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Andreas
Müller – Die Anarchisten in Mühlheim-Styrum nach dem Sozialistengesetz
Um
die Anfänge der anarchistischen Bewegung in Mülheim-Styrum zu verstehen,
ist es notwendig, die Auswirkungen des "Sozialistengesetzes" auf
die Arbeiterbewegung zu umreißen. Das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen
Bestrebungen der Sozialdemokratie" wurde am 19. Oktober 1878 im
Reichstag verabschiedet, um eine Handhabe zur Zerschlagung der
anwachsenden Organisationen der Arbeiterbewegung zu haben. Was folgte war
eine lang anhaltende Repressionswelle. Verhaftungen und Hausdurchsuchungen
waren an der Tagesordnung, viele wurden zur Auswanderung gezwungen. 1500
Personen wurden zu rund 1000 Jahren Gefängnis verurteilt, 1300
Druckschriften verboten und 322 Organisationen aufgelöst.
Das
Gesetz sollte über zwölf Jahre, bis zum 1. Oktober 1890, Bestand haben.
Es hatte Auswirkungen für die Entwicklung der Sozialdemokratie: Die Führungsorgane
der Partei, besonders die Reichstagsfraktion, zeigten in den achtziger
Jahren die Tendenz, keine weiteren Anlässe zu Repressionsmaßnahmen zu
geben und gewissermaßen mit dem Sozialistengesetz zu leben. Da ja der
Staat mit Hilfe des Reichstags sein Ja und Amen zu dem Ausnahmegesetz
gegeben hatte, wurde dieses Gesetz jedoch von vielen Parteimitgliedern als
staatliche Kampfansage empfunden und führte in der Folge zu einer grundsätzlichen
Ablehnung des Staates. Dies führte natürlich zu Spannungen zwischen
aktionsorientierten, temperamentvollen Sozialdemokraten und dem Legalitätskurs
der Parteispitze. Infolge des Sozialistengesetzes fiel ausgerechnet der
Reichstagsfraktion als dem einzig legal handlungsfähigen Rest der
Parteiorganisation die Funktion der Parteiführung zu, was diese
Spannungen noch verstärkte. Der Sozialrevolutionären Stimmung weiter
Teile der Parteibasis fehlte jedoch noch eine organisatorische und
geistige Grundlage; ihre Träger waren durchaus noch innerlich autoritäre
Sozialisten, die sich zwar durch das Sozialistengesetz radikalisiert
hatten, aber mangels weiterer Perspektiven über eine Ablehnung der
bisherigen friedlichen Taktik der Sozialdemokratie nicht hinauskamen.
Der
Parteiführung gelang es, die Opposition zu isolieren und schließlich
auch ihren Wortführer Johann Most im August 1880 aus der Partei
auszuschließen. Johann Most, der schon 1878 aus Deutschland fliehen mußte,
gab von London aus die "Freiheit" heraus, eine Zeitung, die sich
bis zu seinem Parteiausschluß in sozialdemokratischen Bahnen bewegte und
später zu einem Sprachrohr der deutschen Anarchisten wurde. Er prägte
den sogenannten "Aktions-Anarchismus" unter dem Schlagwort der
"Propaganda der Tat". Mosts Verständnis vom Anarchismus kommt
in seiner Broschüre "Der Kommunistische Anarchismus" von 1889
zum Ausdruck: "Die Anarchisten sind SOZIALISTEN, indem sie
eine
Gesellschaftsverbesserung erstreben; sie sind KOMMUNISTEN, indem sie überzeugt
sind, daß eine solche Umgestaltung nur in der Etablierung allgemeiner Gütergemeinschaft
gipfeln kann."
Nach
Most begnügen die Anarchisten sich nicht damit - sie streben zudem noch
einen sozialen Zustand an, "bei welchem keinerlei Beherrschung der
einen Menschen durch die anderen mehr stattfindet, so daß also von einem
Staat, einer Regierung, von Gesetzen oder anderen Zwangsmitteln keine Rede
mehr ist und wirkliche Freiheit für alle waltet." Diese
Ablehnung von Herrschaft liegt aber nicht zwangsläufig in der Natur des
Sozialismus oder Kommunismus. In Abgrenzung zu allen autoritär-marxistischen
Bestrebungen entstanden die Begriffe des "Kommunistischen
Anarchismus" bzw. des "freiheitlichen Sozialismus". Nach
der Aussetzung des Sozialistengesetzes am 1. Oktober 1890 gelang es
wiederum den "Legalisten" innerhalb der Sozialdemokratie, die
Opposition kaltzustellen und auf dem Erfurter Kongreß im Oktober 1891
ihre Sprecher aus der Partei zu verstoßen. Von dieser Gruppe wurde
sogleich ein "Verein unabhängiger Sozialisten" gebildet, der
sich immer offener dem Anarchismus zuwandte.
Die
Anarchisten hatten schon während des Sozialistengesetzes versucht, in
Deutschland Fuß zu fassen und unzufriedene Sozialdemokraten zu
organisieren, was ihnen
zumindest im
Ruhrgebiet erst nach dem Sozialistengesetz gelang. Von großer Bedeutung
hierbei war ihre Presse, die im Ausland von Exilgruppen herausgegeben und
ins Deutsche Reich eingeschmuggelt werden mußte.
Entgegen
der Sozialdemokratie, die legal und parlamentarisch geworden war und sich
entsprechend ungehindert betätigen durfte (bereits Ende September 1890
verfügte sie über 60 Zeitungen mit 250.000 Abonnenten), wurden
anarchistische Propagandisten weiter verfolgt und ihre Publikationen
konnten nach wie vor nur vom Ausland eingeschmuggelt werden. Schon ihre
Verbreitung oder Verbindungen zu ihren Herausgeberkreisen führte in der
Regel zu einer Verurteilung nach den noch heute gültigen §§ 128 und
129. So konzentrierte sich die Tätigkeit anarchistischer Gruppen auch
noch nach dem Sozialistengesetz auf die Verbreitung ihrer illegalen
Presse. Mitte 1891, also ein Jahr nach dem Sozialistengesetz, wird die
Polizei im Bürgermeisteramt Styrum zum ersten Mal auf anarchistische
Aktivitäten aufmerksam. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober wurde ein
Flugblatt, betitelt "Der 11. November" in den Straßen und
Hausfluren in einer Bergarbeitersiedlung in Altstaden verteilt. Das
Flugblatt, dessen Inhalt auf der Rückseite auch in tschechischer Sprache
wiedergegeben wurde, schlug radikale Töne anläßlich des Jahrestages der
Hinrichtung von fünf Anarchisten in Chicago an: "Ja, leider müssen
wir uns gestehen, dass wir bisher als Revolutionäre nicht unsere Pflicht
gethan haben. Wie Viele sind schon für unser Princip gefallen, und wo
sind ihre Rächer? Und wie Viele fallen täglich in ihren industriellen
Berufszweigen dem Kapitalismus zum Opfer, wie Viele sterben den Hungertod?
Tragen wir nicht Mitschuld an ihrem Untergang durch unsere Untätigkeit,
durch unser müssiges Zusehen? Warum vergelten wir nicht Gleiches mit
Gleichem? Warum hängen wir nicht Diejenigen, welche auf unsere gerechten
Forderungen damit antworten, dass sie den Tod in unsere Reihen senden,
warum hängen wir sie nicht verdientermassen an den Laternenpfählen auf?
... Ohne Opfer keinen Kampf, ohne Kampf keinen Sieg."
Die
Verbreiter dieser Flugschrift blieben trotz intensiver Recherchen der
Styrumer Polizeiverwaltung und der Staatsanwaltschaft unerkannt. Der
Flugzettel war in London bei der Zeitung "Die Autonomie"
hergestellt und ins Ruhrgebiet geschmuggelt worden.
Auf
gefahrvollen Wegen wurde das Agitationsmaterial immer noch wie unter dem
Sozialistengesetz ins Ruhrgebiet gebracht. Der Duisburger Buchbinder Sepp
Oerter übernahm für die "Autonomie" ab November 1892 den
Schriftenschmuggel über die holländische Grenze und nahm so den durch
die Verhaftung seines Vorgängers unterbrochenen Vertrieb wieder auf. In
seinen Lebenserinnerungen stellt er anschaulich seine Tätigkeit als
Schriftenschmuggler dar: "Duisburg wurde nun
mein Hauptquartier. Ich erhielt von London aus die nötigen
Versandadressen.... So oft ich konnte, fuhr ich über Emmerich oder Cleve
oder Salzbergen nach Arnheim, um die Zeitungen über die Grenze zu
bringen. Jetzt packte ich mir die Schriften nicht mehr auf den Körper,
denn ich wollte nicht noch einmal durch meine Mißgestalt auffallen. In
einer Anzahl von Heftumschlägen, Buchdeckeln und dergleichen verpackte
ich in Arnheim die Zeitungen und Broschüren. .. .War der eine Koffer mit
meiner Bibliothek vollgepackt, dann kamen noch zwischen die Wäsche des
anderen und in alle Taschen weitere Schriften. Es war immer ein ganz
unglaubliches Quantum, welches auf diese Weise über die Grenze gebracht
wurde... In den Zollstationen hatte ich keine Ungelegenheiten. Ich zeigte
meine Koffer, war den Beamten behilflich, wo ich nur konnte und kam immer
gut durch.... In Duisburg angelangt, wurden die Schriften dann verpackt
und versandt, oder ich brachte einen Teil zu Kühl und Grasser, welche sie
weitervertrieben."
Nun
erschienen in den anarchistischen Zeitungen auch immer häufiger Berichte
und Meldungen aus dem Ruhrgebiet. Der in London hergestellte
"Lumpenproletarier - Organ der Unterdrückten" schrieb in seiner
ersten Ausgabe im April 1893: "Das oben bezeichnete Kohlenrevier
ist ein Platz, dessen Beackerung sich seitens der revolutionären Elemente
noch verlohnt. Sind sich die Bergarbeiter erst mal ihrer Macht bewußt,
dann - ade! mit deiner Herrlichkeit, du deutsches Michelland."
Im
großen Bergarbeiterstreik 1889, aber auch in den kleineren Ausständen
1891 und 1892, waren unmittelbar von den Belegschaften Streikdelegierte
gewählt worden, welche radikaler als die Knappenvereine aber auch als der
nach dem Streik gegründete Bergarbeiterverband, auftraten. Diese
kampfbetonte Ausrichtung der Zechendelegierten prägte den
Bergarbeiterverband schon in seinen Anfängen deutlich und ermöglichte
radikalen Sozialdemokraten, aber auch den Anarchisten, größtmögliche
Einflußnahme. Der Verbandsführer Otto Hue schilderte 1900 in seinem Werk
"Neutrale oder parteiische Gewerkschaften" die Situation des
Bergarbeiterverbandes um 1892 so: "Um jene Zeit war der Verband,
bzw. sein Blatt schon nicht sozialistisch, sondern näherte sich stark dem
Anarchismus. Die Sache wurde nicht mehr von der Person getrennt, sondern für
alles waren die 'Grubenprotzen' und 'Geldsäcke' verantwortlich. Gar nicht
verwunderlich ist, daß nun sogar Diejenigen, welche ehedem als
Ultramontane oder Parteilose zum Verband kamen, nicht nur zur
Sozialdemokratie abschwenkten, sondern auch am stärksten den
anarchistischen
Ideen zuneigten.
Bekannt ist ja, daß Josef Jeup-Gelsenkirchen, der Drucker der
Verbandszeitung, dem Anarchismus huldigte und ich weiß aus persönlicher
Erfahrung, daß er es verstand, eine Anzahl unklarer Köpfe, die erhitzt
waren aus Wuth über die schmähliche Verfolgung des Verbandes, für seine
Phantastereien einzunehmen. Garnicht merkwürdig ist, daß die tatsächlich
der Sozialdemokratie angehörenden Führer das mäßigende Element
bildeten."
Diese
abfälligen Bemerkungen Hues trafen im Kern die damalige Situation: Die Führer
der SPD versuchten die Bewegungen zu bremsen, sie in legale
parlamentarische Bahnen zu lenken und den Einfluß der Radikalen mit allen
Mitteln zu brechen. Trotzdem gewannen anarchistische Ideen unter den
Bergarbeitern zunehmend an Einfluß.
Der
erste Staatsanwalt beim Königlichen Landgericht in Duisburg verfaßte
am4. Mai 1893 eine "Darstellung anarchistischer Umtriebe im
Ruhrkohlengebiete", in der es heißt: "Im Frühjahr des
vorigen Jahres kam jedoch die Polizeibehörde des Styrum benachbarten Orts
Oberhausen einer Vereinigung auf die Spur, deren größtenteils dem
Bergmannstande angehörige Mitglieder sich zu der extremsten Richtung der
Sozialdemokratie bekannten, und welche die Absicht hatten, in einem so
genannten Volksvereine, der in Styrum seinen Sitz haben sollte, einen
Mittelpunkt für ihre Agitation zu gewinnen. - Haussuchungen, die im Mai
v.Js. bei den Verdächtigen vorgenommen wurden, ergaben, daß dieselben
sich im Besitz verschiedener im Verlage der 'Autonomie' erschienener Blätter
befanden." Am 28. Mai 1892 meldete die "Autonomie": "In
Oberhausen nahe Essen haben bei mehreren Genossen Haussuchungen
stattgefunden, nachdem die Polizei einen nach hier adressierten Brief
gestohlen. Zwei Genossen wurden verhaftet, jedoch wieder in Freiheit
gesetzt."
Einer
der Verhafteten war der Bergarbeiter Leichsenring, der den am 10. April
1892 aus der Mülheimer Sozialdemokratischen Partei ausgeschlossenen
Arbeiter Julius Leonhardt unangemeldet etwa zwei Monate bei sich
beherbergt hatte. Leichsenring war Kolporteur sozialdemokratischer
Schriften und noch im Januar auf dem sozialdemokratischen Parteitag in
Koblenz Delegierter für Oberhausen und Styrum gewesen. Die Partei erklärte
in der Niederrheinischen Volkstribüne am 19.Mai 1892, nachdem die bürgerlichen
Blätter Leichsenring in Verbindung zu den Anarchisten gebracht hatte, daß
"nichts von alledem wahr ist". Schon in der
vorhergehenden Ausgabe hatte
sie verlauten lassen,
"daß hier in Oberhausen anarchistische Schriften unbekannte Dinge
sind".
Zusammen
mit Julius Leonhardt hatte Leichsenring, wie aus dem von der Polizei
beschlagnahmten Brief hervorging, die Genossen der "Autonomie"
um Zusendung des
Blattes und anderer
anarchistischer Publikationen "für unsere gerechte Sache"
ersucht. Die Schriften sollten an den Oberhausener Fabrikarbeiter Adam
Schwab gehen, der in dem in der Gründung begriffenen Volksverein die
Bibliothek betreuen sollte. Welch große Bedeutung die Styrumer Polizei
dieser Entdeckung anarchistischer Aktivitäten beimaß, geht noch einmal
aus der Darstellung des ersten Staatsanwaltes hervor: "Verkohltes
Druckpapier, das sich auf seinem Kochherd vorfand, ist mit Hülfe des
Berliner Polizei-Präsidiums als Rest zweier Nummern der 'Autonomie'
festgestellt worden.... Die eifrigen Bemühungen, die Verbreiter der
revolutionären Schriften zu entdecken, blieben vergeblich."
Diese
waren aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Kreis um den Schreinergesellen
Leonhard Bach und dem Bergarbeiter Blasius Grasser zu finden. Schon seit
April 1892 bezog Grasser anarchistische Zeitungen aus London und gab sie
vornehmlich an Styrumer Bergleute weiter.
Auf
Leonhard Bach wurde die Styrumer Polizei Mitte September 1892 aufmerksam,
da er sich offen zum Anarchismus bekannte. Er galt als "Mann der
Tat", als Vertreter des Mostschen Aktions-Anarchismus. Ein von ihm
nach London abgesandter und als unzustellbar zurückgekommener Brief fiel
der Polizei in die Hände. Ein Auszug des Briefes gibt die Romantik und
Abenteuerlust, aber auch den ungebändigten Hass wieder, der bei vielen
anarchistischen Akteuren dieser Zeit tonangebend war: Er spricht darin von
beabsichtigten Dynamitdiebstählen, Attentaten, Deckadressen, dem
Zusammenhalten der Genossen, dem Anfertigen falschen Geldes und dem Schwur
jeden Verräter zu töten. Der Brief endete: "Tod und Verderben
habe ich der Bande geschworen und werde auch nach vollbrachten Thaten
freudigen Muths auf dem Schaffott oder beim Straßenkampf sterben. Es lebe
die sociale Revolution. Hoch die Anarchie und dreimal Hoch unser baldigst
gestohlenes Dynamit. Mitrevolutionärem Gruß L. Bach".
Bachs
Arbeit beschränkte sich in der Tat nicht nur auf die Agitation, die
Verbreitung der "Autonomie" und des "Anarchist" - er
bereitete sich auch auf eine bewaffnete Auseinandersetzung gegen den Staat
und seine Organe vor. Den Styrumer Bergarbeiter Joseph Schmitz forderte er
im Sommer 1892 auf, ihm von der Zeche Dynamit zu beschaffen. Bach verfügte
auch über Kontakte zu einer Gruppe belgischer militanter Anarchisten um
Peter Schiebach, mit denen er in Lüttich in der Nacht vom 28. auf den 29.
April 1894 einen Anschlag auf die Kirche St. Jacques verübte. Nach einer
bei ihm abgehaltenen Hausdurchsuchung im September 1892 floh er nach
London, von wo aus er seine Styrumer Genossen mit anarchistischen
Schriften versorgte und ihnen für ihre Arbeit kleine Geldbeträge
zukommen ließ.
Der
Treffpunkt der Sozialisten in Styrum war zu dieser Zeit die geschlossene
Gesellschaft "Germania", das sogenannte Schnapskasino. Hier
trafen sich zum Meinungs- und Informationsaustausch Sozialisten aller
Richtungen: Sozialdemokraten, Unabhängige und Anarchisten. Doch die
Mehrheit der Mitglieder dieser Gesellschaft verhielt sich den Anarchisten
gegenüber ablehnend. Nach der Flucht von Leonhard Bach setzten nun die
Gemäßigten durch, daß seine Gesinnungsfreunde aus der Gesellschaft
ausgestoßen wurden. Von nun an trafen diese sich in der Wohnung des
Bergmanns Friederich Vesper - im selben Haus, einige Stockwerke über dem
Gesellschaftslokal. Friederich Vesper gehörte zu den Gründungsmitgliedern
der Zahlstelle des Bergarbeiterverbandes in Styrum. Der Verband zählte im
Dezember 1892 über 23 Mitglieder. Er war auch Vertrauensmann des
Verbandes, so daß anzunehmen ist, daß die Anarchisten unter den
Bergarbeitern über Sympathien verfügten. In guten Beziehungen standen
die Styrumer Anarchisten zu gleichgesinnten Genossen in Oberhausen,
Alstaden, Frintop und Borbeck, später auch durch die Bemühungen Blasius
Grassers zu einer sehr aktiven Gruppe von tschechischen Bergleuten in
Gelsenkirchen. Durch den von Sepp Oerter wieder aufgenommenen
Schriftenschmuggel Anfang November 1892 verstärkte sich die
Zusammenarbeit dieser Gruppen und ihre agitatorischen Aktivitäten. Rudolf
Rocker erinnerte sich in seinen Memoiren: "Wir
waren natürlich sehr zufrieden, als uns die verbotenen Blätter und
Broschüren wieder regelmäßig zugingen und wir unsere unterirdische Tätigkeit
im größeren Umfange aufnehmen konnten. Das ging so einige Wochen, bis
die ganze Herrlichkeit ein Ende mit Schrecken nahm."
Im
Dezember 1892 konnte die Polizei durch ein gezieltes Vorgehen der Bewegung
in Styrum großen Schaden zufügen. Sepp Oerter berichtete: "Als
wir - mein Bruder und ich - am Sonntag, den 11. Dezember 1892 zu Kühl
nach Styrum kamen, fanden wir dessen Frau, ein sonst sehr wackeres Weib,
weinend vor. Sie erzählte uns, daß im Laufe der Woche Haussuchungen
stattgefunden hätten; ihr Mann hätte Winke bekommen, sich so bald wie möglich
fortzubegeben."
Zusammen
mit den Bergarbeitern Friederich Vesper und Jacob Küsters flüchtete
Julius Kühl, der vor allem die Verbreitung der anarchistischen Presse in
Styrum organisierte, am 8. Dezember nach London und von dort aus in die
Vereinigten Staaten. Dort fanden sich bereitwillige Helfer. Von den
Herausgebern der in New York erscheinenden Zeitung "Anarchist"
wurden, laut Ausgabe vom 21.1.1893, "für drei gänzlich mittellos
hier angekommene Kohlengräber zur Weiterreise nach Arbeitsplätzen ihres
Geschäftes" Subscriptionslisten ausgegeben.
Julius
Kühl konnte bereits am 23. Januar 1893 seiner Frau aus Vanderbilt in
Pennsylvanien schreiben. Die Genossen in New York hatten für ihn und
seine beiden Begleiter 130 Mark gesammelt. Auch für ihre zurückgebliebenen
Frauen wurde von London aus gesammelt. Blasius Grasser und sein Freund
Gerhard Lanius gaben ihnen das Geld und unterstützten sie, soweit es
ihnen möglich war.
Doch
die Flucht der drei Genossen hinterließ in Styrum eine tiefe Lücke.
Durch den Verlust Friederich Vespers löste sich nun die Zahlstelle des
Bergarbeiterverbandes in Styrum auf. Einige Mitglieder sollen den
Zahlstellen in Alstaden und Oberhausen beigetreten sein. Das Bürgermeisteramt
Styrum konnte am 6. August 1893 dem Königlichen Landrat zu Mülheim
melden: "Versammlungen pp. haben seitdem in Styrum von
Bergarbeitern in dieser Richtung nicht stattgefunden und über anderweite
Ernennung eines Vertrauensmannes ist polizeilich nichts bekannt
geworden."
Am
15. Dezember mußte der Fabrikarbeiter Johann Harzheim aus Styrum flüchten.
Auch er ging nach London und schloß sich dem dortigen Klub um die
"Autonomie" an, mit dem er bereits vor seiner Flucht in
Verbindung gestanden hatte. Nur drei Tages später wurden die Brüder Sepp
und Fritz Oerter, die sich vorübergehend nach Süddeutschland absetzen
wollten, in Mainz auf einer Arbeitslosenversammlung wegen aufrührerischer
Reden verhaftet. Nun war die anarchistische Bewegung im Raum Mülheim fast
zerschlagen. Trotzdem gingen die unentdeckt gebliebenen Genossen schon
kurze Zeit später wiederum in die Offensive.
Seit
dem 29. Dezember 1892 befanden sich die Bergarbeiter im Saarrevier im
Ausstand, um eine neue Berggesetznovelle zu verhindern. Sofort fanden auch
im Ruhrgebiet Massenversammlungen statt, auf denen beschlossen wurde, die
Kameraden im Saarrevier durch einen Solidaritätsstreik zu unterstützen.
Am 9. Januar 1893 wurde auf den ersten Zechen im Ruhrgebiet die Arbeit
eingestellt. Doch der erwartete "Generalstreik" blieb aus. Auf
seinem Höhepunkt am 13. Januar waren nur 21.390 Bergleute von
insgesamt etwa
145.000 in den Streik getreten.
Mit
roher Gewalt gingen der Staat und die Bergwerksbesitzer gegen die
Streikenden vor. Das Militär wurde eingesetzt, hunderte Streikender in
die Gefängnisse geführt, die Bergarbeiterzeitung wurde unterdrückt,
fast sämtliche Vorstandsmitglieder und bekannte Gewerkschaftsdelegierte
verhaftet, tausende gemaßregelt und etwa 800 Bergleute entlassen. Am 20.
Januar war der Streik in sich zusammengebrochen.
Als Anlaß für
dieses Vorgehen diente eine Serie von Dynamitanschlägen, die von der bürgerlichen
Presse sensationsgierig gegen die Streikenden ausgebaut wurde. Die
Gelsenkirchener Emscher-Zeitung berichtete am 14. Januar 1893: "Aber
die von den Agitatoren gerufenen Geister ließen sich auch zu teuflischen
Thaten hinreißen: zwei Dynamit-Attentate vor hiesigen Gasthäusern wurden
verübt und sollten die Einwohnerschaft in Furcht und Schrecken setzen. Da
war die strengste Überwachung der Stadt
geboten, die in
wenigen Tagen mit einer großen Anzahl von Gendarmen besetzt wurde... Tag
und Nacht war Gendarmerie und Polizei auf dem Posten und der Umsicht und
dem entschiedenen Eingreifen der Sicherheitsbeamten ist es zu danken, daß
die Ruhe im übrigen aufrechterhalten blieb."
Von
Dorsten, Gelsenkirchen, Schalke und Bochum meldete die Presse teils
gelungene, teils vereitelte Dynamitanschläge vor Gerichtsgebäuden,
Hotels, an Bahngleisen und auf Zechen. Einige Meldungen mußten richtig
gestellt werden: "Vollständig erfunden ist das Gerücht - das übereifrige
Reporter schon in die Welt hinausgedrahtet haben -, daß gestern auf den
Direktor der Zeche Hibernia, Herrn Raderhoff, geschossen worden sei."
(Emscher-Zeitung, 11.1.1893) "Zu den Dynamitattentaten berichtet
man auswärtigen Blättern, es seien 100 Zentner dieses gefährlichen
Sprengstoffes entwendet worden. Das ist nun eine handgreifliche Übertreibung..."
(Emscher-Zeitung, 13.1.1893)
Die
Bergarbeiterzeitung vermutete in ihrer Ausgabe am 4. Februar 1893, daß
diese Anschläge "bestellte Arbeit" gewesen wären, die
von "verkommenen Subjekten, die für Geld zu allem fähig
sind", ausgeführt wurden. Ein Bergarbeiter, der täglich mit dem
Sprengmaterial umgehe, hätte nicht "solche Stümperarbeit
verrichtet". Vorteile aus diesen Anschlägen hätten nur die "Profitschinder"
gezogen, um "Maßnahmen zur Unterdrückung der übermüthigen
Arbeiter zu erzwingen".
Gleich
nach dem Ausbruch des Streiks hatte Michael Müller für die
anarchistische Gruppe in Borbeck die Redaktion der "Autonomie"
gebeten, einen Aufruf an die Bergarbeiter zu erstellen, um aktiv den
weiteren Verlauf des Streiks zu beeinflussen. Erst in der zweiten Hälfte
des Januar wurde er in London verfaßt und gedruckt. Dieser Aufruf
stellte, so die Rheinisch-Westfälische Arbeiter-Zeitung vom 23. Februar
1893, die "Durchschnittsliteratur der Anarchisten bedeutend in den
Schatten": "Auch jetzt wieder seid Ihr bereit, durch
einen Generalstreik Euch bessere Lebensbedingungen zu erkämpfen, doch
wenn es nur ein Streik bleibt, ist Euch nicht geholfen.... Ihr könnt Euch
nur helfen, wenn ihr den Ertrag Eurer arbeit selbst einsteckt, und nicht
schmarotzende Faulenzer damit füttert!! Ihr könnt aber nur den Ertrag
Eurer Arbeit sichern, wenn Ihr Besitz von den Zechen ergreift und sie
selbst verwaltet!! Freilich wird das nicht ohne Kampf abgehen.... Viele
von Euch werden einwenden, dass das Militär aber den Kapitalisten zu
Bebote stande; dafür habt Ihr eben Dynamit! ... Werft nur eine einzige
gut geladene Dynamit-Bombe in eine Colonne aufmarschierender Soldaten, und
sie werden fallen wie die reifen Birnen.... Die Anarchie ist die Zukunft
eines friedlichen, freien Menschengeschlechtes, die Anarchie kennt kein
Blutvergiessen, aber erst müssen Diejenigen hinweggeräumt werden, die
uns daran hindern, friedlich und glücklich zu sein, und das sind alle
Kapitalisten, Fürsten, Pfaffen und solche, welche die heutigen Zustände
beibehalten wollen. Glück auf!! Zum fröhlichen Kampf!!!"
Obwohl
der Streik schon nach Fertigstellung des Flugblatts zusammengebrochen war,
beschlossen die Anarchisten, den Aufruf trotzdem über Holland in das
Ruhrgebiet einzuführen. Ausschlaggebend für diesen Entschluß war
sicherlich ein im Februar unternommener Versuch, die Belegschaften zu
einem neuen Kampf für die Einstellung der Gemaßregelten zu bewegen.
Anstelle von Sepp Oerter wurde nun Blasius Grasser von dem Sprecher der
"Autonomie", Joseph Schütz, aufgefordert, die Schriften aus
Arnheim abzuholen. Am 29. Januar brachte Grasser eine große Menge Flugblätter
und verschiedene Zeitungen über die Grenze. Auf Veranlassung der
Bocholter Genossen wurde ihm von Joseph Schütz der Kaufmann Heinrich Schürmann
für die Verbreitung der Aufrufe empfohlen. Als Grasser am 2. Februar über
100 Flugblätter übergab, wußte er noch nicht, daß Schürmann im
Auftrag der Polizei handelte. Kurze Zeit später wurde Grasser verhaftet,
als er von seiner Arbeitsstelle kam, der Zeche Oberhausen. Trotzdem
konnten noch einige Flugblätter in Styrum und Duisburg verteilt werden.
Durch die Verhaftung Grassers flog auch ein Teil der Gelsenkirchener
Gruppe auf, dessen Adressen in seinem Hutfutter gefunden wurden.
Nun
wurde der Schreiner Anton Schoenberger von den Londoner Anarchisten
beauftragt, Schriften nach Deutschland einzuführen und für deren
Verbreitung zu sorgen. Schoenberger brachte daraufhin dem ihn in London
empfohlenen Bergarbeiter Gerhard Lanius in Oberhausen nocheinmal etwa 150
Exemplare des Aufrufs. Als er am nächsten Tag den Polizeispitzel Schürmann
aufsuchte, wurde er und wenig später auch Lanius festgenommen.
Damit
war die Bewegung endgültig zerschlagen, das Resultat war
niederschmetternd: Acht Genossen mußten ins Ausland fliehen: Aus Styrum
der Schreiner Leonhard Bach, der Fabrikarbeiter und frühere Bergmann
Johann Harzheim, die Bergleute Julius Kühl, Friederich Vesper und Johann
Küsters; aus Bocholt die Bergleute Utter und Abelt und aus Oberhausen der
Bergmann Egger.
Anton
Schoenberger wurde zu achteinhalb Jahren Zuchthaus, Blasius Grasser zu fünfeinhalb
Jahren Zuchthaus, Gerhard Lanius zu einem Jahr Gefängnis, Sepp Oerter zu
acht Jahren Zuchthaus, sein Bruder Fritz zu einem Jahr Gefängnis und der
aus Borbeck stammende Bergarbeiter Michael Müller zu eineinhalb Jahren
Gefängnis verurteilt. Johann Harzheim wurde nach seiner Rückkehr im
November 1895 nach Styrum zu einem Jahr Gefängnis verurteilt - er war während
seines Aufenthaltes in London durch Spitzel des Berliner Königlichen
Polizeipräsidiums überwacht worden. Leonhard Bach wurde 1895 von einem Lütticher
Gericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und am 12. Februar 1901 in die
Irrenanstalt Grafenberg überführt. Auch gegen die Arnheimer
Kontaktadresse wurde strafrechtlich vorgegangen. Am 15. März 1893 fand
man dort neben einer großen Menge anarchistischer Schriften in deutscher
Sprache noch etwa 7000 Exemplare des Aufrufs an die Bergarbeiter.
Am8.September
1894 konnte der Styrumer Bürgermeister dem Landrat nach Mülheim vollen
Erfolg melden: "Auf Grund der fortgesetzten
polizeilichen Beobachtungen und Nachforschungen glaube ich versichern zu können,
daß der Anarchismus auch im geheimen hier keine Vertreter mehr besitzt,
die zu Versammlungen zusammenträten, Flugblätter herausgäben oder
verbreiteten oder den anarchistischen Tendenzen sonst irgend welchen
Vorschub leisteten."
Die
ersten Anarchisten in Styrum, Oberhausen und Mülheim - waren es alles nur
Phantasten, ausgeklinkte Kleinbürger, realitätsfremde Spintisierer oder
einfach nur verrückte Kriminelle, wie uns die bürgerlichen und
sozialdemokratischen Medien weismachen wollen? Waren es überhaupt
"wirkliche" Anarchisten? Über Sepp Oerter, der im "Vorwärts"
am 1. November 1893 anläßlich seines Prozeßes als "Halbverrückter",
als ein "geistig behinderter Mensch" charakterisiert
wurde, schreibt Rudolf Rocker in seinen Memoiren: "Er verbüßte
seine Strafe bis zum letzten Tage und beteiligte sich nach seiner
Entlassung einige Jahre in unserer Bewegung als Redakteur des Freien
Arbeiter in Berlin. Später machte er allerhand Wandlungen durch.... Nach
dem Kriege wurde er Ministerpräsident von Braunschweig; er starb einige
Jahre vor dem Machtantritt Hitlers. Sein Bruder Fritz entwickelte sich zu
einem der begabtesten Schriftsteller der anarchistischen Bewegung
Deutschlands, der er bis zu seinem Lebensende treu geblieben ist."
Friederich
Vesper war die Seele des Styrumer Bergarbeiterverbandes - nach seiner
Flucht brach der Verband zusammen und konnte erst Anfang 1894 neu belebt
werden. 1898 zählte er 50 Mitglieder. Auch Michael Müller war in Borbeck
Vertrauensmann des Bergarbeiterverbandes. Ein aufschlußreiches Zeugnis
stellten ihm nach seiner Verhaftung "Mehrere Bergleute"
in der Bergarbeiterzeitung am 1. April 1893 aus: "Die Gebrüder Müller
konnten bis dato nie einer ehrlosen Handlung beschuldigt werden, vielmehr
sind dieselben stets für die Interessen der Arbeiter eingetreten,
umsomehr ist es unsere Aufgabe, an dem Worte
festzuhalten: 'Einer
für Alle und Alle für einen!' Es werden sich Kameraden auf den
verschiedenen Zechen finden, welche einen Beitrag in Empfang nehmen und
der Mutter der Inhaftierten übermitteln werden."
Bis
auf Leonhard Bach, den schließlich die Ereignisse dieser Zeit in den
Wahnsinn trieben, wurden diese ersten Anarchisten im Ruhrgebiet von vielen
Arbeitern akzeptiert und hatten Einflüsse auf die lokalen SPD-und
Gewerkschaftsorganisationen.
Doch für fast alle
späteren anarchistischen Bewegungen bleibt diese Frühphase des deutschen
Anarchismus ein dunkles Kapitel, ein scheinbar unauslöschbarer Makel.
Denn entgegen den ab der Jahrhundertwende eher pazifistisch gesinnten
anarchistischen Bewegungen waren die frühen Anarchisten Vertreter der
"Propaganda der Tat". Rudolf Rocker urteilte später in seiner
1921 erschienenen Schrift "Anarchismus und Organisation" über
diese Zeit: "Neunundneunzig Prozent der damaligen Anarchisten in
Deutschland hatten von der ursprünglichen anarchistischen Bewegung und
ihren Bestrebungen überhaupt keine Ahnung. Durch die Vermittlung der im
Auslande erschienenen anarchistischen Blätter und Broschürenliteratur
waren sie oberflächlich bekannt geworden mit einer bestimmten Phase der
Bewegung, aber die Verhältnisse, die zu dieser neuen Form der Bewegung
geführt hatten, waren ihnen vollständig unbekannt. Die damaligen
Anarchisten wären "junge Enthusiasten", die den
Anarchismus mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstande erfaßt hätten. "
... Auch darf nicht verschwiegen werden, daß auf uns junge Kerle die
grobkörnigen Worte Mosts damals einen größeren Eindruck gemacht haben
als die sachlichen Abhandlungen Kropotkins. Psychologisch ist das leicht
zu verstehen. In einem Lande, in dem jedes freie und offene Wort verpönt
war, mußten selbstverständlich die radikalsten Ausdrücke die größte
Wirkung auslösen, mochte auch sonst nicht viel Tiefes
dahinterstecken."
Der
anarchistische Historiker Max Nettlau urteilte in seinem 1931 erschienenen
Werk zur "Geschichte der Anarchie" über diese Zeit: "Grade
diese ersten Anfänge wurden durch die systematischen Verfolgungen
niedergetreten und dies forderte die Rache heraus und so erschöpfte man
sich in Racheakten und kam nicht dazu für die Ideen selbst eine geistige
Grundlage zu legen. Es war eine Tragödie, eine Sysiphusarbeit, ein
Bannkreis, den man nicht verlassen konnte, das Erbe der autoritären
Vergangenheit, der man nicht entwachsen war, auch wenn man den Namen
Anarchisten noch so gern und stolz akzeptierte.... Die ungeheure
Opferwilligkeit so vieler hatte durch ihre Einseitigkeit die denkbar
kleinsten Resultat gebracht."
Johann
Most schrieb über die von ihm so verherrlichte "Propaganda der
Tat" bereits
im September 1892 in
der Freiheit: "Wer die Gesamtbilanz betreffs des Nutzens und
Schadens dieser Art der Agitation ziehen könnte, dem würde ein
moralisches und faktisches Defizit in das Antlitz starren, daß ihm Hören
und Sehen vergehen machte."
Obwohl
im gesamten Ruhrgebiet in dieser Zeit nicht ein Attentat von Anarchisten
verübt worden war, wurde nun der Anarchismus diffamiert - jeder Anarchist
war eine Bombenleger, nichts weiter. Am Ende blieben der Bewegung nur ein
Haufen Märtyrer und viel zerschlagenes Porzellan. Bis zum Ende des 1.
Weltkrieges sollte der anarchistischen Bewegung eher ein Schattendasein in
der Arbeiterbewegung beschieden sein. Anfang 1914 gehörten in Mülheim
der anarchistisch beeinflußten syndikalistischen "Freien
Vereinigung" 60 Personen an, vor allem Bergarbeiter und Bauarbeiter.
Doch nach der sogenannten Novemberrevolution 1918 sollten die
anarchistischen Organisationen einen unerwarteten Aufschwung nehmen.
Theodor Schuster besuchte im Auftrag der Freien Vereinigung der
Metallarbeiter Mülheim und schilderte seine Eindrücke in der ersten
Ausgabe des "Syndikalist" am 14.12.1918: "Was ich in
diesen acht Tagen sah, das wird mir unvergesslich sein. Nichts mehr von
resignierten Gesichtern, leuchtenden Auges wurde von den Versammelten
berichtet, wie die Umwälzung vor sich gegangen. Überall hatten sich
syndikalistische Organisationen gebildet. Der Same, der vor Jahren
ausgestreut und anscheinend auf unfruchtbaren Boden gefallen waren, war
aufgegangen. In Mülheim an der Ruhr leisten unsere Gesinnungsgenossen im
Arbeiter- und Soldatenrat praktische Arbeit. Bei der Ausschußwahl auf der
Friederich-Wilhelm Hütte wählten die Arbeiter in der Mehrzahl für
unsere Genossen...."
Bis
Ende 1919 organisierten sich 5000 Metallarbeiter in der "Freien
Vereinigung" die sich nun "Freie Arbeiter-Union Deutschlands
(Anarcho-Syndikalisten)", kurz FAUD, nannte. Die Mülheimer
Lederarbeiter gehörten fast vollständig der FAUD an; Bauarbeiter,
Bergarbeiter und auch die Verkehrsarbeiter traten in hoher Zahl der
anarchistischen Gewerkschaft bei. Die Mülheimer Polizeiverwaltung meldete
am 30. April 1921 der Meldestelle der Regierung Düsseldorf: "Die
Freie Arbeiter-Union (Syndikalisten) zählt in hiesigem Bezirk etwa 8000
Mitglieder." Auch andere anarchistische Gruppierungen erhielten
regen Zulauf. Der "Anarchistische Freibund" hatte hier mehrere
hundert Mitglieder, anarchistische Jugend- und Frauengruppen bildeten sich
und Kulturorganisationen wie die "Freien Sänger", die relativ
eng mit der FAUD zusammenarbeiteten, gewannen an Einfluß.
Die
anarchistische Bewegung war nun fast über nacht aus ihrem
Debattierzirkel-Dasein zu einer Massenbewegung angewachsen. Doch nicht
jeder, der in dieser Zeit radikal auftrat und ein Mitgliedsbuch der FAUD
bei sich führte, war auch ein Anarchist. Die Bewegung war ja nicht
kontinuierlich gewachsen. Als die mit der FAUD verbundenen Hoffnungen auf
eine baldige
revolutionäre Umwälzung
enttäuscht wurden, verließ ein Großteil der Mitglieder die FAUD und zog
sich resigniert aus dem politischen Leben zurück. In einem Schreiben der
Polizeiverwaltung an den Regierungspräsidenten in Düsseldorf am 2.
September 1924 heißt es: "Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands
(Anarcho-Syndikalisten), welche in den Jahren 1920 bis 1922 eine der stärksten
und größten gewerkschaftlichen Organisationen im hiesigen Bezirk war
..., ist in den letzten beiden Jahren stark zurückgegangen und zählt nur
noch einige 100 Mitglieder." Die Mitgliederversammlungen wurden
nur noch äußerst schwach besucht. Eine öffentliche Veranstaltung im
August 1924 unter dem Thema "Nie wieder Krieg" brachte es nur
auf 100 bis 120 Teilnehmer. 1931 gehörten der FAUD in Mülheim nur noch
32 Bauarbeiter und 102 Metallarbeiter an.
Die
Anarchisten hatten sich während der Dauer des gesamten Kaiserreichs nicht
von ihrer Niederlage nach dem Sozialistengesetz erholen können. Das kurze
'Gastspiel' der Anarcho-Syndikalisten Anfang der Weimarer Republik konnte
die über 30 Jahre gefestigte Vorherrschaft der autoritär-marxistischen
Parteien nicht brechen.
Aus:
Schwarzer Faden Nr. 34 (1/1990)
Publizierte
Quellen:
Sepp
Oerter, Acht Jahre Zuchthaus. Lebenserinnerungen von Sepp Oerter, Berlin,
1908 Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten,
Frankfurt a.M., 1974
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