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Voline
- Warum die Revolution
fehlschlug
Um
zu sehen, was aus der Russischen Revolution geworden ist, um zu verstehen,
welche Rolle der Bolschewismus wirklich in ihr spielte, um zu erkennen,
welche Ursachen - wieder einmal in der Geschichte der Menschheit - den großartigen
Sieg einer revolutionären Volksbewegung in einen bedauernswerten
Fehlschlag verkehrten, ist es zunächst einmal notwendig, zwei Wahrheiten
voll und ganz zu erfassen. Unglücklicherweise sind sie noch immer nicht
bekannt genug, und ein diesbezügliches Mißverständnis beraubt eine
interessierte Mehrheit des wahren Verständnisses der Dinge.
Hier
ist die erste Wahrheit:
Zwischen
der wahren Revolution einerseits - die nach Expansion drängt und sich
tatsächlich bis zu ihrem endgültigen Sieg unbegrenzt ausweiten könnte -
und Theorie und Praxis von Autoritarismus und Etatismus andererseits
besteht ein expliziter und unversöhnlicher Widerspruch.
Staatssozialistische Macht, falls sie siegt, und wahrer sozialrevolutionärer
Prozeß sind wesensmäßig auf Kampf gegeneinander eingestellt, auf
expliziten unversöhnlichen Gegensatz. Zum Wesen einer echten sozialen
Revolution gehört es, daß eine starke und freie schöpferische Bewegung
der von aller sklavischen Arbeit befreiten Massen entsteht und ihre
Anerkennung findet. Soziale Revolution bedeutet die Bejahung und
Ausweitung eines ungeheuren Aufbauprozesses, der sich auf befreite Arbeit,
natürliche Koordination und fundamentale Gleichheit gründet.
Im
Grunde ist die echte soziale Revolution der Beginn einer wahrhaft
menschlichen Entwicklung, d. h. eines freien schöpferischen Aufstiegs der
Massen der Menschheit, der auf weitreichender und freier Initiative von
Millionen von Menschen in den verschiedensten Tätigkeitsbereichen
basiert. Dies Wesen der Revolution erfassen die revolutionären
Volksmassen rein instinktiv. Mehr oder weniger präzise durchschaut und
formuliert wird es von den Anarchisten.
Was
„automatisch“ aus dieser Definition der sozialen Revolution folgt
(einer Definition, die nicht zu widerlegen ist), ist nicht die Idee einer
autoritären Führung der Massen (mag sie nun diktatorisch erfolgen oder
nicht) -, eine Idee, die völlig in die alte bürgerlich-kapitalistische
Ausbeuterwelt gehört -, sondern die einer Zusammenarbeit, die die
Entwicklung vorantreibt. Ferner folgt aus dieser Definition die
Notwendigkeit einer absolut freien Zirkulation aller revolutionären Ideen
und das Bedürfnis nach unverhüllter Wahrheit, freier und allgemeiner
Suche nach ihr, Experimentieren mit ihr sowie ihre praktische Anwendung
als wesentliche Bedingung einer fruchtbaren Aktion der Massen und des
vollständigen Sieges der Revolution.
Aber
die Basis von Staatssozialismus und delegierter Macht ist die explizite
Nicht-Anerkennung dieser Prinzipien der sozialen Revolution. Die
charakteristischen Züge sozialistischer Ideologie und Praxis (Autorität,
Macht, Staat, Diktatur) gehören nicht der Zukunft an, sondern sind voll
und ganz Teil einer bürgerlichen Vergangenheit. Die etatistische
Konzeption der Revolution, die Idee einer Grenze, einer „Beendigung“
des revolutionären Prozesses, die Tendenz, ihn einzudämmen, zu
„versteinern“, und besonders die nochmalige Konzentration aller künftigen
Entwicklung in den Händen des Staates und einiger neuer Herren, anstatt
den arbeitenden Massen alle Möglichkeiten einer angemessenen und
autonomen Bewegungs- und Handlungsfreiheit zu lassen - all das ruht auf
alten Traditionen wohlumrissener Routine, auf einem ausgedienten Modell,
das nichts gemeinsam hat mit der wahren Revolution.
Ist
dies Modell erst einmal angewandt, so hat man fatalerweise die wahren
Prinzipien der Revolution verraten. Dann erfolgt unvermeidlich die
Wiedergeburt, wenn auch unter anderem Namen, der Ausbeutung der
arbeitenden Massen mit all ihren Konsequenzen.
Deshalb
sind der Vormarsch der revolutionären Massen in Richtung auf wirkliche
Befreiung und die Schaffung neuer Formen des sozialen Lebens ohne jeden
Zweifel unvereinbar mit dem Prinzip staatlicher Macht. Und es ist klar, daß
das revolutionäre Prinzip wesensmäßig der Zukunft zugewandt ist, während
das andere völlig der Vergangenheit verbunden und damit reaktionär ist.
Die autoritäre sozialistische Revolution und die (wahre) soziale
Revolution verfolgen zwei verschiedene Ziele. Deshalb muß die eine siegen
und die andere untergehen. Entweder wird die wahre Revolution mit ihrer mächtigen,
freien und schöpferischen Flut endgültig mit den Wurzeln der
Vergangenheit brechen und auf den Ruinen des autoritären Prinzips
triumphieren, oder das autoritäre Prinzip erringt den Sieg, und dann
werden die Wurzeln der Vergangenheit die wahre Revolution „erwürgen“,
und sie kann nicht mehr erreicht werden.
Sozialistische
Macht und sozialistische Revolution sind einander widersprechende
Elemente. Es ist unmöglich, sie zu versöhnen oder gar sie miteinander zu
verbinden; der Triumph der einen bedeutet die Gefährdung der anderen, mit
all ihren jeweils logischen Konsequenzen. Eine Revolution, die vom
Staatssozialismus inspiriert ist und ihm ihr Schicksal anvertraut, ist
verloren, auch wenn sie es nur provisorisch und vorübergehend tun wollte.
Sie hat die falsche Richtung eingeschlagen an einem immer steiler
werdenden Hang, der direkt in den Abgrund führt.
Hier
ist die zweite Wahrheit:
-
oder besser gesagt ein logisches Ganzes von Wahrheiten -, die die erste
vervollständigt und spezifiziert:
1.
Jede politische Macht schafft unvermeidlich für die Männer, die sie ausüben,
eine privilegierte Stellung. So verletzt sie von Anbeginn an das
Gleichheitsprinzip und trifft die soziale Revolution ins Herz, die
weitgehend von diesem Prinzip inspiriert ist.
2.
Jede politische Macht wird unvermeidlich zur Quelle für andere
Privilegien, auch wenn sie nicht in den Händen der Bourgeoisie ruht.
Nachdem sie die Revolution übernommen, gemeistert und gezügelt hat, ist
die Macht gezwungen, einen bürokratischen Zwangsapparat zu schaffen, den
keine Autorität entbehren kann, die sich erhalten, befehlen, anordnen -
in einem Wort: die „regieren“ möchte. Alle möglichen Elemente, die
begierig sind zu herrschen und auszubeuten, fühlen sich von ihr angezogen
und scharen sich um sie.
So
bildet sie eine neue privilegierte Kaste heran, zuerst eine politische, später
eine ökonomische: Direktoren, Funktionäre, Soldaten, Polizisten usw. -
Individuen, die von ihr abhängig und deshalb bereit sind, sie zu unterstützten
und gegen alle übrigen zu verteidigen, ohne sich im geringsten um
„Prinzipien“ oder „Gerechtigkeit“ zu bekümmern. Sie pflanzt überall
den Keim der Ungleichheit und infiziert sehr bald den gesamten sozialen
Organismus, der immer passiver wird, bis er sich außerstande fühlt, der
Infektion zu wehren und dann selbst der Wiederkehr des bürgerlichen
Prinzips in neuem Gewande zuneigt.
3.
Jede Macht sucht mehr oder weniger die Zügel des sozialen Lebens in die
Hand zu nehmen. Sie prädisponiert die Massen zur Passivität, und jeder
Geist der Initiative wird erstickt durch die bloße Existenz der Macht und
durch den Grad, in dem sie ausgeübt wird.
Die
„kommunistische“ Macht, die im Prinzip alles in ihren Händen
konzentriert hat, ist, in diesem Zusammenhang, eine wahre Falle.
Aufgeplustert mit ihrer eigenen „Autorität“ und angefüllt mit
angeblicher „Verantwortung“, mit der sie sich im Grunde selbst
ausgestattet hat, fürchtet sie jede unabhängige Aktion. Jede autonome
Initiative erscheint in ihren Augen sofort als suspekt und bedrohlich;
deshalb sucht sie jede derartige Aktion abzuschwächen und zu vereiteln.
Denn sie möchte das Ruder in der Hand halten, und zwar alleine.
Initiative von irgendwo anders her erscheint ihr als Einbruch in ihr
Gebiet und ihre Prärogativen. Solch eine (unabhängige Bewegung) ist für
diese Macht unerträglich. Und sie wird mißachtet, abgelehnt und ausgelöscht
oder sorgfältig überwacht und kontrolliert mit einer Logik und Ausdauer,
die abscheulich und erbarmungslos sind.
Die
ungeheuren, neuen kreativen Kräfte, die latent in den Massen vorhanden
sind, bleiben so ungenützt. Dies gilt sowohl für das Gebiet des Handelns
als auch für das des Denkens. In bezug auf letzteres hat sich die
„kommunistische“ Macht überall durch eine absolute Intoleranz
ausgezeichnet, die nur noch der der Heiligen Inquisition vergleichbar ist.
Denn, auf einer anderen Ebene, hat diese Macht sich auch als einziger Träger
von Wahrheit und Sicherheit betrachtet und Widerspruch oder eine andere
Art des Denkens und Fühlens weder akzeptiert noch geduldet.
4.
Keine politische Macht ist in der Lage, die gigantischen Probleme der
konstruktiven Phase der Revolution zu lösen. Die „kommunistische“
Macht, die diese enorme Aufgabe übernahm und vorgab, sie zu lösen,
erwies sich in dieser Hinsicht als ganz besonders ungeeignet. Sie
beanspruchte in der Tat, die gesamte titanische und unendlich vielfältige
Aktivität von Millionen von menschlichen Wesen zu „dirigieren“. Um
dies erfolgreich auszuführen, hätte sie fähig sein müssen, in jedem
Augenblick die unermeßliche und bewegte Fülle des Lebens zu umfassen:
Sie hätte fähig sein müssen, alles zu wissen, zu überwachen, zu
ordnen, zu
organisieren und zu führen.
Es wäre dies die Bewältigung einer unberechenbaren Anzahl von Bedürfnissen,
Interessen, Aktivitäten, Situationen, Kombinationen und Transformationen
- und daher von Problemen aller Art gewesen, die sich in ständiger
Bewegung befinden!
Da
sie bald nicht mehr wußte, wohin sie sich treiben lassen sollte, endete
die Macht dabei, überhaupt nichts mehr zu umfassen, zu arrangieren oder
zu „dirigieren“. Und vor allem erwies sie sich als absolut machtlos,
das durcheinandergeratene wirtschaftliche Leben Rußlands wirksam zu
organisieren. Der Desintegrationsprozeß machte rasche Fortschritte. Völlig
aus den Angeln gehoben, quälte sich das Wirtschaftsleben in ungeordneten
Bahnen, zwischen den Überresten des gefallenen Regimes und der Ohnmacht
des neu proklamierten Systems, dahin.
Unter
diesen Umständen führte die Unfähigkeit der („kommunistischen“)
Macht (in Rußland) innerhalb kürzester Frist zu einem wirtschaftlichen
Zusammenbruch. Das bedeutete den Stillstand der industriellen Tätigkeit,
den Ruin der Agrikultur, die Unterbrechung aller Verbindungen zwischen den
verschiedenen Zweigen der (nationalen) Wirtschaft und die Zerstörung
jedes ökonomischen und sozialen Gleichgewichts.
Dies
führte gleich zu Beginn unvermeidlich zu einer Politik der Zwangsmaßnahmen
- besonders in bezug auf die Bauern. Sie wurden, trotz allem, gezwungen,
die Städte mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Aber dies Vorgehen erwies
sich als ineffektiv, weil die Bauern Zuflucht suchten in passivem
Widerstand, und Armut regierte das ganze Land. Arbeit, Produktion,
Transport und Tausch blieben ohne Organisation und verfielen in einen
chaotischen Zustand.
5.
Um das wirtschaftliche Leben eines Landes auf einem erträglichen Niveau
zu erhalten, stehen der staatlichen Macht in letzter Konsequenz nur die
Mittel des Zwangs, der Gewalt und des Terrors zu Gebote. Sie setzt sie auf
immer breiter werdender Basis
und immer
methodischer ein. Aber das Land muß sich weiterhin in schrecklicher, an
Hungersnot grenzender Armut abmühen. Die ins Auge springende Unfähigkeit
staatlicher Macht, ein gesundes wirtschaftliches Leben zu etablieren, die
handgreifliche Sterilität der Revolution, das physische und moralische
Leiden, das auf diese Weise für Millionen von Menschen geschaffen wird,
eine Gewalt, die täglich an Despotismus und Intensität zunimmt - das
sind die wesentlichen Faktoren, die die Bevölkerung bald ermüden und
abschrecken, sie zu Feinden der Revolution werden lassen und auf diese
Weise das Wiederaufleben antirevolutionären Geistes und seiner Bewegungen
begünstigen. Diese Situation regt die sehr große Zahl neutraler oder
gedankenloser Elemente, die bis jetzt zögerten oder der Revolution eher
positiv gegenüberstanden, an, feste Stellung gegen sie zu beziehen. Und
schließlich vernichtet sie auch den Glauben vieler ihrer Anhänger.
6.
Solch eine Lage der Dinge führt die Revolution nicht nur auf Abwegen,
sondern kompromittiert auch das Werk ihrer Verteidigung.
Anstatt
soziale Organisationen zu haben (Vereinigungen, Kooperative,
Assoziationen, Föderationen usw.), die aktiv, lebendig, auf gesunde Weise
koordiniert und fähig sind, ihre wirtschaftliche Entwicklung gegen die
Gefahr der Reaktion, die unter solchen Umständen gering ist, zu sichern,
sind, ein paar Monate nach Beginn der unheilvollen etatistischen Praxis,
wieder eine Handvoll von Karrierejägern und Abenteurern an der Macht, die
sich unfähig zeigen, die Revolution zu „rechtfertigen“ und in ihrer
Substanz zu festigen, haben sie sie doch selbst grausam verstümmelt und
sterilisiert. Nun sind sie gezwungen, sich (und ihre Anhänger) gegen eine
ständig zunehmende Zahl von Feinden zu verteidigen, deren Erscheinen und
wachsende Aktivität sie sich selbst und ihrem eigenen Versagen
zuzuschreiben haben. So wohnt man nicht einer natürlichen und leichten
Verteidigung der sozialen Revolution bei, die sich allmählich selbst
behauptet und
bestätigt, sondern
wird wieder einmal Zeuge des beunruhigenden Schauspiels einer versagenden
Macht, die mit allen und oft den grausamsten Mitteln ihr Leben verteidigt.
7.
Diese falsche Verteidigung ist natürlich von oben organisiert, mit Hilfe
alter und monströser politischer und militärischer Methoden, die
„erprobt“ sind; mit Hilfe absoluter Kontrolle der Regierung über das
Volk; Bildung einer regulären, blind gehorchenden Armee; Schaffung
professioneller polizeilicher Institutionen und fanatischer
Spezialkörperschaften; Unterdrückung von Freiheit der Meinungsäußerung,
der Presse, der Versammlung und besonders des Handelns; Einführung eines
repressiven Terror-Regimes usw.
Es
ist wieder einmal die Frage der Ausbildung von Individuen zur Barbarei, um
eine völlig unterwürfige Streitmacht zur Verfügung zu haben. Mit den
anormalen Bedingungen, unter denen die Ereignisse abrollen, gewinnen all
diese Vorgänge rasch einen Aspekt der Gewalttätigkeit und des
Despotismus. Der Verfall der Revolution hält damit Schritt.
8.
Es ist unvermeidlich, daß die bankrott gegangene „revolutionäre“
Macht sich nicht nur Feinden „zur Rechten“, sondern auch „zur
Linken“ gegenübersieht. Auf der Linken stellen sich ihr all jene
entgegen, die sich als Träger der wahren revolutionären Idee verstehen,
von der sie glauben, sie habe sich bloß den Fuß verrenkt. So wollen sie
für sie kämpfen, formieren sich zu ihrer Verteidigung und greifen die
Macht im Interesse der wahren Revolution an.
Aber,
nachdem sie einmal vom berauschenden Gift der Herrschaft, der Autorität
und ihrer Vorrechte gekostet hat, kann und will die Macht ihr Versagen
weder eingestehen, noch gar das Feld räumen. Sie ist nun einmal selbst
davon überzeugt und sucht auch die Welt zu der Meinung zu bekehren, daß
sie die einzig wahre revolutionäre Macht sei, die fähig ist, im Namen
des „Proletariats“ zu handeln. Glaubt sie sich doch der Revolution
„verpflichtet“
und für sie „verantwortlich“, indem sie durch eine unvermeidliche
Verirrung das Schicksal der Revolution mit ihrem eigenen verwechselt und
so anspruchsvolle Erklärungen und Rechtfertigungen für all ihre Taten
findet. Und je mehr sie sich im Unrecht und bedroht weiß, desto wütender
geht sie an ihre eigene Verteidigung. Sie möchte um jeden Preis, Herr der
Lage bleiben. Sie hofft sogar immer noch, die „Dinge wieder ins rechte
Lot zu bringen“.
Sehr
wohl wissend, daß es sich um eine Frage ihrer eigenen Existenz handelt, hört
die staatliche Macht auf, ihre Feinde differenziert zu sehen: Sie
unterscheidet nicht länger zwischen ihren eigenen Feinden und denen der
Revolution. Immer mehr von einem bloßen Selbsterhaltungstriebe dirigiert
und immer weniger in der Lage, sich zurückzuziehen, beginnt sie mit
lautstarkem Getöse und blindwütiger Unverfrorenheit nach allen
Richtungen um sich zu schlagen, nach links nicht weniger als nach rechts.
Sie schlägt jeden ohne Unterschied, der nicht für sie ist. Um ihr
eigenes Schicksal zitternd, zerstört sie die besten Kräfte der Zukunft.
Sie erstickt die revolutionären Bewegungen, die, unvermeidlich, erneut
entstanden waren. Sie unterdrückt die Revolutionäre und die einfachen
Arbeiter in Massen, die sich keines anderen Vergehens schuldig gemacht
haben als das Banner der sozialen Revolution erneut entfaltet zu haben.
Indem
sie so, fundamental ohnmächtig, handelt, stark nur durch Terror, ist sie
gezwungen, ihr Tun zu verheimlichen, zu täuschen, zu lügen und zu
verleumden, da sie es als gute Taktik betrachtet, nicht offen mit der
Revolution zu brechen und sich ihr Prestige wenigstens im Ausland zu
erhalten.
9.
Aber wenn man die Revolution erwürgt, kann man sich nicht auf sie stützen.
Auch ist es unmöglich, sich im luftleeren Raum ausgestreckt zu erhalten,
unterstützt nur von der unsicheren Macht der Bajonette und der Umstände.
Deshalb ist die staatliche Macht, nachdem sie die Revolution abwürgte,
gezwungen,
sich immer klarer und
fester durch die Hilfe und Unterstützung reaktionärer und bürgerlicher
Elemente rückzuversichern, die aus schlauer Berechnung geneigt sind, ihr
zu dienen und gemeinsame Sache mit ihr zu machen.
Die
staatliche Macht fühlt, wie sie den Boden unter den Füßen verliert,
seit sie sich immer weiter von den Massen entfernt und auch noch die
letzten Verbindungen zur Revolution abgebrochen hat. Eine ganze Kaste
privilegierter großer und kleiner Diktatoren, Diener, Schmeichler,
Karrieretypen und Parasiten hat sie geschaffen und blieb dennoch unfähig,
irgend etwas wirklich Revolutionäres und Positives zu erreichen. Nachdem
sie die neuen Kräfte abgelehnt und zerstört hatte, war die staatliche
Macht gezwungen, sich zu konsolidieren und sich den reaktionären Kräften
zu öffnen. Ihre Gesellschaft sucht sie immer häufiger und immer lieber.
Gemeinsam mit ihnen gewinnt sie an Boden, hat sie doch keine andere
Chance, am Leben zu bleiben. Nachdem sie die Freundschaft der Massen
verloren hat, sucht sie nach neuen Sympathien. Sie hofft, ihre neuen
Freunde eines Tages zu verraten. Aber inzwischen verstrickt sie sich täglich
stärker in antirevolutionäre und antisoziale Machenschaften. Die
Revolution greift sie immer energischer an. Und die Macht kämpft gegen
die Revolution mit wutschnaubender Heftigkeit, unterstützt durch Waffen,
die sie selbst geschmiedet, und Streitkräfte, die sie selbst aufgestellt
hat. Die Revolution wird in diesem ungleichen Kampf bald völlig besiegt
sein. Sie ist an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch Tod und
Desintegration geben kann. Die Agonie endet in einer todesähnlichen
Erstarrung. Der Schlitten ist am Fuße des Abhangs angelangt. Wir stehen
am Abgrund. Die Revolution hat ihre Blüte hinter sich. Die Reaktion
triumphiert - in scheußlicher Kriegsbemalung, arrogant, brutal,
bestialisch.
Jene,
die diese Wahrheiten und ihre unbestechliche Logik noch immer nicht
begriffen haben, haben überhaupt nichts verstanden von der Russischen
Revolution. Und deshalb sind all diese blinden Männer, die
„Leninisten“, die „Trotzkisten“, und wie sie alle heißen mögen,
unfähig, auf plausible Weise den Bankrott der Russischen Revolution und
des Bolschewismus zu erklären - einen Bankrott, den sie doch eingestehen
müssen. (Wir sprechen hier nicht von den westlichen „Kommunisten“,
sie ziehen es vor, blind zu bleiben).
Weil
sie die Russische Revolution nicht verstanden haben, weil sie nichts aus
ihr gelernt haben, sind sie bereit, dieselbe Folge böser Irrtümer zu
wiederholen: politische Partei, Eroberung der Macht, Regierung („der
Arbeiter und Bauern“!), Staat („die Sozialisten“), Diktatur („des
Proletariats“) - einfältige Plattitüden, verbrecherische Widersprüchlichkeiten,
entsetzlicher Unsinn! Es wird der nächsten Revolution zum Unglück
gereichen, wenn sie diese fäulnisbefallenen Körper wiederbelebt, wenn es
ihr erneut gelingt, die arbeitenden Massen in dies makabre Spiel zu
verstricken. Sie würde nur neuen Hitlern die Gelegenheit geben, sich aus
den Trümmern ihres Fehlschlags zu erheben. Und wieder einmal würde ihr
„Licht für die Welt erlöschen“. Lassen Sie mich die Elemente der
Situation noch einmal zusammenfassen:
Die
„revolutionäre“ Regierung („sozialistisch“ oder
„kommunistisch“) wurde eingesetzt. Natürlicherweise verlangt sie alle
Macht für sich. Sie befiehlt (Was hätte sie sonst auch für einen
Sinn?).
Es
ist nur eine Frage der Zeit bis zum Aufkommen der ersten
Meinungsverschiedenheit zwischen Regierenden und Regierten. Diese
Meinungsverschiedenheit wird umso unvermeidlicher auftauchen als eine
Regierung, wer immer sie stellt, unfähig ist, die Probleme einer großen
Revolution zu lösen; nichtsdestotrotz will jede Regierung in allem recht
haben, alles monopolisieren und sich diese Initiative, die Wahrheit und
die Verantwortung für das Handeln vorbehalten. Diese
Meinungsverschiedenheit wird immer zum Vorteil der Herrschenden geregelt,
die schnell lernen, ihre Autorität mit verschiedenen Mitteln
durchzusetzen. Und in der Folge fällt alle Initiative unvermeidlich den
Herrschenden zu, die nach und nach zu den Herren der Regierten werden.
Ist
das erreicht, kleben die „Herren“ an der Macht trotz ihrer Unfähigkeit,
Ungeeignetheit und Unzulänglichkeit. Sie halten sich natürlich für die
wahren Träger der Revolution. Lenin (oder Stalin) wie Hitler „hat immer
Recht...“, „Arbeiter, gehorcht euren Führern! Sie wissen, was sie
tun, und sie arbeiten für euch ...“, „Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!“, („damit wir euch besser herumkommandieren können“).
Aber dieser letzte Teil des Schlachtrufs wird von den „freundlichen Führern“
der „Arbeiterparteien“ nie laut geäußert.
So
werden die Regierenden Schritt für Schritt zu den absoluten Herren des
Landes. Sie schaffen eine privilegierte Klasse, auf die sie sich stützen.
Sie organisieren Streitkräfte, die in der Lage sind, sie zu schützen und
gegen jede Opposition, jeden Widerspruch und jede freie Initiative grimmig
zu verteidigen. Indem sie alles monopolisieren, reißen sie das gesamte tätige
Leben des Landes an sich. Und da sie keine andere Art des Handelns kennen,
unterdrücken, unterjochen, versklaven sie, und beuten sie aus. Sie machen
jeden Widerstand unmöglich. Im Namen der Revolution verfolgen und töten
sie jeden, der sich ihrem Willen nicht beugen will. Um sich selbst zu
rechtfertigen, lügen, betrügen, verleumden sie. Um die Wahrheit zu
ersticken, gehen sie brutal vor. Sie füllen die Gefängnisse und die
Exile; sie foltern, töten, richten hin, ermorden! Das ist genau das, was
unvermeidlich mit der Russischen Revolution geschah.
Nachdem
die bolschewistische Regierung als absoluter Herr sich an der Macht
etabliert, ihre Bürokratie, Armee und Polizei organisiert und das Geld
gefunden hatte, um einen neuen sog. „Arbeiter“-Staat zu gründen, nahm
sie das Schicksal der Revolution völlig in die eigene Hand.
Fortschreitend - in dem Maße,
wie sie ihre Macht
der demagogischen Propaganda, des Zwangs und der Repression ausweitete -
nationalisierte und monopolisierte die Regierung alles, Sprache und Denken
nicht ausgeschlossen.
Es
war der Staat - und daher die Regierung - die von der Scholle, von allem
Land Besitz ergriff. Er wurde zum wahren Grundherren. Die Bauern, als
Masse, wurden allmählich zu Staatsbauern und später, wie man sehen wird,
zu echten Leibeigenen. Es war die Regierung, die Fabriken und Bergwerke
expropriierte - kurz, alle Mittel der Produktion, der Kommunikation und
des Tausches. Und schließlich war es die Regierung, die zum alleinigen
Herrn der nationalen Presse und aller Möglichkeiten, Ideen zu verbreiten,
wurde. Alle Publikationen, alles gedruckte Material in der UdSSR - sogar
Visitenkarten bilden da keine Ausnahme - werden vom Staat produziert oder
zumindest - rigoros kontrolliert. Kurz, der Staat und damit die
(bolschewistische) Regierung wurde schließlich zum alleinigen Verwalter
aller Wahrheit (auf russischem Boden), der einzige Eigentümer aller
materiellen und geistigen Güter und der einzige Initiator, Organisator
und Animator des gesamten Lebens des Landes in all seinen Verzweigungen.
Die
einhundertfünfzig Millionen „Einwohner“ werden in fortschreitendem Maße
in einfache ausführende Organe regierungsmäßiger Anordnungen
verwandelt, in wahrhafte Sklaven der Regierung und ihrer unzähligen
Agenten. „Arbeiter gehorcht euren Führern!“
Alle
ökonomischen, sozialen und sonstigen Organisationen ohne Ausnahme,
angefangen von den Sowjets und hinunter bis zu den kleinsten Zellen,
werden zu einfachen administrativen Organen des Staatsunternehmens und
bilden, in der Tat, eine Art „ausbeutender Korporation für den
Staat“: Organe, die ihrem „zentralen administrativen Rat“ (der
Regierung) völlig untergeordnet sind und von Regierungsagenten
genauestens überwacht weren (von ordentlicher und geheimer Polizei) und
die auch noch des letzten Anscheins von Unabhängigkeit beraubt sind.
Die
authentische detaillierte Geschichte dieser Entwicklung, die vor zwölf
Jahren zu Ende ging - einer außergewöhnlichen Geschichte, die
einzigartig in der Welt dasteht - würde einen eigenen Band erforderlich
machen. Wir werden später auf
sie zurückkommen und
einige unentbehrliche Fakten anführen.
Aus:
Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik,
Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970
Nach:
Nineteen-Seventeen.
The Russian Revolution Betrayed. London
1954, pp. 100 ff. [Französische Ausgabe Paris 1947] Aus
dem Englischen von Ingeborg Brandies
Mit
freundlicher Erlaubnis des Abraham
Melzer Verlag´s
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