möglichen harmonischen Verhältnisses zwischen Bossen und Arbeiterschaft, hat sich als wirkungslos erwiesen. Sie hat der Arbeiterklasse keine Waffen zur Verfügung gestellt. Es ist wahr, dass sie bessere Arbeitsbedingungen für manche – etwa ausgebildete MechanikerInnen – gebracht hat, doch gleichzeitig hat sie aufgrund ihrer enggefassten Organisationsformen die Interessen der ArbeiterInnen als Klasse lange aus den Augen verloren. Es sind alleine die Interessen der jeweiligen Berufszweige, welche die Aktivitäten ihrer MitgliederInnen bestimmen. Letztlich ist es Fachgewerkschaften nur möglich, denjenigen ArbeiterInnen Vorteile zu verschaffen, die sie repräsentieren, was oft auf Kosten der Arbeiterklasse als Ganzer geschieht. Jeder Vertrag, der mit der arbeitgebenden Klasse zugunsten einer bestimmten gewerblichen Gruppe von ArbeiterInnen eingegangen wird, rückt Tausende anderer ArbeiterInnen ins Abseits. Die Fachgewerkschaften sind damit zu Verbündeten der ArbeitgeberInnen geworden. Sie helfen, die große Mehrheit der ArbeiterInnen unterworfen zu halten. In den Augen der I.W.W. sind die Fachgewerkschaften nicht Teil einer wahren Arbeiterbewegung und werden nie einer sein.

Der I.W.W. geht es darum, in einen Konflikt mit der arbeitgebenden Klasse als Ganzer einzutreten, wann immer ein Teil der ArbeiterInnen nach besseren Arbeitsbedingungen strebt, egal in welchen Industrien. Die Kosten eines Streiks werden von den organisierten ArbeitgeberInnen getragen, die sich heute – bei aller Konkurrenz untereinander – aufgrund ihres gemeinsamen Interesses vereinigen, die ArbeiterInnen unterworfen zu halten und sich billige Arbeitskraft zu sichern.

Um diesen Bedingungen angemessen aktiv sein zu können, organisiert sich die I.W.W. wie folgt:

Allgemeine Übersicht

1. Die I.W.W. setzt sich aus industriellen Gewerkschaften zusammen, die gemäß den Anforderungen der speziellen Industriezweige aufgegliedert sind. Manchmal schließt eine industrielle Gewerkschaft alle ArbeiterInnen eines bestimmten Industriezweigs ein, während in anderen Industriezweigen mehrere industrielle Gewerkschaften notwendig sind, um alle erforderlichen Aufgaben abdecken zu können. Im Falle des Schiffstransports bedarf es etwa einer Gewerkschaft im Gebiet der Großen Seen, einer am Atlantik und am Golf, einer am Pazifik, sowie einer am Mississippi. Diese Aufgliederung ist notwendig, um den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Gruppen von ArbeiterInnen gerecht werden zu können.

2. Gewerkschaften eng miteinander verbundener Industriezweige werden in Gewerkschaftsabteilungen (departmental organizations) vereint. Zum Beispiel wird die Gewerkschaft des Schiffstransports mit jenen der Eisenbahn, des Straßenlastverkehrs, des Flugverkehrs und des öffentlichen Verkehrs in einer Abteilung für Transport und Kommunikation zusammenkommen.

3. Die Gewerkschaftsabteilungen sind in nationalen Abteilungen vereint. Die nationalen Abteilungen vereinen sich in der I.W.W., der es als internationaler Organisation um die Solidarität und Kooperation zwischen allen ArbeiterInnen geht.

I.W.W.-Branchen

Eine industrielle Gewerkschaft wird immer dann in Branchen aufgegliedert, wenn die Bedingungen, unter denen die verschiedenen Gruppen von ArbeiterInnen des jeweiligen Industriezweigs arbeiten, so unterschiedlich sind, dass eine entsprechende Aufgliederung notwendig wird. In Gewerkschaften, in denen solche Aufgliederungen nicht notwendig sind, werden Branchen nach regionalen Kriterien eingerichtet. Die Branchen können gegliedert werden in:

1. Arbeitsplatzsektionen, sodass die ArbeiterInnen einer jeden Arbeitsstelle auf die Bedingungen eingehen können, die sie direkt betreffen.
2. Sprachsektionen, sodass sich die ArbeiterInnen in der Sprache organisieren können, die ihnen am Vertrautesten ist.
3. Gruppensektionen, die der Aufgliederung großer Industrien entsprechen.
4. Lokalsektionen, die den ArbeiterInnen erlauben, an Gewerkschaftstreffen teilzunehmen, ohne zu weit reisen zu müssen.
5. Um kompromisslose Solidarität sowohl unter den ArbeiterInnen eines Industriezweigs wie unter den ArbeiterInnen aller Industriezweige zu schaffen, werden regionale Räte geformt, die von allen industriellen Gewerkschaften und Branchen, die in der entsprechenden Region tätig sind, gewählt werden. Diese Räte koordinieren die Gewerkschaftsaktivitäten innerhalb der Regionen.

Funktionen der I.W.W.-Sektionen

Arbeitsplatz-, Sprach, Gruppen- und Lokalsektionen halten keinen direkten Kontakt zu den ArbeitgeberInnen. Dieser Kontakt wird von der jeweiligen industriellen Gewerkschaft oder der I.W.W. selbst gehalten. Während die ArbeiterInnen also innerhalb ihrer Sektionen direkt die Bedingungen ihres Kampfes kontrollieren, verbinden sie sich im Kampf gegen ihre Bosse mit allen in ihrer industriellen Gewerkschaft organisierten ArbeiterInnen. Die Sprachsektionen werden verschwinden, wenn die allgemeinen Englischkenntnisse besser werden. Ebenso werden aufgrund der maschinellen Produktion jene Sektionen verschwinden, die auf technischem Wissen bzw. speziellen technischen Fähigkeiten beruhen. So wie sich der Besitz und die Kontrolle der Industrie zunehmend konzentriert, werden sich die industriellen Gewerkschaften und ihre Branchen zunehmend konzentrieren. Die I.W.W. soll sich zu jeder Zeit den Bedürfnissen der Lage anpassen und schließlich zum Medium werden, durch das es den ArbeiterInnen möglich ist, selbst die Mengen an Essen, Kleidung, Ausbildung und Vergnügen zu bestimmen, die notwendig sind, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Administration

Die industriellen Gewerkschaften üben vollständige Kontrolle über ihre eigenen Angelegenheiten aus und bestimmen die eigenen Funktionärsgehälter sowie die Mitgliedsbeiträge. Die I.W.W. erlaubt jedoch keiner individuellen Gewerkschaft, mehr als fünf Dollar Beitrittsgebühr oder mehr als einen Dollar monatlicher Mitgliedsgebühr zu verlangen.

Jede Gewerkschaftsbranche wählt einen Delegierten (oder mehrere) ins Exekutivkomitee der Gewerkschaft. Dieses Exekutivkomitee ist der administrative Körper der Gewerkschaft. FunktionärInnen der Branchen bestehen aus SekretärInnen, SchatzmeisterInnen, Vorsitzenden und SachverwalterInnen.

FunktionärInnen der Gewerkschaften bestehen aus SekretärInnen, SchatzmeisterInnen, Vorsitzenden und dem gewerkschaftlichen Exekutivkomitee.

Innerhalb einer Region wählen jede Gewerkschaft und jede Branche eine/n oder mehrere Delegierte/n in den regionalen Rat. Die FunktionärInnen der regionalen Räte bestehen aus SekretärInnen/SchatzmeisterInnen und SachverwalterInnen. Diese werden von den Delegierten gewählt.

Alle FunktionärInnen der Sektionen, mit Ausnahme jener der regionalen Räte, werden von allen MitgliederInnen gewählt.

Die Repräsentation der Branchen und regionalen Räte ist nicht proportional. Jede Branche und jeder regionale Rat hat dieselbe Anzahl an Delegierten im Exekutivkomitee der I.W.W. Alle

Delegierten haben eine Stimme.

Die Gewerkschaften halten jährliche Vollversammlungen ab. Hier entspricht die Stimmkraft der Delegierten den Mitgliederzahlen der Branchen, die sie repräsentieren.

Die Gewerkschaften nominieren KandidatInnen für die Funktionärsämter der I.W.W. Aus den drei KandidatInnen, die in der Vollversammlung die meisten Stimmen erhalten, wählt dann die gesamte Mitgliedschaft die FunktionärInnen für die nächste Amtsperiode.

Die FunktionärInnen der I.W.W. bestehen aus einer/m SekretärIn/SchatzmeisterIn und dem Exekutivkomitee. Jede industrielle Gewerkschaft wählt zusätzlich Delegierte für die Gewerkschaftsabteilung, zu der sie gehört. Dabei wird dasselbe Verfahren angewandt wie bei der Wahl der FunktionärInnen.

Gewerkschaftsabteilungen halten Vollversammlungen ab und nominieren dabei ihre Delegierten für die I.W.W.-Vollversammlung. Das General Executive Board („Zentralkomitee“) der I.W.W. besteht aus einem Mitglied jeder Gewerkschaftsabteilung, das von den MitgliederInnen dieser Abteilung gewählt wird Allgemeine Vollversammlungen finden gegenwärtig einmal im Jahr statt. Die Gehälter der I.W.W.-VertreterInnen auf allen Ebenen richten sich nach dem durchschnittlichen Gehalt der ArbeiterInnen des Industriezweigs, den sie repräsentieren.

Taktiken und Methoden

Die I.W.W. versteht sich als revolutionäre Organisation und wendet alle Taktiken an, von denen sie glaubt, mit dem geringsten Aufwand an Zeit und Energie die gewünschten Resultate erzielen zu können. Welche Taktiken genau gewählt werden, hängt von den Möglichkeiten der Organisation zum jeweiligen Zeitpunkt ab. Fragen nach allgemein „richtigen“ oder „falschen“ Taktiken interessieren uns nicht.

Keine Abkommen, die je mit ArbeitgeberInnen geschlossen werden, sind endgültig. Jeder Friede, den es während des Lohnarbeitssystems gibt, ist nichts als ein Waffenstillstand. Wann immer die Zeichen günstig stehen, wird der Kampf wieder aufgenommen. Sobald die I.W.W. mehr Kontrolle in der industriellen Produktion gewonnen hat und sich in der Arbeiterschaft das Wissen um die Macht der I.W.W. ausbreitet, werden lange Streiks zu überholten Kampfmitteln. Lange Streiks sind gewöhnlich die Folge unzureichender Organisation oder schlechter Planung – es kommt meist dann zu ihnen, wenn es sich die ArbeitgeberInnen leisten können, ihre Produktionsstätten einstweilig zu schließen. Gewöhnlich wird ein Streik, der nach vier bis sechs Wochen nicht gewonnen ist, nie gewonnen. In einer Industrie der Konzerne ist es für die ArbeitgeberInnen leichter, einen Streik von sechs Monaten zu bekämpfen als sechs kürzere Streiks innerhalb desselben Zeitraums.

Keiner Branche der I.W.W. ist es erlaubt, temporäre Verträge mit ArbeitgeberInnen einzugehen. Wenn es zu einem Streik kommt, geht es darum, alle Branchen der involvierten Industrie lahm zu legen, und zwar genau dann, wenn die ArbeitgeberInnen sich eine Einstellung der Arbeit am wenigsten leisten können.

Die I.W.W. geht davon aus, dass den ArbeiterInnen nichts von den ArbeitgeberInnen zugestanden wird außer dem, was sie selbst erkämpfen und verteidigen können aufgrund der Stärke ihrer Organisation. Daher streben wir keine Übereinkommen mit ArbeitgeberInnen an. Wenn durch Streiks keine Zugeständnisse der ArbeitgeberInnen erzwungen werden können, wird die Arbeit fortgesetzt und stattdessen Sabotage angewandt. Der große Fortschritt, zu dem es in der maschinellen Produktion gekommen ist, resultiert in einer immer weiter wachsenden Zahl von Arbeitslosen. Um dem entgegenzuwirken, zielt die I.W.W. darauf ab, einen kürzeren Arbeitstag einzurichten und das Arbeitstempo zu verlangsamen, um dadurch die Anstellung von mehr und mehr ArbeiterInnen zu erzwingen.

Überzogene Beitrittsbeträge und monatliche Abgaben sind in der IWW verboten.

Während Streiks wird der Arbeitsplatz von Streikposten bewacht und jede Anstrengung wird unternommen, StreikbrecherInnen von der Arbeitsstelle fernzuhalten. Die Arbeitsstelle muss isoliert werden. Alle Lieferungen müssen verweigert, falsch geschickt, verzögert oder, wenn möglich, verloren werden. StreikbrecherInnen müssen Konsequenzen spüren, soweit es die Macht der Organisation zulässt. Politische Interventionen bzw. Regierungsanweisungen werden ignoriert und die I.W.W.-MitgliederInnen sind bereit, sich massenweise verhaften zu lassen. Kurz, die I.W.W. propagiert den Gebrauch militanter direkter Aktion in dem Grad, in dem unsere Macht sie zulässt.

Öffentlichkeitsarbeit

Gegenwärtig hat die Organisation 14 eigene Publikationen, 12 wöchentliche und zwei zweiwöchentliche. Diese erscheinen in den folgenden Sprachen: auf Englisch (drei), Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Polisch, Slawisch, Litauisch, Ungarisch, Schwedisch und Jiddisch (jeweils eine). Eine spanische und eine italienische Wochenzeitung sind mit der Organisation verbunden. Eine russische Wochenzeitung und eine englische Monatszeitung sind sympathisierend, und eine finnische Tageszeitung propagiert die Prinzipien der Präambel.

Die I.W.W. bringt von Zeit zu Zeit Flugblätter und Broschüren heraus und zielt darauf ab, ihre Publikationen in allen Sprachen so schnell auszudehnen, wie es die Ressourcen der erlauben. Die industriellen Gewerkschaften und ihre Branchen halten Informationstreffen in Hallen und auf den Straßen der industriellen Zentren ab. Leseräume mit revolutionärer Literatur werden von allen größeren Branchen betrieben. Spezielle Arbeitsplatztreffen werden abgehalten, um bestimmte Industriezweige zu organisieren.

Kämpfe der I.W.W.

1906 wurde der Acht-Stunden-Tag für Hotel- und RestaurantarbeiterInnen in Goldfield, Nevada, eingeführt. Im selben Jahr verloren MetallarbeiterInnen einen Streik in Youngstown, Ohio, da die American Federation of Labor (A.F.L. – „Amerikanische Arbeiterföderation“) StreikbrecherInnen stellte.

1907 streikten 3.000 TextilarbeiterInnen in Skowhegan, Maine, 3.000, nachdem I.W.W.- AktivistInnen entlassen worden waren. Der Streik dauerte vier Wochen und resultierte in einem Sieg der Streikenden, die sich verbesserte Arbeitsbedingungen sicherten, obwohl die A.F.L. auch hier StreikbrecherInnen stellte.

In Portland, Oregon, waren 3.000 SägewerksarbeiterInnen in einen Streik für einen Neun- Stunden-Tag und die Erhöhung des Lohnes von $1.75 auf $2.50 pro Tag involviert. Aufgrund des ausgesprochenen Bedarfs an Holzarbeit zu jener Zeit sicherten sich die Streikenden Arbeit anderswo und der Streik verlief sich nach sechs Wochen. Die Sägewerksfirmen brauchten Monate, um sich von den erlittenen Schäden zu erholen und waren indirekt gezwungen, die Löhne zu heben und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dieser Streik verschaffte der I.W.W. im Westen der USA starken Auftrieb.

In Bridgeport, Connecticut, traten 1.200 RöhrenfabriksarbeiterInnen in einen Streik. Dieser wurde verloren, wiederum aufgrund der Sabotage der A.F.L.

Im selben Jahr streikten 800 SeidenspinnerInnen in Lancaster, Pennsylvania. Dieser Streik wurde verloren, da die Fabrik im Zuge der Wirtschaftskrise 1907, die kurz nach Beginn des Streiks ausbrach, zusperrte.

Vom 10. März bis zum 22. April 1907 kämpften die W.F.M. und die I.W.W. für die Verteidigung der Arbeitsbedingungen, die sie in Goldfield, Nevada, geschaffen hatten, gegen die vereinten Kräfte der Minenbesitzer, Geschäftsleute und der A.F.L. Leider fiel dieser Kampf zunächst einem Betrug der W.F.M.-FunktionärInnen zum Opfer. Er wurde jedoch zwischen April und September immer wieder aufgenommen und war schließlich erfolgreich. Darüber hinaus wurde die Streikbrecher-Abteilung der A.F.L. zerstört. Dieser Kampf kostete den ArbeitgeberInnen über $100.000. Der Streik der W.F.M. im Oktober 1907 fand während einer wirtschaftlichen Krise statt und war damit zum Scheitern verurteilt.

Während die I.W.W. und die W.F.M. die Arbeitsbedingungen in Goldfield kontrollierten, war das Mindesteinkommen für alle Arten von Arbeit $4.50 pro Tag und der Acht-Stunden-Tag obligatorisch. Keine anderen Arbeiterorganisationen waren je irgendwo so erfolgreich gewesen. Keine Komitees wurden dabei je zu den ArbeitgeberInnen geschickt. Die Gewerkschaften alleine verhandelten die Löhne und regulierten die Arbeitsstunden. Was die SekretärInnen auf der Informationstafel außerhalb der Gewerkschaftshalle anschlugen, galt für alle, inklusive die ArbeitgeberInnen, die gezwungen waren, für Verhandlungen zu den Komitees der Gewerkschaften zu kommen.

Anfang Juli 1909 begannen 8.000 ArbeiterInnen sechzehn verschiedener Nationalitäten der Pressed Steel Car Company („Pressstahl-Karosserie-Unternehmen“) in McKees Rocks, Pennsylvania, den wichtigsten Kampf in der bisherigen Geschichte der I.W.W. Der Streik dauerte elf Wochen. Wie gewöhnlich griffen die ArbeitgeberInnen auf die Dienste der Schutzpolizei des Staates Pennsylvania zurück (Pennsylvania State Constabulary), um die Streikenden einzuschüchtern und zurück zur Arbeit zu schlagen. Die Schutzpolizei ist eine ausgewählte Truppe von Schurken, die aufgrund ihres Vermögens, mit Schusswaffen umzugehen, rekrutiert werden. Seit ihrer Etablierung hat diese Truppe jeden Streik in Pennsylvania brutal niedergeschlagen. Männer, Frauen und Kinder wurden dabei getötet und dauerhaft verletzt – bei völliger Straffreiheit. Ihre Ankunft in McKees Rocks war zunächst von ihrer bekannten Brutalität gekennzeichnet. Als einer der Streikenden getötet wurde, entschloss sich die I.W.W. zurückzuschlagen. Das Streikkomitee informierte den Kommandanten der Schutzpolizei, dass von nun an für jeden getöteten oder verletzten Streikenden ein Schutzpolizist umgebracht würde. Dabei würden sich die Streikenden nicht im Geringsten darum kümmern, welchen Schutzpolizisten die Strafe träfe – es ging um ein Leben für ein anderes. Die Streikenden hielten ihr Wort. Als die Schutzpolizisten das nächste Mal angriffen, wurden einige von ihnen getötet und eine Anzahl weiterer verwundet. Der Rest wurde von den Straßen in die geschützten Hallen der Firma getrieben. Auch eine Anzahl Streikender war getötet und verwundet worden. Es kam zu keinen weiteren Toten während der verbleibenden Streiks. Zum ersten Mal seit ihrer Existenz war die Schutzpolizei gezügelt worden. Der McKees Rocks Streik wurde zu einem vollen Erfolg für die Streikenden.

Am 2. November 1909 begann die Stadtregierung in Spokane, Washington, die RednerInnen der I.W.W. dafür zu verhaften, dass sie Treffen auf der Straße organisierten. Die BewohnerInnen Spokanes beschlossen daraufhin, gegen die Stadt zu kämpfen und sie zu zwingen, die Straßenversammlungen der I.W.W. zuzulassen. Der Kampf dauerte bis zum 1. März des folgenden Jahres und resultierte in einem Gesetz, dass das Recht auf Straßenversammlungen garantierte. Über 500 Männer und Frauen waren während dieses Free- Speech-Kampfes im Gefängnis gesessen. 200 waren in einen Hungerstreik getreten, der 13 Tage dauerte und dann auf 45 Tage bei Brot und Wasser ausgedehnt wurde. Vier Menschen starben im Zuge dieses Kampfes.

Viele weitere Free-Speech-Kämpfe folgten jenem in Spokane. Der bemerkenswerteste war jener in Fresno, Kalifornien. Hier versuchten die Autoritäten gemeinsam mit den ArbeitgeberInnen die I.W.W.-Agitation zu stoppen, die auf die Organisation von den Tausenden von unausgebildeten ArbeiterInnen in den Obstplantagen des San Joaquin Valley abzielte. Straßenversammlungen waren in Fresno verboten. Die I.W.W. machte wiederum Gebrauch von der direkten Aktion und füllte die Gefängnisse der Stadt mit verhafteten RednerInnen. Der Kampf dauerte vier Monate. Über 100 I.W.W.-MitgliederInnen saßen für zwei bis drei Monate im Gefängnis. Die Inhaftierten weigerten sich, Anwälte anzustellen, und wurden vor Gericht von anderen I.W.W.-MitgliederInnen verteidigt oder verteidigten sich selbst. Schließlich kam es zu einer immensen Solidaritätsbewegung unter den nicht in Fresno ansässigen oder tätigen I.W.W.-MitgliederInnen und es wurde der Plan geboren, „Kalifornien zu besetzen“. Gruppen von Free-Speech-KämpferInnen begannen mit einem „Marsch auf Fresno“, der von Spokane, Portland, Denver, St. Louis und anderen Orten aus gestartet wurde. Daraufhin beschlossen die Behörden in Fresno, dass sie genug hatten, und gaben auf. Die Versammlungsfreiheit wurde vollständig legalisiert und niemand hat sich der I.W.W. in Fresno seither je wieder entgegengestellt.

Im Winter 1911 kam es zu einem viermonatigen Streik von SchuharbeiterInnen in Brooklyn, New York. Dieser Streik wurde von beiden Seiten sehr hartnäckig geführt und resultierte in zum Teil verbesserten Arbeitsbedingungen.

Einige der Streiks 1912 (3)

Local Union Nr. 10, ElektrikerInnen, Fremont, Ohio. Ein Streik, 30 Arbeiter. Verloren, da er nicht ausgedehnt und die Fabrik nicht zum Erliegen gebracht werden konnte.

Local Unions 161 und 169, Textil- und SchuharbeiterInnen, Haverhill, Massachusetts. Zwei Streiks, 572 ArbeiterInnen. Sieben Wochen insgesamt. Beide Streiks erfolgreich. 60 ArbeiterInnen verhaftet, 15 von ihnen zu Gefängnisstrafen von einem bis vier Monaten verurteilt.

Local Union 194, TextilarbeiterInnen, Seattle, Washington. Zehn kleine Streiks, die von ein paar Stunden bis zu zwei Monaten dauerten. Alle Streiks erfolgreich bis auf einen. Fünfzehn Verhaftungen, eine Verurteilung, zwei MitgliederInnen im Gefängnis für neun Wochen unter Androhung von Deportation, dann entlassen. Anzahl der involvierten ArbeiterInnen nicht spezifiziert.

Local Union 326, EisenbahnarbeiterInnen, Prince Rupert, B.C. Zwei Streiks, beide erfolgreich, 2.350 ArbeiterInnen. Zwölf Verhaftete, alle zu Gefängnis zwischen sechs Monaten und drei Jahren verurteilt. Diese Branche half auch dabei, einen Streik unorganisierter ArbeiterInnen in Shenna Crossing zu gewinnen.

Local Union 327, EisenbahnarbeiterInnen, Lytton, B. C. Ein Streik, sieben Monate, 5.000 ArbeiterInnen. 300 Verhaftungen, 200 Verurteilungen mit Gefängnisstrafen von einem bis zu sechs Monaten. Der Streik wurde abgebrochen, da es nicht gelang, die Linie auf Dauer lahm zu legen. Die ArbeitgeberInnen waren jedoch gezwungen, die Löhne zu erhören und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Nationale industrielle Gewerkschaft der Wald- und HolzarbeiterInnen. Zwei Streiks von insgesamt sieben lokalen Gewerkschaften mit 7.000 ArbeiterInnen. Ein Streik dauerte zwei Monate, der andere drei Wochen. Keine genauen Aufzeichnungen der Nummer der Verhafteten, aber es waren einige Hundert. Drei Verurteilungen mit Gefängnisstrafen von einem bis zu drei Monaten. Die Streiks erzwangen partielle Lohnerhöhungen.

Das Ausdehnen der Organisation der HolzarbeiterInnen in den südlichen Holzarbeitsregionen bedeutete eine Auseinandersetzung mit der arbeitgebenden Klasse in einem Teil des Landes, wo diese eine unantastbare Macht ausübte, seit der amerikanische Kontinent von EuropäerInnen besiedelt wurde. Nach wie vor werden hier I.W.W.-AgitatorInnen von bewaffneten Schurken der industriellen Herren angegriffen und getötet. Der Wille der arbeitgebenden Klasse ist hier Gesetz. So wurde am 7. Juli 1912 eine Straßenversammlung in Grabow, Louisiana, von Guards der Galloway Lumber Company („Galloway Holzunternehmen“) angegriffen. Drei Männer wurden getötet und 40 verwundet. Die Verantwortung für die Auseinandersetzungen wurde der I.W.W. zugeschrieben und A. L. Emerson, der Präsident des regionalen Rates des Südens, sowie 64 weitere I.W.W.- MitgliederInnen wurden verhaftet. Emerson und neun weitere ArbeiterInnen wurden des Mordes angeklagt, doch schließlich freigesprochen – trotz der Bemühungen der Fabrikeigentümer und der Holzfirmen, sie ins Gefängnis oder auf den Galgen zu bringen.

Local Union 436, TextilarbeiterInnen, Lowell, Massachusetts. Zwei Streiks, von denen einer in einem Sieg endete und der andere verloren wurde. 18.000 ArbeiterInnen involviert. 26 Verhaftete, alle verurteilt und mit einer bis zu sechs Wochen Gefängnis bestraft.

Local Union 20, KlavierbauerInnen, Boston, Massachusetts. Ein Streik, 200 MitgliederInnen. Der Streik dauerte fünf Wochen und wurde verloren.

Local Union 20, TextilarbeiterInnen, Lawrence, Massachusetts. Fünf Streiks mit 29.000 ArbeiterInnen. 333 verhaftet, 320 zu $100 (oder weniger) und einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die meisten dieser Strafen wurden jedoch nach einem Einspruch beim Obersten Gerichtshof auf das Mindestmaß reduziert. (Für einen Bericht des großen Lawrence-Streiks und des Ettor-Giovannitti-Verfahrens, das ihm folgte, siehe Trial of a New Society von Justus Ebert.)

Local Union 157, TextilarbeiterInnen, New Bedford, Massachusetts. Aussperrung, 13.000 ArbeiterInnen. Anzahl der Verhafteten nicht bekannt.

Zusätzlich gab es weitere kleinere Streiks, aber die ArbeiterInnen, die in diesen involviert waren, haben das I.W.W.-Hauptbüro nicht mit Informationen versorgt, sodass wir keine Daten in Bezug auf sie angeben können.

Für die Unterstützung der Streikenden und andere in Zusammenhang mit den Streiks angefallene Unkosten wurden im Jahr 1912 $101.504.05 aufgebracht, die insgesamt 75.152 Streikenden und ihren Familien in einem Gesamtzeitraum von 74 Wochen zugute kamen. In diesem Zeitraum kam es zu 1.446 Verhaftungen und 577 Verurteilungen.

Die gegenwärtige I.W.W.

Im Januar 1917 besteht die I.W.W. aus sechs industriellen Gewerkschaften: SchifftransportsarbeiterInnen, Metall- und MaschinenarbeiterInnen, LandwirtschaftsarbeiterInnen, BergbauarbeiterInnen, HolzarbeiterInnen und EisenbahnarbeiterInnen. Es gibt über 200 Branchen und rund 100 weitere Gewerkschaften, die mit der I.W.W. verbunden sind.

Die Mitgliedschaft besteht heute großteils aus ungelernten ArbeiterInnen. Der Hauptteil der gegenwärtigen Mitgliedschaft kommt aus den folgenden Industrien: Textil, Stahl, Holz, Bergbau, Landwirtschaft, Eisenbahnbau und Schiffstransport. Die Mehrheit der ArbeiterInnen in diesen Industrien – mit Ausnahme der TextilarbeiterInnen – reisen von Ort zu Ort, um den jeweiligen Arbeitssaisonen zu folgen. Sie sind daher manchmal für Monate außerhalb der Reichweite des I.W.W.-Büros. Die Anzahl der regelmäßig zahlenden MitgliederInnen beläuft sich momentan auf etwa 60.000. Aufgrund der eben erwähnten Gründe ist es jedoch vielen MitgliederInnen nicht möglich, regelmäßig zu zahlen, und die Anzahl der registrierten MitgliederInnen (ArbeiterInnen mit einem I.W.W.-Ausweis) liegt bei ungefähr 300.000.

Die I.W.W. nimmt von der allgemeinen Praxis, Mitgliederzahlen zu übertreiben, Abstand. Es ist für die I.W.W. von besonderer Wichtigkeit, ihre Stärke, das heißt ihr Potential für mögliche Arbeiterkämpfe, richtig einzuschätzen. Falsche Angaben in Bezug auf die Mitgliedschaft könnten dabei fatale Folgen haben.

Die Organisation hatte in der Vergangenheit mit vielen inneren Widersprüchen zu kämpfen. Wir müssen auf solche auch in der Zukunft vorbereitet sein. Die arbeitgebende Klasse ist sich dessen bewusst, dass der effektivste Weg, die Macht der revolutionären Arbeiterorganisation zu schwächen, der ist, sie zu teilen. Allerdings werden die internen Streitigkeiten immer mehr verschwinden, je mehr Erfahrung die I.W.W. gewinnt und je mehr sie sich der wesentlichen Probleme, denen sie sich gegenübersieht, bewusst wird. Dann wird diese Waffe der ArbeitgeberInnen nutzlos und die I.W.W.-MitgliederInnen werden sich nicht mehr teilen lassen.

Die Zukunft gehört der I.W.W. Der Tag der gelernten ArbeiterInnen ist vorbei. Die maschinelle Produktion hat die ungelernten ArbeiterInnen zur entscheidenden Produktionskraft gemacht. Unter modernen industriellen Bedingungen können die ArbeiterInnen nicht länger in kleinen Gruppen arbeiten, um eine Erfolgschance zu haben. Sie müssen sich als eine Klasse organisieren und als eine Klasse handeln. Wir warten mit Freude auf eine Zeit, in der das organisierte Proletariat in Einigkeit auf der ganzen Welt zusammenkommen „und bestimmen wird, wie lange es arbeitet und wie viel des produzierten Reichtums es den Bossen überlässt“.

Anhang: Ein organisatorisches Manifest – Die Industrial Workers of the World

23 Personen, die neun Organisationen repräsentierten, trafen sich im Januar 1905 zu einer Konferenz in der Wostas-Halle in Chicago. Unter ihnen waren William Haywood von der Western Federation of Miners, „Mother“ Jones von den United Mine Workers, William Trautmann von den Brewery Workers, Gene Debs von der sozialistischen Partei und Frank Bohn von der Socialist Trade and Labor Alliance. Ebenfalls anwesend waren RepräsentantInnen von der American Labor Union, den United Metal Workers, der International Musical Union („Internationalen Musikergewerkschaft“), der Baker’s Union („Bäckergewerkschaft“), der Union of Railroad Switchmen („Gewerkschaft der WeichenstellerInnen“) der Brotherhood of Railway Employees, und der Amalgamated Society of Engineers. Ihre Botschaft an die Welt war die folgende: Soziale Beziehungen reflektieren industrielle Bedingungen. Die gegenwärtigen Industrieformen ersetzen menschliche Fähigkeiten durch Maschinen und steigern die kapitalistische Herrschaft durch die Konzentration der Mittel, mit denen Reichtum produziert und verteilt wird.

Unter diesen Bedingungen verschwinden Berufsunterscheidungen zwischen ArbeiterInnen genauso wie Wettbewerb unter KapitalistInnen. Die Klassen werden immer mehr getrennt und ihre Gegensätze immer mehr verstärkt. Die verschiedenen Berufe wurden aufgelöst zugunsten einer allgemeinen Unterwerfung der ArbeiterInnen unter die Maschinen, die sie bearbeiten. Neue Maschinen, die ständig weniger produktive ersetzen, löschen ganze Berufsgruppen aus und lassen das Heer der berufs- und hoffnungslosen Arbeitslosen immer größer werden. Die KapitalistInnen brauchen nur noch die Muskeln und die Ausdauer der ArbeiterInnen. In dem Moment, in dem diese nicht mehr fähig sind, maximale Profite zu schaffen, werden sie weggeworfen, um neben der ausgemisteten Maschine zu verhungern. Es gibt eine deadline bzw. ein Alterslimit für die Arbeitenden – sobald sie diese/s überschreiten, sind sie zum Tode verurteilt.

Alle ArbeiterInnen werden von ihrem Land bzw. ihren Werkzeugen getrennt (für die sie im Zeitalter der Maschinen keinen Nutzen mehr haben) und zu LohnarbeitssklavInnen degradiert. Ihre Widerstandsmacht wird gebrochen durch die Zerstörung ihrer Gewerbe, die Reminiszenzen an überholte industrielle Entwicklungsstufen sind. Ihre Löhne werden immer geringer, während ihre Arbeitsstunden immer länger und die Waren immer teurer werden. Dieser erbärmliche Zustand zwingt sie dazu, alle möglichen unverschämten Bedingungen zu akzeptieren, welche die Meister ihnen auferlegen. Sie werden strengeren Untersuchungen unterzogen als Vieh auf Auktionen. Anstatt Arbeit gemäß ihrer fachlichen Ausbildung zugewiesen zu bekommen, werden die ArbeiterInnen bestimmten Maschinen zugeteilt. Damit können die ArbeitgeberInnen die ArbeiterInnen nicht nur nach ihrem Belieben zur Erschöpfung treiben, sondern sie auch trennen, gegeneinander ausspielen und ihren Widerstand gegen die kapitalistische Tyrannei durch künstliche Aufgliederungen schwächen. (Aufgliederungen, die rein in der Willkür der ArbeitgeberInnen liegen und weder mit den Fähigkeiten noch den Interessen der ArbeiterInnen zu tun haben.)

Neben der Trennung der ArbeiterInnen passen sich die KapitalistInnen auch in anderen Formen an die neuen industriellen Produktionsbedingungen an. Sie verbinden sich und bilden eine gemeinsame Front in ihrem Krieg gegen die Arbeiterschaft. Durch Arbeitgeberassoziationen versuchen sie jeden Widerstand zu zerstören: durch gesetzliche Verfügungen ebenso wie durch nackte Gewalt. Wenn es taktisch genehm erscheint, verbergen sie ihre Waffen auch gerne hinter angeblich sozialen Einrichtungen wie der Civic Federation (4), um diejenigen, die von ihnen beherrscht und ausbeutet werden, hinters Licht zu führen. Der Erfolg der Methoden der arbeitgebenden Klasse hängt von der Arbeiterklasse selbst ab.

Die Taktiken der ArbeitgeberInnen können nur erfolgreich sein, wenn die ArbeiterInnen blind und zerstritten sind. Während die ArbeitgeberInnen ihre Kampfmethoden längst an die neuen industriellen Arbeitsbedingungen angepasst haben, organisiert sich ein Großteil der Arbeiterschaft immer noch entlang veralteter Gewerbe- und Berufsunterscheidungen. Wir müssen unsere Lehren aus den jüngsten Kämpfen ziehen. Sowohl die TextilarbeiterInnen in Lowell, Philadelphia und Fall River, als auch die FleischhauerInnen von Chicago wurden vor kurzem wesentlich geschwächt aufgrund des Festhaltens an Berufsunterscheidungen. In Santa Fe fanden die MaschinenarbeiterInnen nicht einmal Unterstützung von ArbeitskollegInnen, die unter einem anderen Meister arbeiteten. In Colorado litt der Kampf der BergbauarbeiterInnen enorm unter der fehlenden Einheit und Solidarität innerhalb der Arbeiterschaft. All diese Beispiele legen Zeugnis ab von der Hilflosigkeit gegenwärtiger Organisationsformen der Arbeiterbewegung.

Innerhalb des gegenwärtigen System gibt es keine Aussicht auf Verbesserung. Es gibt keine Möglichkeit, die Wolken der Dunkelheit und Verzweiflung, die über der Welt der Arbeit hängen, wegzuleugnen.

Das gegenwärtige System zwingt uns zu einem ständigen Kampf um einen Arbeitsplatz und damit zur Konkurrenz mit anderen ArbeiterInnen. Es bietet keinen Raum für industrielle Demokratie, die Überwindung der Lohnsklaverei oder die Übernahme des Produktionsapparates durch die ArbeiterInnen selbst.

Das gegenwärtige System zerbricht die Solidarität der ArbeiterInnen und verurteilt sie zu Hilflosigkeit und Ohnmacht auf dem industriellen Schlachtfeld. Berufsunterteilungen machen industrielle und finanzielle Solidarität unmöglich. GewerkschafterInnen hintergehen GewerkschafterInnen, ArbeiterInnen hassen ArbeiterInnen, und die Solidarität zerfällt in den Händen der KapitalistInnen.

Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen führt zu Versuchen, Handelsmonopole aufzubauen. Unerschwingliche Aufnahmegebühren werden etabliert, die ArbeiterInnen dazu zwingen, gegen ihren eigenen Willen StreikbrecherInnen zu werden. ArbeiterInnen, die ihre gewerkschaftliche Zugehörigkeit ändern wollen, werden oft genug dafür bestraft.

Berufsunterscheidungen stärken politische Ignoranz innerhalb der Arbeiterschaft und trennen sie an der Wahlurne, in der Werkstatt, Mine oder Fabrik.

Nach Berufen bzw. Gewerben organisierte Fachgewerkschaften wurden und werden dazu genutzt, ArbeitgeberInnen zu helfen, Monopole aufzubauen und Preise zu heben. Eine Gruppe von ArbeiterInnen kann damit dazu verwendet werden, die Lebensbedingungen einer anderen Gruppe von ArbeiterInnen zu verschlechtern.

Berufsunterscheidungen verhindern das Wachsen des Klassenbewusstseins der ArbeiterInnen und suggerieren eine Harmonie zwischen den Interessen der arbeitgebenden AusbeuterInnen und der ausgebeuteten SklavInnen. Sie erlauben, dass sich die BetrügerInnen der ArbeiterInnen mit den KapitalistInnen in den Civic Federations zusammenschließen können, wo Pläne geschmiedet werden, wie der Kapitalismus und die permanente Versklavung der ArbeiterInnen durch das Lohnsystem weiter garantiert werden können. Frühere Bemühungen um eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse erwiesen sich aufgrund unangemessener Organisationsformen und Trennungen als fruchtlos. Allgemeine, die Arbeiterklasse betreffende Übel können nur durch eine allgemeine Arbeiterbewegung beseitigt werden. Eine allgemeine Bewegung der Arbeiterklasse ist jedoch unmöglich, solange es separate Berufs- und Lohnabkommen gibt, die den ArbeitgeberInnen Vorteile verschaffen anstatt allen ArbeiterInnen. Die meisten in diesem Rahmen geführten „Gewerkschaftskämpfe“ dienen letztlich nur der Vergrößerung der persönlichen Macht der jeweiligen GewerkschaftsfunktionärInnen.

Nur eine große industrielle Gewerkschaft, die alle Industrien in sich einschließt, kann in wirkliche Opposition zum System und den ArbeitgeberInnen treten. Vor Ort wird dabei die Unabhängigkeit verschiedener Gruppen von ArbeiterInnen gesichert und in weiterem Rahmen die Unabhängigkeit eines jeden Industriezweigs. Am wichtigsten ist jedoch die internationale Einheit der Arbeiterklasse. Diese muss im Klassenkampf gefunden und unter dem Verständnis organisiert werden, dass es einen unweigerlichen Konflikt zwischen der Klasse der ArbeitgeberInnen und der ArbeitnehmerInnen gibt.

Die eine große industrielle Gewerkschaft muss als ökonomische Arbeiterorganisation gegründet werden und darf nicht in Verbindung mit irgendeiner politischen Partei stehen. Die Macht muss in den Händen der MitgliederInnen alleine liegen. Die lokalen, regionalen und internationalen Administrationsformen, inklusive der Gewerkschaftslogos, Abzeichen, Mitgliedsausweisen, Beitrittsgebühren und Steuern sollten
einheitlich sein.

Alle MitgliederInnen müssen in jenem lokalen, regionalen oder internationalen Gewerkschaftszweig MitgliederInnen sein, der die Industrie, in der sie angestellt sind, betrifft. Wechsel von MitgliederInnen zwischen Gewerkschaftenszweigen – lokal, regional oder international – sollten jedoch immer möglich sein.

ArbeiterInnen, die bereits Gewerkschaftsausweise von Branchen in anderen Ländern haben, sollten frei in neue Branchen aufgenommen werden.

Die Zeitung der Gewerkschaft muss die gesamte Gewerkschaft und ihre Prinzipien repräsentieren und alle MitgliederInnen jeder einzelnen Industrie in regelmäßigen Abständen erreichen.

Ein zentraler Verteidigungsfonds, zu dem alle MitgliederInnen gleichermaßen beitragen, muss etabliert und erhalten werden.

Alle ArbeiterInnen, die mit diesen Prinzipien übereinstimmen, werden sich am 27. Juni 1905 in Chicago zu einer Versammlung treffen, um eine ökonomische Organisation der Arbeiterklasse zu gründen, die den Zügen folgt, die in diesem Manifest skizziert wurden.

Die Stimmkraft der Delegierten in der Vollversammlung soll auf der Anzahl der ArbeiterInnen beruhen, die sie repräsentieren. Diese Repräsentation muss jedoch legitimiert sein. Die Delegierten müssen das Siegel ihrer Gewerkschaften und autorisierende Unterschriften ihrer FunktionärInnen vorweisen können, die sie dazu ermächtigen, die Aufnahme ihrer Gewerkschaft in die zu gründende allgemeine Arbeiterorganisation zu beschließen. Delegierte, die keine solche Autorisierung vorweisen können, können nur als Individuen abstimmen.

Angenommen in Chicago, den 2., 3. und 4. Januar 1905.

A.G. Swing – W. Shurtleff – John M. O’Neil – William D. Haywood – Ernest Untermann – Charles H. Moyer – William Ernest Trautmann – John Guild – Eugene V. Debs – Thomas J. DeYoung – W.J. Bradley – M.E. White – Frank Kraffs – Frank Bohn – A.M. Simons – Frank M. McCabe – George Estes – Mother Jones – W.L. Hall – Clarence Smith – Joseph Schmidt – Daniel McDonald – Thimas J. Hagerty – Fred D. Henion – Charles O. Sherman – William J. Pinkerton – J.E. Fitzgerald

Nachwort

Seit ihrer Gründung 1905 setzt sich die I.W.W. für eine reale, partizipatorische Demokratie ein, sowie für die Ersetzung des Verhältnisses von ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen durch die direkte Kontrolle der Industrie durch die Arbeiterschaft. Die I.W.W. hat Attacken der Regierung, der Presse und der Bosse überlebt, da die Ideale, für die sie steht, universal anerkannt sind. Obwohl sie manchmal beinahe zerstört wurde – sowohl durch interne Zwistigkeiten als auch äußere Angriffe – stieg die I.W.W. jedes Mal wieder auf, stärker und revolutionärer als zuvor.

Heute wächst die I.W.W. weiter. Es geht ihr immer noch darum, ArbeiterInnen zu helfen, sich in autonomen lokalen Zusammenhängen zu organisieren, die von einer großen Gewerkschaft gestützt werden, mit der Absicht, das Verhältnis zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen genauso zu eliminieren wie ökonomische Ausbeutung. Die heute Herrschenden beuten sowohl die natürlichen Ressourcen der Erde als auch die Produkte unserer Arbeit aus. Dem muss ein Ende gesetzt werden.

Die I.W.W. ist eine besondere Art von Arbeitergewerkschaft. An die Stärken und Fähigkeiten der ArbeiterInnen glaubend, wird die I.W.W. alleine von ihren MitgliederInnen kontrolliert. Indem wir wissen, was wirklich am Arbeitsplatz geschieht und welche Möglichkeiten wir als ArbeiterInnen haben, können wir die Taktiken entwickeln, unseren Kampf zu gewinnen.

Fußnoten:
(1) Auf Englisch Union Labor Fakers – ein Begriff, der für GewerkschafterInnen verwendet wurden, die nicht der Arbeiterklasse entstammten und ihre Gewerkschaftsarbeit primär als Karrieremöglichkeit verstanden. (Anm. d. Übers.)
(2) US-Arbeiterorganisation mit starkem Zulauf in den 1870er und 1880er Jahren. (Anm. d. Übers.)
(3) Alle folgenden Bezugnahmen auf Locals und nationale industrielle Gewerkschaften beruhen auf den Begriffen und der Struktur der I.W.W. vor der zehnten Vollversammlung 1916. In dieser Vollversammlung wurde beschlossen, diese Begriffe nicht weiter zu verwenden, da sie in einem gewissen Widerspruch zu stehen schienen zu den internationalistischen und allgemeinen Idealen der I.W.W. (W.D.H.)
(4) Reformistische Organisation zur Konfliktlösung zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen in den
USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. (Anm. d. Übers.)

Herausgegeben, mit Vor- und Nachwort, von Mark Damron.
Übersetzung: Gabriel Kuhn

Originaltext: www.wobblies.de/wp.../11/die-iww-ihre-geschichte-struktur-methode.pdf


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