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Michael
Seligmann – Fürth in Bayern
Die
erste bayrische Räterepublik – ausgerufen am 7.April 1919
Fälschlicherweise
führte die Geschichtsschreibung sie als "anarchistische" oder
"Schein"räterepublik, reduzierte sie auf die bayerische
Hauptstadt München und einige dort lebende Anarchisten und
Schriftsteller: Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller. Aber sie
war genausogut anarchistisch, wie sozialistisch oder kommunistisch, sie
ist auch in Kempten, Würzburg, Burglengenfeld, Landshut und vielen
anderen Städten Bayerns ausgerufen worden. An ihr beteiligt haben sich
ebenso die Hausfrau Maria Niedermayer aus dem niederbayrischen Regen wie
der Lindauer Ingenieur Groll, der als lokaler SPD-Vorsitzender die Kunde
von der Räteherrschaft bis ins österreichische Bregenz trug und zu
diesem Zweck die Zöllner mit der Waffe überzeugte, ihn doch einreisen zu
lassen; an ihr beteiligten sich Sozialdemokratinnen, Kommunistinnen, der
gerade vier Monate alten KPD und Bauernräte. In Ingolstadt währte sie
nur einen halben Tag, in Altdorf bei Nürnberg einen Tag und in Passau
neun. Ihre entschiedensten Gegner neben den reaktionären Studenten, dem Bürger-
und Beamtentum kamen aus den Reihen der bayerischen SPD und der Münchner
Ortsgruppe der KPD.
Im SF soll deshalb
der 70 Jahrestag der Räterepublik nicht am Beispiel Münchens, sondern in
einem kleineren Ausriß, einem Mosaiksteinchen, über die Ereignisse in
der Industrie- und Arbeiterstadt Fürth in die Erinnerung zurückgeholt
werden.
Als
am 7.November 1918 eine nur wenige Köpfe zählende, aber entschlossene
Gruppe führender Mitglieder der bayerischen USPD um Kurt Eisner den Anstoß
zur Novemberrevolution gab und in Bayern am nächsten Morgen die Monarchie
abgeschafft und die Republik ausgerufen worden war, konnte noch niemand
ahnen, daß damit der Grundstein für eine bayerische Sonderentwicklung
innerhalb der deutschen Revolution von 1918/19 gelegt worden war, die fünf
Monate später zum ersten Versuch führte, die Räterepublik und damit die
Regierungsform der Rätedemokratie in einem ganzen Teilstaat des Reiches
zu proklamieren. (1) Die Entwicklung der ersten Monate
der Revolution in Bayern war gekennzeichnet durch die Regierung
Eisner/Auer, in der die USPD, anders als innerhalb der Reichsregierung,
zunächst den größeren Einfluß auf die Politik zu nehmen glaubte. Die
Aktion der Münchner USPD-Führung entsprach dem Willen der kriegsmüden
Menschen; eine zögerliche, dem revolutionären Bruch durch und durch
abgeneigte Führung der bayerischen Sozialdemokraten konnte sich dem nur
noch fügen. Trotz dieser schwächeren Ausgangsposition gelang es den
Ministern der MSPD, insbesondere Erhard Auer als Innenminister, Albert Roßhaupter
als Militärminister und Johannes Timm als Justizminister die ungewollte Räterevolution
zurückzuschrauben. Schon nach wenigen Wochen, Ende 1918 wurden die
Befugnisse der zahllosen, in den allermeisten Orten des
Landes gebildeten
Arbeiter-, Soldaten - und als bayerische Besonderheit - Bauernräte
weitgehend eingeschränkt; ihnen sollte nurmehr beratender Charakter in
lokalen Angelegenheiten zukommen. Die Entscheidungskompetenzen lagen
wieder in den Händen der noch zu Zeiten der Monarchie unter den
diskriminierenden Beschränkungen des Drei-Klassenwahlrechts gewählten
Selbstverwaltungsorgane der Kommunen. Die nach wie vor arbeitende
monarchistische Beamtenschaft beherrschte die Exekutive.
Die
Landtagswahlen am 12Januar 1919, gegen den Widerstand eines Teils der Räte
durchgeführt, brachten den bürgerlichen Parteien landesweit die
parlamentarische Mehrheit, der USPD des Ministerpräsidenten Eisner aber
eine bestürzende Niederlage. Im Landesdurchschnitt erhielt die SPD 33%,
die USPD nur 2,5%, der sozialdemokratisch orientierte Bayerische
Bauernbund 9,1% und die bürgerlichen Parteien knapp 55% der abgegebenen
Stimmen bei einer hohen Wahlbeteiligung der Bevölkerung.
Die
Wahlen zeigten aber auch einen großen Unterschied zwischen Stadt und
Land. In den Stadtgebieten Bayerns erhielten die beiden sozialistischen
Parteien SPD und USPD zusammen 48,6% der abgegebenen Stimmen, in den ländlichen
Regionen dagegen nur knapp 28%. Das Wahlergebnis erschütterte die
Hoffnungen vieler Anhänger der sozialistischen Parteien auf Bildung einer
sozialistischen Regierung durch eine parlamentarische Mehrheit. Während
auf Seiten der bürgerlichen Parteien und der Führung der SPD die
Vorbereitungen auf die Konstituierung eines bayerischen Landtags den gewünschten
Verlauf nahmen, blieb der bayerischen USPD nur die verstärkte Hinwendung
zu den Räten und damit zur außerparlamentarischen Arbeit.
Abseits
dieser Wahlvorgänge radikalisierte sich seit dem Dezember 1918 zunehmend
ein Teil der bayerischen Räte. Die Gründe dafür lagen in der unverändert
desolaten sozialen und wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung; der harte
Winter, die Demobilisierung der Soldaten und die mit der Einstellung der Rüstungsproduktion
einhergehenden Massenentlassungen verschärften sie noch. Hoffnungen auf
einen radikalen Bruch mit dem monarchistischen Herrschaftssystem lösten
sich angesichts der Anstrengungen der sozialdemokratischen Minister die
Kontinuität zu wahren immer mehr in Wohlgefallen auf. Alarmierende
Anzeichen für ein Wiederaufleben der durch die Wucht der Revolution zunächst
verstummten bürgerlich-reaktionären Kreise um die alte Militär- und
Beamtenkaste waren die Affaire um die Gründung einer Bürgerwehr mit
Unterstützung Auers und Timms im Dezember 1918 sowie die zunehmende Hetze
in den Zeitungen gegen den "galizischen Juden" Eisner, der das
Vaterland verrate.
Als
Eisner dann auf dem Weg zur ersten Sitzung des Landtags am 21. Februar
1919 vom Grafen Arco-Valley ermordet wurde,
brach ein
Proteststurm los, der sich von München aus über das ganze Land
ausbreitete. Mit dem Protest gegen die schändliche Tat verband sich an
vielen Orten des Landes der Protest gegen die skizzierte allgemeine
Entwicklung der Revolution. Die sich an das Attentat anschließende Flucht
des bayerischen Landtags und die Übernahme der politischen Macht durch
den Zentralrat in München führte in vielen Orten Bayerns zu einer Stärkung
des Selbstvertrauens der lokalen Räteorgane. Dieses gestiegene
Selbstvertrauen der bayerischen Räte fand seinen Ausdruck dann im Verlauf
des ersten Kongresses der bayerischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte
in München, der vom 25. Februar bis zum 8. März 1919 tagte. Trotz großer
Unterschiede zwischen der eher pro-parlamentarischen und der eher rätedemokratischen
Fraktion der bayerischen Räte und trotz der eindeutigen Ablehnung der
Ausrufung der Räterepublik durch eine Zweidrittelmehrheit, zeigten die
mit überwältigender Mehrheit angenommenen Kompromisse, daß die
bayerischen Räte selbstverständlich an der zukünftigen Gestaltung des
politischen Lebens des Landes entscheidenden Anteil zu nehmen gedachten.
Schienen
am 20. Februar die Tage der bayerischen Räte ebenso gezählt wie die er Räte
im übrigen Reichsgebiet, so veränderte die nach der Ermordnung Eisners
einsetzende "zweite Revolution" die Szenerie entscheidend.
In den sechs Wochen
zwischen der "zweiten Revolution" und der Ausrufung der Räterepublik
am 7. April 1919 beschleunigte sich diese Entwicklung. Die Führungen der
bürgerlichen Parteien und der SPD einigten sich auf die Bildung einer
rein sozialistischen Minderheitsregierung unter Ministerpräsident
Johannes Hoffmann (SPD). Angesichts der gespannten Lage, der zahlreichen
Demonstrationen und bewaffneten Aktionen anläßlich der Ermordung
Eisners, blieb der bürgerlichen Mehrheit zunächst nichts weiter übrig.
Als diese Regierung, die von Anfang an auf schwachen Füßen stand, in den
ersten Wochen ihrer Tätigkeit keine einschneidenden Reformen des
bayerischen Staatsapparates und des Gesellschaftssystems erreichte, der
andauernd harte Winter zu einer weiteren Verschlechterung der
Lebensmittelversorgung und Belieferung mit Heizmaterial sorgte, in Ungarn
am 20. März 1919 die Räterepublik und die Vereinigung der
sozialistischen Parteien erklärt wurde, im Ruhrgebiet und in Württemberg
Generalstreiks ausbrachen, fehlte nur noch ein Tropfen, das bayerische Faß
zum Überlaufen zu bringen.
In
der Einberufung des Landtags zum 8. April witterte ein großer Teil der
bayerischen Räte den Versuch der bürgerlichen Parteien, die
Regierungspolitik nunmehr endgültig durch ihre parlamentarische Mehrheit
bestimmen zu wollen, den noch verbliebenen Errungenschaften der
Revolution, so fiktiv sie oft in der Realität geblieben waren, den Garaus
zu machen. Zeitgleich
zeigte ein in
Augsburg ausbrechender Generalstreik, wohin es gehen sollte. Ausrufung der
Räterepublik! Am 7. April 1919 war es dann soweit: nachdem die
Landtagssitzung durch den Zentralrat verboten, die Münchner Garnison dem
Landtag ihren Schutz entzogen und aus allen Teilen des Landes der Ruf nach
einer Räteherrschaft zugenommen hatte, wurde dieser Montag zum
Nationalfeiertag aus Anlaß der Ausrufung der Räterepublik in Bayern erklärt.
Fürth
Auch
in Fürth schloß man sich der Ausrufung an. Wie der Verlauf der lokalen
Ereignisse insbesondere in den letzten Tagen vor der Ausrufung zu diesem
Entschluß führte, wer den Anschluß der Stadt an die Räteherrschaft
mittrug und wie sich die Herrschaftsform in den wenigen Tagen ihrer
Existenz in Fürth gestaltete, soll exemplarisch vorgestellt werden:
Der
Fürther Vollzugsausschuß des Arbeiter- und Soldatenrats (ASR) setzte
sich bereits im November 1918 paritätisch zusammen: Gleichberechtigte
Vorsitzende waren der Uhrmacher Julius Haller von der USPD und der Möbelschreiner
Friedrich Kuntermann von der SPD. Der achtköpfige Soldatenrat wurde angeführt
vom Unabhängigen Oberstleutnant Mayer, der zugleich gewählter
Garnisonskommandant der Fürther Volkswehr war. Mit ihm als militärischem
Führer der Anfang April 1919 rund tausend Mann starken Volkswehr und
Arbeiterrat Wenzel Dirscherl (USDP) als zivilem Leiter der Truppe, verfügten
die Unabhängigen über die wichtigsten militärischen Posten in Fürth.
In
der fünfgrößten Stadt Bayerns besaßen die beiden sozialistischen
Parteien nach den Landtagswahlergebnissen über eine stabile Mehrheit: Die
SPD erhielt 57,4%, die USPD noch einmal 6,6% der abgegebenen Stimmen; zum
Vergleich, in der großen Nachbarstadt Nürnberg waren es zusammen rund 7
Prozent weniger.
Die
Probleme des ganzen Landes zeigten sich in den Wintermonaten 1918/19 auch
in Fürth. Im Dezember 1918 waren 4000 Arbeitslose offiziell registriert
worden, Mitte Februar 1919 bereits 7000 und Anfang April
waren es immer noch
knapp 5400 Menschen, die sich arbeitslos gemeldet hatten. Bei einer
Gesamteinwohnerzahl von etwa 70 000 im Jahre 1919 eine erhebliche
Belastung des sozialen Klimas, zumal die Arbeitslosenunterstützung eher
einem Almosen glich, denn einem wirklichen Lebensunterhalt: Bei einem
Tageshöchstsatz an Arbeitslosenunterstützung der in etwa einem
durchschnittlichen Stundenlohn für einen über 21jährigen Arbeiter
entsprach, konnte sich die Familie eines Arbeitslosen pro Tag wahlweise
entweder ein gutes Pfund Butter oder anderthalb Pfund Schweinefleisch oder
3 Kilogramm Weizenmehl oder 3 Pfund Käse kaufen; ein Paar Herrenstiefel hätten
die Unterstützung
von sechs Wochen verschlungen.
So
verwundert es nicht weiter als Anfang März etwa 2000 Menschen
demonstrierend vor das Rathaus zogen; zumeist Frauen und Männer aus
Familien, die von der Arbeitslosigkeit betroffen waren. Vom Bürgermeister
forderten sie eine sofortige Aufbesserung der ihnen zugestandenen
Lebensmittelrationen. Vor dem Sitz der Volkswehr im Parkhotel verlangten
sie darüberhinaus stürmisch die sofortige Haussuchung bei einer langen
Liste von reichen Bürgern der Stadt und die Beschlagnahme der dort
aufzufindenden Lebensmittelvorräte und deren Verteilung an die Armen.
Unter dem Druck der protestierenden Menschen mußte die Volkswehr-Führung
nachgeben.
Erst
Stunden nach der Demonstration brachen die ersten
Durchsuchungskommissionen der Schutzmannschaft in Begleitung einiger
Arbeitsloser zu den ersten Haussuchungen in Bürgerhäusern auf. Die
rechtzeitig gewarnten Hausbesitzer erwarteten sie bereits, froh über die
offizielle Haussuchung; vor ihren Häusern hatten sich viele der Menschen
aus der Demonstration versammelt und drohten die Häuser selbständig zu
durchsuchen, d.h. zu plündern, falls die zugesagten Durchsuchungen nicht
stattgefunden hätten.
Am
Samstag, den 5. April 1919, erreichte den Vollzugsausschuß des ASR ein
Telegramm aus München, das vielversprechend verkündete:
An
alle Arbeiterräte, an alle Bauernräte, an alle Soldatenräte, an alle
öffentlichen Gebäude anschlagen. Bedeutsame politische Entscheidungen
stehen bevor. Leitsätze für das Verhalten der Räte und der
Beamtenschaft sollen sein:
1)
Staats- und Gemeindebeamte tun weiterhin ihre Pflicht.
2)
Die A.u.S. Räte treten sofort in Fühlung mit der Beamtenschaft.
3)
Die A.B.S. Räte übernehmen den Schutz der Beamtenschaft, die bereit sind
ihre Pflicht zu tun.
4)
Regierungsgewalt können nur Beamte ausüben, die vorbehaltlos sich auf
den Boden der neuen Verhältnisse stellen. Beamte! Die sozialistischen
Parteien haben sich geeinigt; laßt Euch nicht von reaktionären
politischen Rufern verführen und stellt Euch geschlossen hinter die freie
Beamtengewerkschaft. A.B.u. S.Räte tretet für die im sozialistischen
Staat berufstreuen Mit-Arbeiter der Beamtenschaft ein. Die Bayerische
Beamtengewerkschaft, gez. Wilf, Schmid, Nieß. Revolutionärer Zentralrat
Bayern, gez. Doldmann.
Zusammen
mit dem Telegramm erhielt der Rat die Nachricht, am Sonntagmorgen käme
ein Vertreter des Zentralrates aus München, um die Räte vor Ort zu
informieren. Die Fürther USPD mobilisierte daraufhin für den nächsten
Morgen zu einer großen Versammlung im Evorasaal.
Das
zentrale Referat hielt der Unabhängige Peter Koch über das
programmatische
Thema
"Deutschland und die russische Republik": "Die
Stunde der Abrechnung ist gekommen, das Spiel in Weimar verloren und die
Geduld der Arbeiterschaft zu Ende. Die monarchische Regierung hat den
Arbeitern gegenüber nicht gehaust, wie Noske, Ebert und Scheidemann die
streikenden Arbeiter niederkartätschen lassen ... Die wirtschaftliche
Macht in die Hände zu bekommen, ist das Ziel und dazu gehört das Räte-System."
Wie
im vergangenen November, so müsse auch dieses Mal Bayern vorangehen; nur
richte sich die Revolution nun gegen die Bürgerschaft. Daher werde sich
die Fürther USPD für die Bildung einer sozialistischen
Arbeitsgemeinschaft aller drei sozialistischen Parteien der Stadt -
gemeint waren SPD, USPD und KPD - einsetzen, die notfalls auch über die Köpfe
der sozialdemokratischen Funktionäre hinweg gebildet werden müsse. Für
seine starken Worte erhielt er den ungeteilten Beifall der Versammlung, zu
der sich neben den Anhängerinnen der USPD auch Parteigängerinnen von SPD
und KPD versammelt hatten.
Nach
ihm ergriff der vom Zentralrat gesandte Unabhängige Carl Kröpelin das
Wort, der am Morgen aus Bayreuth kommend in Fürth eingetroffen war:
"Die Proklamierung
der Räterepublik ist auf Montagmittag um 12 Uhr festgesetzt. (...)
Schneppenhorst (Militärminister der Regierung Hoffmann) hat durch
Handschlag versprochen, daß er dafür eintreten werde, daß spätestens
bis Montagmittag die Räterepublik auch von den Mehrheitssozialisten
ausgerufen wird. (...) Die Vollsozialisierung muß diktatorisch durchgeführt
werden. (...) Die Diktatur des Proletariats soll nicht für immer
bestehen; sobald sich auch die Gegner überzeugt haben, daß der
Sozialismus ist, dann werden wir wieder demokratisch miteinander leben,
nicht bloß wirtschaftlich, sondern auch politisch."
Am
Ende seiner Rede berichtet er von österreichischen Genossen, die in München
die bevorstehende Ausrufung der Räterepublik auch in ihrem Land angekündigt
hätten, um überzeugt und voller Optimismus abzuschließen:
"Es
wird sicherlich auch noch zur Weltrevolution in England, Italien,
Frankreich, Schweiz usw. kommen."
In
der sich anschließenden Diskussion sicherten Vertreter der KPD,
Mitglieder der Fürther SPD und zwei Sprecher der städtischen Beamten-
und Arbeiterschaft ihre einhellige Unterstützung der Räterepublik zu. So
wurde am Ende der Versammlung, nach rund zweieinhalb Stunden und unter
allgemeinen Beifall und Jubel eine 15-köpfige Kommission aus den
Versammelten heraus gewählt, je fünf Mitglieder der drei sozialistischen
Parteien, die die Vereinigung der Sektionen zu einer einzigen
sozialistischen Arbeitsgemeinschaft vorbereiten sollten.
Am
Nachmittag des sechsten April versammelte sich der ASR zu einer
Sondersitzung. Von den 200 Mitgliedern des Rates waren zwar fast alle
Unabhängigen anwesend, ein Teil der Mehrheitssozialisten jedoch fehlte,
weil er nicht mehr rechtzeitig unterrichtet werden konnte. So setzte die
USPD-Mehrheit gegen den Protest der MSPD die Anwesenheit von Vertretern
der Nürnberger KPD durch, deren Forderungskatalog sie unterstützten; -
u.a. die sofortige Bewaffnung der Arbeiterschaft.
Arbeiterrat
Heinlein berichtete den Räten von der ablehnenden Haltung der Nürnberger
Vertrauensmännerversammlung der Nürnberger SPD, die am Samstag bereits
beschlossen hatte, eine Räterepublik zwar abzulehnen, sich einer
erfolgten Ausrufung gegenüber jedoch neutral zu verhalten. Der
ASR-Vorsitzende Haller drängte auf die sofortige Verabschiedung eines
Begrüßungstelegramms durch die Fürther Räteversammlung und unterbrach
dafür auch die laufende Diskussion. Gegen die Stimmen der SPD beschloß
die unabhängige Mehrheit ein solches Telegramm, das dann sofort nach München
zum Zentralrat geschickt worden ist. Im Namen der Fürther Arbeiterschaft
begrüße der ASR Fürth die bevorstehende Ausrufung, hieß es darin.
Erst
danach meldeten sich Vertreter von Bahn, Post und Schutzpolizei zu Wort
und sicherten ihre ununterbrochene Weiterarbeit zu; für die politische Führung
der Stadtverwaltung hatte Bürgermeister Kaufmann sich bereits am Samstag
"auf den Boden der Tatsachen" gestellt, wie die hübsche
Formulierung regelmäßig lautete, ganz so wie er es bereits im November
1918 getan hatte. Als schließlich noch Garnisonskommandant Mayer die
unbedingte Loyalität der Volkswehr bestätigt und damit die Unterordnung
unter die Befehlsgewalt des Nürnberger Generalkommandos ablehnte, war die
Ausrufung der Räterepublik in Fürth gesichert. In der benachbarten Großstadt
Nürnberg war die Situation entgegengesetzt: Sowohl SPD-Führung wie ASR
und die Führung des Nürnberger Militärs hatten sich entschieden gegen
die Ausrufung ausgesprochen.
Der
Nationalfeiertag
In
der Nacht zum Montag, den 7. April kamen die unabhängigen Mitglieder des
Vollzugsausschusses der Fürther Räte und die Führung der Volkswehr kaum
zum Schlafen. Bereits um vier Uhr morgens traf das erste Telegramm aus München
ein, daß die Ausrufung der Räterepublik durch den Zentralrat verkündete.
Die vom Postamt unterrichtete Wache im Parkhotel telefonierte den
Garnisonskommandanten und die Räte herbei. Nachdem Mayer die Echtheit des
Telegramms bei der Post selbst nocheinmal überprüft hatte, traf bereits
ein weiteres Telegramm aus München ein, das genauere Anweisungen
enthielt, wie sich die lokalen Räte verhalten sollten: "Die
Ausrufung der Räterepublik erfolgt am 7.April mittags 12 Uhr. Sie ist
rechtzeitig durch Plakate der Öffentlichkeit bekanntzugeben. Ferner läuten
von mittags 12 bis 1/2 1 Uhr sämtliche Glocken.
Außerdem sind alle
Fabriken und öffentliche Gebäude rot zu beflaggen."
Während
sich am frühen Morgen immer mehr Arbeiterräte im Parkhotel versammelten,
wurden die ersten Maßnahmen bereits umgesetzt. Plakate mit dem Text der
Proklamation wurden gedruckt, telefonisch benachrichtigte man die
Unternehmer und Ladenbesitzer davon, daß nicht gearbeitet würde. Für
neun Uhr rief man die Volkswehr ins Parkhotel, die Sicherheitswehr in der
Kaserne an der Moststraße zusammen, um drei Mann starke Patrouillen zu
bilden, die stündlich durch die Straßen patrouillieren sollten. Für
zehn Uhr organisierte man eine große Versammlung auf dem Schießanger, in
einem ersten Erlaß des Vollzugsausschusses begrenzte man die
Barabhebungen von Privatkonten auf 1000 Mark wöchentlich, Abhebungen von
Depots in den Banken und die Ausgabe von Wertpapieren bedürften der
Genehmigung der Vollzugsräte. Ansonsten wolle man, so betonten die Räte
in dieser Anweisung, den Geldverkehr für bereits eingegangene
Verpflichtungen keineswegs behindern, ebensowenig die Ausgabe der
Lohngelder. Die Maßnahme solle lediglich vor ungerechtfertigten
Angstabhebungen schützen und stellte keine Beschlagnahme dar. Eine Maßnähme
übrigens, die in anderen Städten auch die Zustimmung von Bankdirektoren
fand.
Während
sich das Militär in den Kasernen versammelte, begab sich eine Abordnung
des Arbeiter- und Soldatenrats zu Oberbürgermeister Wied. Ihm erklärten
die Räte, daß nunmehr sie die öffentliche Gewalt übernommen hätten,
die städtischen Kollegien, also Magistrat und Gemeindebevollmächtigtenkollegium
daher nicht mehr tagen dürften. Daraufhin erklärte er seinen Rücktritt,
während Polizeiobersekretär Kern als Vertreter der Beamtenschaft noch
einmal versicherte, die Beamten würden sich mit der neuerlichen Umwälzung
abfinden und ruhig weiterarbeiten.
Unterdessen
waren in der ganzen Stadt schon die Plakate aufgehängt worden, die neben
der Ankündigung die Räterepublik proklamierten:
"An
das Volk in Bayern! Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik.
Das werktätige Volk ist Herr seines Geschickes. Die revolutionäre
Arbeiterschaft und Bauernschaft Baierns, darunter auch unsere Brüder, die
Soldaten sind, durch keine Parteigegensätze mehr getrennt, sind sich
einig, daß von nun an jegliche Ausbeutung und Unterdrückung ein Ende
haben muß. Die Diktatur des Proletariats, die nun zur Tatsache geworden
ist, bezweckt die Verwirklichung eines wahrhaft sozialistischen
Gemeinwesens, in dem jeder arbeitende Mensch sich am öffentlichen Leben
beteiligen soll, einer gerechten sozialistisch-kommunistischen Wirtschaft.
Der Landtag, das unfruchtbare Gebilde des überwundenen bürgerlichkapitalistischen
Zeitalters, ist aufgelöst, das von ihm eingesetzte Ministerium zurückgetreten.
Von den Räten des arbeitenden Volkes bestellte, dem Volk verantwortliche
Vertrauensmänner erhalten als Volksbeauftragte für bestimmte
Arbeitsgebiete außerordentliche Vollmachten. (...)
Das
System der Bureaukratie aber wird unverzüglich ausgetilgt. Die Press wird
sozialisiert. Zum Schutz der baierischen Räterepublik gegen reaktionäre
Versuche von außen und von innen wird sofort eine Rote Armee gebildet.
(...) Die baierische Räterepublik folgt dem Beispiel der russischen und
ungarischen Völker. Sie nimmt sofort die brüderliche Verbindung mit
diesen Völkern auf. Dagegen lehnt sie jedes Zusammenarbeiten mit der verächtlichen
Regierung Ebert-Scheidemann-Noske-Erzberger ab, weil diese unter der
Flagge einer sozialistischen Republik das
imperialistischkapitalistisch-militaristische Geschäft des in Schmach
zusammengebrochenen deutschen Kaiserreichs fortsetzt. (...) Es lebe das
freie Baiern! Es lebe die Räterepublik! Es lebe die Weltrevolution!"
Um
zehn Uhr versammelten sich mehrere tausend Menschen auf dem Schießanger,
unter ihnen die vom Nationalfeiertag überraschten Arbeiter und
Arbeiterinnen, die Soldaten der Garnison, Schüler und Schülerinnen,
deren Unterricht ausfiel und Beamte, die ihre Büros verschlossen
vorfanden; neben den geklebten Plakaten des Vollzugsausschusses tat die
Mund-zu-Mund-Propaganda ein übriges. Von vier Seiten der Versammlung aus
sprachen die USPD-Räte Haller, Koch, Dirscherl und Gleixner zu den
Menschen. Sie hielten nur kurze Reden über die Notwendigkeit der Räterepublik
und endeten mit der immer wieder betonten Hoffnung, diese neuerliche
Revolution werde sich auf ganz Deutschland ausbreiten. Am Schluß
formierten sich zwei Demonstrationszüge durch die Stadt, an deren Spitze
jeweils eine der beiden Militärmusikkapellen voranmarschierten und
traditionelle Arbeiterbewegungslieder intonierten. An den Seiten der
Demonstrationen sicherten berittene Soldaten die Menge vor möglichen Übergriffen
aus der Bürgerschaft. Am Schluß lösten sich die beiden Züge friedlich
auf, die Menschen gingen auseinander, spazierten durch die Straßen der
Stadt, um bei dem schönen Wetter den freien Tag zu genießen, die neue
Lage zu besprechen und neugierig die Anschläge auf den Plakatsäulen zu
lesen. Dort war bereits die Ankündigung des Vollzugsausschusses zu lesen,
daß für den zurückgetretenen Oberbürgermeister und den ebenfalls zurückgetretenen
Bürgermeister Kaufmann am Dienstag zwei Stadtkommissare durch den
Vollzugsrat ernannt werden würden.
Um
elf Uhr fand bereits wieder eine Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats
statt. Haller als Vorsitzender des Vollzugsrates drängte in seiner Eröffnungsrede
darauf, dem Vollzugsrat diktatorische Vollmachten zu geben, da nach der Übernahme
der öffentlichen Gewalt und besonders nach dem Rücktritt der beiden
Verwaltungsspitzen der Stadt, die bevorstehenden Aufgaben sonst nicht zu
bewältigen seien. Außerdem solle am den Vollzugsrat erweitern und seine
Mitglieder neu wählen, damit er der veränderten politischen Situation
gerecht würde. Der Unabhängige Dirscherl ergänzte ihn warnend:
"Wir
sitzen heute zum dritten Male zusammen, um uns über die Durchführung der
Revolution zu unterhalten. Ich glaube, daß die Macht aus der heraus diese
neue Revolution geboren wurde, so mächtig sein wird, um über jene Leute,
die sich noch im Unklaren über die Ziele sind, welche sich das
Proletariat seit tausend Jahren gestellt, hinwegzufegen. Ein großer Teil
des Proleatriats hat versagt. Nur dadurch war es möglich, daß das
Blutbad in Norddeutschland, in Bremen usw. stattfinden konnte. (...) Es
ist zu befürchten, und es geht dies auch aus der Haltung eines Teils der
bürgerlichen Zeitungen hervor, daß das Bürgertum Stellung gegen uns
nehmen wird. Ich möchte das Bürgertum warnen, einen solch gigantischen
Kampf zu beginnen, es hätte die Konsequenzen selbst zu tragen."
Und
an die Sozialdemokratie gerichtet fuhr er fort:
"Sind
Sie bereit an der Räte-Republik mitzuarbeiten. Wenn ja, seien Sie
herzlich willkommen. Sind Sie aber nicht bereit, ernste Arbeit zu leisten,
so bleibt den revolutionären Arbeitern und jenen
geistigen Arbeitern,
die den Ernst der Situation erkannt haben, nichts anderes übrig, als die
Arbeiten allein zu übernehmen, und alles das zu leisten, was im Interesse
des Weltproletariats notwendig ist."
Einige
der anwesenden Sozialdemokraten antworteten ihm eher zurückhaltend. So
sagte Genosse Zwiebel laut Bericht der Fürther Zeitung unter anderem:
"Die Verwirklichung des Sozialismus
ist unser aller Gedanke. (...) Es fragt sich, ob es nicht richtiger
gewesen wäre, die Räterepublik erst dann auszurufen, wenn der Friede
bekannt gewesen wäre, der nie günstig für uns ausfallen wird. Dann hätten
wir auch Teile des Bürgertums und der Bauern hinter uns gehabt und nicht
wie heute nur einen Teil des Proletariats. Der Räte-Gedanke ist nicht
aufzuhalten. (...) Wir werden nicht gegen die Räte-Republik sprechen und
auch nicht dagegen wirken. Dirscherl ist auf dem Irrweg, wenn er meint, daß
wir uns dagegen stemmen. Uns soll es freuen, wenn das Proletariat zum
Sozialismus durchdringt. Momentan halte ich die Ausrufung der Räte-Republik
für verfrüht, aber geht es gut, soll es mich freuen."
Auf
den Einwand eines anderen Sozialdemokraten, er müsse erst seine Partei
befragen, ob er in der neuen Situation noch als Vertreter im ASR bleiben
solle, wies der Anarchist Oerter (Fürther Buchhändler; im
Vollzugsausschuß des A.u.S.Rat für die USPD; vor dem Weltkrieg in der
Anarchistischen Föderation Deutschlands um den "Freien
Arbeiter" organisiert; nach 1919 in der FAUD; Fritz Oerter ist im
September 1935 gestorben; SF-Red.) darauf hin, daß sie in erster Linie Räte
und nicht Parteivertreter seien und gerade darin der zentrale Gedanke des
Rätesystems liege: "Wir
brauchen Leute, die das Vertrauen der Arbeiterräte besitzen. Nur wenn die
Parteiinteressen ausgeschaltet werden, kann gedeihliche Arbeit möglich
sein."
Schließlich
wurde ein neuer auf elf Mann erweiterter Vollzugsrat gewählt. In ihm saßen
nun sechs USPDler, drei SPDler, ein Kommunist und ein Beamter als
Vertreter der geistigen Arbeiter. Dem neu gewählten Vollzugsrat gestand
man dann ganz im Sinne Hallers diktatorische Vollmachten zu, um die Geschäfte
der Stadt zu führen. In Fragen der Organisation der Verwaltung solle der
Vollzugsrat einvernehmlich mit einer in der Nacht zuvor angesichts der
bevorstehenden Umwälzung gewählten 7er-Kommission der
Beamtengewerkschaft zusammenarbeiten. Während die Räte noch tagten,
erklangen die Glocken sämtlicher Kirchen der Stadt zu Ehren der Ausrufung
der Räterepublik. Lediglich Stadtpfarrer Fronmüller weigerte sich zunächst,
die Glocken um 12 Uhr läuten zu lassen. Nachdem er die Anweisung erhalten
hatte, hatte er in Nürnberg beim Generalkommando angerufen und die
Auskunft erhalten, der Aufforderung nicht Folge zu leisten, da die
Ausrufung weder vom Generalkommando noch von der geflohenen Regierung
Hoffmann anerkannt worden sei. Auf seine Weigerung hin beauftragte Haller
den Oberstleutnant
Lippert von der Volkswehr mit der Verhaftung des renitenten Pfarrers,
woraufhin Fronmüller es vorzog, doch läuten zu lassen.
Spannend
sollte es am Abend dieses 7.April werden. Die Fürther SPD hatte zu einer
Mitgliederversammlung in den Evorasaal gebeten; die KPD zu 19 Uhr zu einer
Massenversammlung über "Die politische Lage und den
Bolschewismus" in den Geismannssaal. Mehrere hundert Mitglieder der
SPD, aber auch verschiedene Unabhängige fanden sich im Evorasaal ein.
Parteisekretär Zorn eröffnete die Versammlung mit einem Bericht über
die Gründe, die die SPD-Führung bewogen hatten, die Räterepublik
abzulehnen. Die Wirtschaft könne eine neuerliche radikale Umwälzung
nicht verkraften und müsse zuerst einmal wiederaufgebaut werden. Außerdem
könne die Räterepublik nur ausgerufen werden, wenn das gesamte
bayerische Volk sich mehrheitlich dafür aussprechen würde. Eine Diktatur
aber, auch eine des Proletariats, käme für die Partei sowieso nicht in
Frage. Unterstützt wurde er von den beiden Nürnberg-Fürthern
Landtagsabgeordneten der SPD, Hans Vogel und Endres, die eigens angereist
waren. Besonders heftig angegriffen wurde diese Haltung vom neugewählten
Vollzugsratsmitglied Hans Schmidt, der der Führung der Partei vorwarf,
die Zeichen der Zeit und den Willen des Proletariats zu mißachten. Der
Beifall, den beide Seiten von der Versammlung erhielten, zeigte, daß etwa
die Hälfte für, die Hälfte gegen die Räterepublik eingestellt war. Als
es schließlich nach über vier Stunden zermürbender Diskussion endlich
zur Abstimmung über den Antrag Heinleins auf Anerkennung der Räterepublik
und die ablehnende Resolution der Nürnberger SPD kommen sollte, war ein
erheblicher Teil der Versammlung bereits entnervt nach Hause gegangen. Mit
193 gegen 178 Stimmen wurde eine Bejahung der Räterepublik abgelehnt und
die Neutralität gegenüber der Räteregierung erklärt, der keine
Schwierigkeiten bereitet werden sollten. Allerdings dürfe kein Mitglied
der Partei irgendeinen Posten innerhalb der Räteregierung übernehmen,
war dem Beschluß hinzugefügt worden.
Auf
der KPD-Versammlung zeigte sich ein anderes Bild. Der Nürnberger
KPD-Vorsitzende Boenheim titulierte die Räterepublik als "Scheinräterepublik",
die, am grünen Tisch entworfen, jeglicher Grundlage in den Betriebsräten
entbehre. Die wichtigsten Forderungen seien die sofortige Einführung des
Achtstundentages, die Aufstellung einer Roten Armee und eines
Revolutionstribunals. Gegen seine Äußerungen erhob auch keiner der
anwesenden USPDler Protest. Fritz Oerter betonte, man müsse in Fürth
selbständig vorgehen und nicht etwa erst auf Anweisungen aus München
warten. Und erscheine die Ausrufung zunächst noch als "Schein",
so dürfe man doch hoffen, daß dieser sich lüfte und die wahre Räterepublik
innerhalb der nachfolgenden Wochen das Licht der Welt erblicken würde.
Ohne Resolution ging
die Versammlung nach drei Stunden Diskussion zu Ende.
Am
zweiten und dritten Tag der Räterepublik formierte sich der Widerstand
der bisherigen politischen Führung der Stadt. Das Gemeindebevollmächtigtenkollegium
und der Magistrat Fürths beschlossen am Dienstagabend bzw.
Mittwochmorgen, ihre Tätigkeit sofort einzustellen. Sie würden nach wie
vor nur die bisherige sozialdemokratische Landesregierung Hoffmann
anerkennen; da die Gewalt in der Stadt aber nunmehr in die Hände des ASR
übergegangen sei, sähen sie sich gezwungen, ihre Tätigkeit
einzustellen. Damit gerieten die Unabhängigen in Zugzwang.
Haller
berief für Donnerstag den 10.April den ASR zu einer weiteren Vollsitzung
ein, um dem drohenden Zusammenbruch der Stadtverwaltung begegnen zu können.
Mittlerweile hatten auch die Vorstände der Fleischversorgungsstelle Fürth
ihre Weiterarbeit aufgekündigt und in den Kasernen fehlte die Löhnung für
die Soldaten, da das Nürnberger Generalkommando die Auszahlung
verweigerte. Ohne die aktive Unterstützung auch der sozialdemokratischen
Räte wäre die desolate Lage kaum noch zu meistern gewesen.
Zuvor
ging die Führung der Fürther USPD noch einmal in die politische
Offensive. Kurzfristig mobilisierten die Unabhängigen für Mittwochabend
zu einer Volksversammlung zum Thema: "Streik der bürgerlichen und
mehrheitssozialistischen Gemeindebevollmächtigten gegen die schaffende
Bevölkerung Fürths".
Als Koch für die
USPD das Wort ergriff, hatten sich im Geißmannsaal zwischen 4000 und 5000
Personen versammelt; anwesend waren auch Vertreter von SPD und bürgerlichen
Parteien, um ihre Haltung zu rechtfertigen.
Die
Stimmung der Versammlung war gegen SPD und Bürgertum, alle Unabhängigen
erhielten begeisterte Zustimmung für ihre Redebeiträge. Koch sagte u.a.,
die Räterepublik dürfe nicht nur erklärt, sondern müsse auch bald
durchgeführt werden.
"Wir haben uns
allerdings die Sache etwas anders vorgestellt. Wir haben geglaubt, daß
die Herrn der Mehrheitssozialisten im Stadtrat, Armenrat, Waisenrat usw.
ihre Tätigkeit im Interesse der Bevölkerung Fürths beibehalten und sich
nicht von ihrem politischen Standpunkt leiten lassen. Die
Mehrheitssozialisten wissen ebensogut wie die Bürgerlichen, daß sich
unsere Lage auch ohne Räterepublik von Tag zu Tag verschlechtert. (...)
Von den bürgerlichen Herren ist dies (der Boykott der Räterepublik) noch
begreiflich, nicht begreiflich aber ist der Standpunkt der
Mehrheitssozialisten, die gewählt sind vom werktätigen Volk."
Dann
schilderte er die Lage aus der Sicht des ASR:
"Die Milchversorgung
ist keine rosige. Die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen
Bedarfsartikeln wird schwierig sein, aber wir werden über diese
schwierige Situation hinwegkommen, wenn jeder seine Pflicht und
Schuldigkeit tut. Wir wollen kein Blutvergießen. (...) Sollte auch in der
Durchführung der Räterepublik eine Unterbrechung eintreten müssen,
aufgehalten kann sie nicht werden."
Rechtfertigungsversuche
der Magistrats- und Gemeindekollegiumsvertreter aber gingen in den
Buhrufen der Menge unter. So stimmten alle Anwesenden gegen nur zehn
Stimmen für einen scharfen Protest gegen die Verweigerungshaltung der
Verwaltung und für die Räterepublik. Die Versammlung war damit ein
voller politischer Erfolg der Räterepublikaner geworden.
Donnerstag,
10.April 1919. Abends gegen sechs Uhr versammelten sich die Unabhängigen
Mitglieder des ASR im Gasthaus "Grüner Baum". Erst da erfahren
sie von dem Entschluß der SPD-Fraktion des Rates, getrennt im Jugendheim
zu tagen. Nach anderthalb Stunden des Wartens schließlich kehrte Oerter,
ins Jugendheim
gesandt, um die
Genossen von der SPD zu drängen, doch gemeinsam zu beraten, mit der
Antwort zurück, innerhalb der nächsten Stunde würde den Unabhängigen Räten
die Beschlüsse der SPD kundgetan werden. So begannen die USPDler
notgedrungen, unter sich zu diskutieren.
Trotz
des politischen Erfolgs der Versammlung vom Vortag beantragten Haller und
Koch mit dem Hinweis, daß die praktische Umsetzung nicht zu sichern sei,
die Räterepublik wieder aufzuheben, solange sich die Fürther SPD nicht
daran beteiligen würde und einem eventuellen Beamtenstreik keine eigenständig
arbeitende Verwaltung entgegengesetzt werden könne. Besonders angesichts
der ausbleibenden Lohn- und Soldgelder aus Nürnberg, sowie der mehr als
schlechten Lebensmittelversorgung seien beide dafür, die Verwaltung
wieder in die Hände von Magistrat und Gemeindekollegium zurückzulegen.
Mitten
in diese Beratungen platzten die Sozialdemokratern mit ihrer, die Räterepublik
entschieden ablehnenden Haltung. Am Sonntag sei die
mehrheitssozialistische Mehrheit des ASR von den Unabhängigen übergangen
worden. Die Räterepublik brächte nur weitere Not, Elend und
Erwerbslosigkeit über die armen Bayern. Der Vollzugsausschuß des ASR müsse
umgehend paritätisch besetzt werden.
Eine
solche, grundsätzlich formulierte Ablehnung der Räterepublik aber
wollten die USPDler nicht mittragen. Als die SPD-Mehrheit ihre eigenen
Forderungen annahm und damit die Räterepublik praktisch zu Ende war, erklärten
Haller und Oerter ihren sofortigen Austritt aus dem Vollzugsausschuß.
Am Morgen des 11.
April nahm der Magistrat wieder offiziell seine Arbeit auf.
Die
Folgen dieser Entscheidung der SPD-Mehrheit aber wirkten nach. Am
Nachmittag des 11 .April kam es noch einmal zu einer längeren Diskussion
im ASR, in der die Unabhängigen ihre Entscheidung für die Räterepublik
nicht nur verteidigten, sondern auch daran festhielten, die Räterepublik
werde früher oder später kommen müssen. Nach namentlicher Abstimmung zählte
man 91 Stimmen gegen und 72 für die Räterepublik. Erzürnt und verärgert
über diesen Ausgang erklärten die Unabhängigen nach einer kurzen
getrennten Beratung ihren gemeinsamen Austritt aus dem ASR und die Gründung
eines eigenständigen "Revolutionären Arbeiterrates". ZurBegründung
verwiesen sie darauf, daß bei der Übernahme der öffentlichen Gewalt
durch den Fürther ASR keinerlei Gewalt angewendet worden wäre. Die
Hauptgründe für das Scheitern der Räteherrschaft seien der Nürnberger
Geldboykott verbunden mit der militärischen Gegnerschaft des dortigen
Generalskommandos sowie die Zusammenarbeit der SPD mit den bürgerlichen
Parteien in der Stadtverwaltung gewesen.
"Wir
können aber mit Leuten, die Arm in Arm mit den Bürgerlichen an dem in
solcherweise gegen uns geführten Kampf teilnehmen,
nicht zusammenarbeiten. (...) Im Übrigen sind wir der Überzeugung, daß
die Räterepublik, wenn man sie jetzt erwürgt hat, doch wieder -
vielleicht schon nach einigen Wochen - aufleben und sich durchsetzen wird.
Trotz alledem!"
Mit
der Absetzung des Unabhängigen Garnisonskommandanten Mayer und dessen
Verhaftung durch das Nürnberger Generalkommando ging auch die Führung
des Fürther Militärs in die Hände der antiräterepublikanischen SPD über.
Die
Räterepublik wurde nicht wieder eingeführt. Aber die bayerische SPD
erhielt wenige Wochen später die Quittung für ihre Ablehnung der Räteherrschaft
und ihre Unterstützung der militärischen Niederschlagung der letzten Rätestützpunkte
in Bayern. Bei den ersten demokratischen Kommunalwahlen am 15. Juni 1919
verlor sie in ihren Hochburgen bis zu Zweidrittel ihrer Anhängerschaft, während
die USPD erdrutschartige Gewinne verbuchen konnte. In Fürth machte der
Anteil für die SPD nunmehr 38% aus gegenüber 25% für die USPD. Die
Ereignisse um die Ausrufung der Räterepublik in Bayern und in Fürth
beschäftigten ihre Anhänger noch viele Jahre später. 1929 zog Fritz
Oerter in einem Brief an Erich Mühsam ein kritisches Resümee:
"Wir
alle täuschten uns in der Psychologie der Massen. Wir glaubten sie fähig,
sozialistisch zu denken und zu handeln. Ich glaube, ein von der
Sozialdemokratie noch unverbildetes und ursprüngliches Volk wäre
vielleicht zu besseren Resultaten gelangt. Aus der Perspektive von heute
gesehen, war die Räterepublik ein Versuch am untauglichen Objekt.
Immerhin offenbarte sich bei dieser Gelegenheit ein beispielloser
Heroismus. (...) Die Räterepublik war ein kühner Aufschwung, der, weil
er wenig oder keine Stütze fand, wieder zusammenbrechen mußte. (...)
Auch wir in Fürth hatten vier Tage Räterepublik, bekannte Arbeiter
fielen mir damals auf der Straße vor Freude um den Hals. 'Fritz, denk
nur, wir haben die Räterepublik!'. 'Kinder', sagte ich, 'wir haben bis
jetzt nur den Namen, die Räterepublik müssen wir erst schaffen.' Es ist
nichts draus geworden und am vierten Tage wurden die Räterepublikaner von
den Sozialdemokraten im Arbeiterrat überstimmt. Damit wurde die Räterepublik
in Fürth höchst gemütlich begraben. Du siehst, was in München sich zu
fürchterlicher Tragödie entwickelte, ward in Fürth zur Posse. (...) Die
Bewegung vom Jahre 1919 war ein erster Anhieb. Aber auf den ersten Hieb fällt
kein Baum, selbst wenn er durchmorscht und verfault ist. Die großen
Opfer, die gebracht wurden, können nicht umsonst dargebracht worden
sein."
Aus:
Schwarzer Faden Nr. 30 (1/1989)
Anmerkung:
(1)
In den Monaten vor der Ausrufung der Räterepublik in Bayern waren Räterepubliken
ausdrücklich nur in einzelnen Städten ausgerufen worden: in Bremen am
10.Januar 1919, in Cuxhaven am 11.Januar, in Mannheim am 22.Februar, in
Braunschweig am 28.Februar und am 9.April, jedoch in keinem Fall für
einen Teilstaat des Deutschen Reiches.
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