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Jörg
Auberg - Auf den Spuren eines vergessenen Unversöhnlichen.
Eine Portraitskizze
von Carlo
Tresca
Anarchism
goes to Academia. Häufiger
als je zuvor steigen Studenten, Doktoranden und längst im
Wissenschaftsbetrieb etablierte Akademiker in die Katakomben
anarchistischer Geschichte hinab, tauchen in ein "Vakuum der
Exterritorialität" (Siegfried Krakauer), wo der historische
Gegenstand sie von der Verantwortung der eigenen Existenz befreit, um nach
ausgiebiger Leichenfledderei - "im Dienste der Wissenschaft"
selbstverständlich - schließlich wieder in die akademischen
Paradetruppen sich einzureihen. Nur selten sind sie bestrebt, "in den
heute stattfindenden Auseinandersetzungen konstruktive freiheitliche
Perspektiven aufzuzeigen", wie Horst Blume einmal schrieb. Aber trotz
allem haben sie, wenn ihre Darstellungen über die Faksimiles der
University Microfilms International hinauskommen, am Anarchismus
interessierten Menschen eine gewaltige Menge an Wissen und Material zugänglich
gemacht, ob dies nun ihre Absicht war oder nicht. Allerdings ist die
akademische Arbeit auch von Moden (oder karrieristischen Kalkülen) geprägt:
Manches wird in den verschiedensten Variationen untersucht; anderes findet
kaum Beachtung. Folgt der wissenschaftlichen Erforschung eine
Popularisierung, geht damit zuweilen ein "romantischer Kult"
einher, wie Georg Woodcock kritisch bemerkt. Wenige historische Gestalten,
aus der Obskurität geborgen, werden in die radikale Genealogie
aufgenommen, als die "wahren Revolutionäre" idealisiert, welche
zur Identifikation einladen. Exemplarisch hierfür ist Emma Goldman.
Leistete Richard Drinnon mit seiner Biografie Rebel in Paradise (1961)
noch aufklärerische Pionierarbeit, so ist Goldman heute längst
Bestandteil einer "Anarcho-Industrie" und Paperback-Kultur,
inzwischen mit sechs oder mehr biographischen und literarischen Studien
bedacht. Einmal aus der Vergessenheit gezerrt und zum "Star"
verschiedener Zirkel aufgestiegen, wird sie tranchiert und Stück um Stück
vermarktet. "E.G.'s Gesicht ziert T-Shirts", schreibt Alix Kates
Shulman", ihr Name prankt auf Postern, ihre Äußerungen werden auf
Transparenten wiederholt. Es gibt eine Emma Goldman-Frauenklinik in Iowa
City, eine Emma-Goldman-Brigade in Chicago, eine Emmatruppe in New York;
über E.G.'s Leben wurden Drehbücher geschrieben und Theaterstücke
produziert in Städten von Indianapolis über Denver bis hin zu Hollywood.
Feministinnen von so weit her wie Japan und Schweden sind zu mir gekommen,
nach Material über Emma suchend. E.G. ist unzweifelhaft eine der
Heldinnen der Frauenbewegung, als eine militante feministische Vorfahrin
im Schrein verwahrt." ("Dancing in the Revolution: Emma
Goldman's Feminism", Socialist Review, Nr.61, März-April 1982) Nicht
nur der Frauenbewegung, ließe sich hinzufügen.
Solch
ein Personenkult geht immer auf Kosten anderer. Die übergroße Projektion
Emma Goldmans aus ihrer in die heutige Zeit verstellt den Blick auf eine
großflächig verschüttete radikale Geschichte. Obgleich Goldman
zweifelsohne eine herausragende Bedeutung im US-amerikanischen Anarchismus
zukommt, ist sie doch lediglich eine Vertreterin einer überaus aktiven
Generation von Radikalen, welche ohne taktische oder machtpolitische Manöver
das bestehende System gemäß ihren libertären Idealen revolutionär verändern
wollte.
Zu dieser Generation
gehörte auch Carlo Tresca, ein italo-amerikanischer Anarchist, der Zeit
seines Lebens mit einem breitkrempigen Hut und einem flatternden Schlips
durch die Geschichte trottete und die Phantasie sowohl liberaler
Intellektueller als auch radikaler Aktivisten erregte. Für Suzanne La
Follette war er ein "am eindrucksvollsten aussehender Mann" mit
"den freundlichsten blauen Augen hinter seiner Brille", und Max
Eastman, bis Anfang der vierziger Jahre ein Anhänger Trotzkis und später
ein reaktionärer Antikommunist, sah in ihm den legitimen Nachfolger
Eugene Debs', den geschätztesten und respektiertesten Menschen in der
antitotalitären Linken.
I
America
- Are you being
sinister or is this some form of practical joke?
1879
in der mittelitalienischen Stadt Sulmona geboren, wuchs Carlo Tresca als
sechstes Kind in einer Grundbesitzerfamilie auf, deren Wohlstand freilich
im Schwinden war. Rebläuse hatten die einst profitablen Weinberge
ruiniert, und die Trescas mußten mehr und mehr Land verkaufen, um die
Schulden begleichen zu können. Gerade als er die Schule hinter sich
gebracht hatte und einem trostlosen Angestelltendasein entgegenblickte,
erlebte Sulmona einen Zustrom militanter Sozialisten, welche aufgrund
ihrer "unruhestiftenden" Aktivitäten in der
Eisenbahnergewerkschaft in diesen Landstrich verbannt worden waren.
Sogleich organisierten sie einen politischen Club, zu dem auch der junge
Tresca stieß. Nach nicht allzu langer Zeit wurde er zum Club-Sekretär
gewählt und gründete mit Il Germe seine erste Zeitung. Nachdem er einen
Hauptmann der Carabinieri "beleidigt" hatte, verbrachte er zwei
Monate im Gefängnis,
und als er nach einer neuerlichen Verurteilung anderthalb Jahre Knast vor
sich hatte, faßte er den Entschluß, sich auf den Weg zu seinem Bruder zu
machen, der in New York als Arzt sich niedergelassen hatte.
In
Genf Zwischenstation machend, traf er auf einen sozialistischen
Lokalmatador, einen verbalradikalen Prahlhans und Schaumschläger namens
Benito Mussolini, der das Exil der Einberufung zum Militär vorgezogen
hatte. Nach langen nächtlichen Diskussionen verabschiedeten sie sich auf
dem Bahnsteig, und der superrevolutionäre Maulheld meinte: "Nun,
Genosse Tresca, ich hoffe, Amerika wird aus dir einen wirklichen
Revolutionär machen", worauf Tresca erwiderte: "Ich hoffe,
Genosse Mussolini, du wirst das Posieren aufgeben und zu kämpfen
lernen."
Als
er 1904 in New York ankam, erwartete ihn das Elend des Lebens im Exil, wo
bereits in den Einwanderungsbaracken die Hoffnung der Immigranten
"unter der Berührung grober Beamter" zerfloß, wie Bartholomeo
Vanzetti schrieb. Amerika war keine wunderbare neue Welt, sondern
lediglich eine schäbige Reproduktion der europäischen
Klassengesellschaften. Tresca unternahm keine Anstrengungen, sich zu
assimilieren; er blieb ein Italiener unter Italienern und ein Außenseiter
unter Amerikanern. "Er spricht nicht Englisch mit einem italienischen
Akzent", schrieb Max Eastman 1934, "er spricht Italienisch mit
englischen Wörtern". In Philadelphia gab er die Wochenzeitung Il
Proletario der Italian Socialist Federation heraus und wühlte sich als
radikaler "muckraker" durch die kapitalistische Schlammgrube. Ständig
die unmenschlichen Existenzbedingungen in den "italienischen
Kolonien" in seiner Zeitung anklagend, arbeitete er in einem Bergwerk
in Pennsylvania, bei Gleislegern in New Jersey, wo "rückkehrwillige
Immigranten" (wie man sie im heutigen herrschenden Jargon nennen würde)
im Schlaf erdrosselt und ihrer Ersparnisse beraubt wurden, nahm Bordelle
in Augenschein, in denen italienische Immigrantenmädchen zur Prostitution
gezwungen wurden. Es dauerte nicht allzu lange, und Tresca bekam wegen
"Verleumdung" einen Platz in Uncle Sams Staatspensionat
zugewiesen. Noch ehe der den Weg dorthin antrat, wandte er sich von der
Italian Socialist Federation ab, deren Ideologie ihm zu rigide erschien.
Von nun an betrachtete er sich als Anarchosyndikalisten.
Von
Philadelphia zog er nach Pittsburgh, um den vielen italienischen Arbeitern
näher zu sein, welche in den Bergwerken und Stahlfabriken sich verdingen
mußten, und gab dort von 1906 bis 1909 die Wochenzeitung La Plebe heraus.
Er schrieb gegen die bedrückenden Verhältnisse an, agitierte und
organisierte Streiks in den grauen, trostlosen Arbeitersiedlungen der
Bergwerksregionen in Pennsylvania, Ohio und West Virginia. Bei den
Arbeiterfamilien war er ein gern gesehener
und geschätzter
Gast, mit dem sie ihre wenigen Annehmlichkeiten teilten. "Er war ein
netter Kerl, und er war für den Arbeiter", erinnert sich John Chessa.
"Selbst die Amerikaner mochten ihn, weil er ein ehrlicher Mann
war."
Doch
Tresca beschränkte sich nicht allein auf das Organisieren italienischer
Immigranten. Eine zweite Leidenschaft von ihm war das Attackieren des
heuchlerischen Klerus, was ihn zuweilen hinter Gitter brachte. Manche
Katholiken nahmen ihm seine Verhöhnungen derart übel, daß sie meinten,
"Gottes Strafe" ausführen zu müssen. Als Tresca am Vorabend
einer seiner Inhaftierungen eine Rede hielt, tauchte plötzlich hinter ihm
ein Schatten auf, welcher ihm die Kehle aufzuschlitzen gedachte, jedoch
mit einem tiefen Schnitt von den Lippen hinab zum Kinn sich begnügen mußte.
Mit Glück und Geistesgegenwart dem Tod entkommen, war Tresca durch eine
entstellende Narbe gezeichnet, so daß er von nun an einen Bart trug. Der
Möchtegern-Attentäter wurde vom Gericht zwar freigesprochen, jedoch zwei
Monate später von italienischen Bergarbeitern getötet.
II
America
- I feel
sentimental about the Wobblies
Nach
seiner Entlassung eilte Tresca nach Lawrence (Massachusetts), wo die IWW
einen ihrer großen Streiks organisiert hatte. Um die Streikenden ihrer
Speerspitze zu berauben, hatte die Staatsgewalt zwei populäre Wobblies,
Joe Ettor und den anarchistischen Poeten Arturo Giovannitti, wegen
angeblicher Verstrickung in die Ermordung der Arbeiterin Lo Pezzi
verhaftet und angeklagt. Trotz aller Widrigkeiten konnte die IWW an großer
Popularität gewinnen. Der Auszug der hungernden und von der Polizei verprügelten
Arbeiterkinder zu sympathisierenden Familien in den umliegenden Städten
wie auch die täglichen Berichte über Polizeiausschreitungen ließen eine
landesweite Sympathie aufkommen, so daß das Unternehmen letzten Endes auf
die Forderungen der Streikenden eingehen mußte.
Allerdings
hielt diese günstige Stimmung nicht allzu lange an. Als der Prozeß gegen
Ettor und Giovannitti nach fünf Monaten eröffnet wurde, organisierte die
IWW eine Parade zu deren Unterstützung, die jedoch nur unter Auflagen
genehmigt wurde: Es mußte der Sternenbanner getragen, auf rote Fahnen und
Musikkapellen verzichtet werden, und die Parade sollte ohne jegliche Störung
ablaufen. Im Laufe des Vormittags trafen mehrere tausend Italiener aus der
Umgebung ein, brachten eine Kapelle, fünfzig rote Fahnen und ein großes
Transparent mit der Aufschrift "Kein Gott, kein Herr" mit sich.
Sie liefen unbehelligt durch die Straßen, bis eine Polizistenmeute
Carlo Tresca, der die
Parade anführte und Hauptredner des Tages sein sollte, zu verhaften
suchte. Im anschließenden Aufruhr konnte Tresca entkommen, und zwei
Polizisten wurden niedergestochen. "Das Ereignis wurde von der Presse
im ganzen Land zur Mammutoffensive gegen die Wobblies aufgegriffen",
schreibt der marxistische Historiker Philip S. Foner. "In Lawrence
gab es den Widersachern der IWW den Vorwand, nach dem sie gesucht
hatten." Es wurde die stereotype Kampagne abgespult, die IWW sei eine
"atheistische", "anarchistische" Organisation.
Lawrence
zog Tresca nicht nur aus der Obskurität der Minencamps in Pennsylvania;
hier entsponn sich auch eine für ihn außerordentlich lange
Liebesbeziehung mit Elizabeth Gurley Flynn, der "Jeanne d'Arc der
East Side", wie der Romancier Theodore Dreiser sie einmal nannte.
Allerdings war dieses Verhältnis nie frei von Komplikationen, denn Tresca
war für seinen hohen "Verbrauch" an Geliebten bekannt.
"Ich mag eine Frau, und dann vergeht die Zeit, und ich mag eine
andere", erzählte er Max Eastman. "Ich mache viele gute
Freundschaften mit Frauen, weil ich immer sehr freimütig sage: 'Vertrau
mir nicht. Mein Charakter ist sehr emotional. Ich habe jetzt eine große
und wirkliche Leidenschaft, aber wenn die fort ist, bin ich auch
fort!'" Mit Gurley blieb er jedoch dreizehn Jahre zusammen, und häufig
litt sie unter seinen Absprüngen. Als Tresca mit der Flynn-Familie in der
New Yorker Bronx lebte und Gurley auf einer Organisationstour durchs Land
reiste, hatte er mit ihrer jüngsten Schwester Bina eine Liebesaffaire und
einen Sohn, was unweigerlich zu Tumulten führte.
Während
sich Tresca jegliche Freiheit zugestand, verlangte er von Gurley, so viel
Zeit wie nur irgend möglich ihm zu widmen und ihr politisches Engagement
ihm zuliebe etwas zurückzustellen. Als er einmal aus dem Gefängnis kam,
war er schockiert, daß Gurley ihn "verließ", um
Verteidigungsarbeit für andere Inhaftierte zu leisten. "Aber du bist
jetzt draußen", protestierte sie, "und all diese Männer sind
im Knast". Tresca war so verärgert, daß er ihr sechs Wochen lang
nicht schrieb. Aber trotz allem blieben die beiden bis 1925 zusammen, häufig
im Streit über persönliche und politische Angelegenheiten liegend. Während
Gurley mehr und mehr leninistischen Vorstellungen sich näherte, beharrte
Tresca auf seinem anarchosyndikalistischen Standpunkt, und hätten sie
nicht gemeinsam in der Solidaritätskampagne für Sacco & Vanzetti
gearbeitet, wäre die Trennung sicherlich eher erfolgt.
III
America
- I've given
you all and now I'm nothing
Der
kalte New Yorker Winter von 1913-14
traf die Armee der
Arbeitslosen, die nichts zu essen hatten und keinen Unterschlupf finden
konnten, besonders hart. Durchfroren und ausgehungert hingen sie auf der
Bowery herum, stundenlang wartend, daß ihnen irgendwelche
Hilfsorganisationen ein Stück Brot oder eine Tasse heißen Kaffees
zukommen ließen. Aber die Herrschaften, die mit vollgeschlagenen Bäuchen
an den Tischen feiner Restaurants vor sich her rülpsten, speisten sie mit
hohlen Phrasen ab. Tresca hatte in Harlem ein kleines Büro, wo er seine
Zeitung L' Avvenire redigierte, und dies war der Treffpunkt junger Leute,
die durch die IWW radikalisiert worden waren. Unter ihnen befand sich ein
aufgeweckter, rastloser Jude namens Frank Tannenbaum, der nach fruchtlosen
Appellen an die Stadtverwaltung "Invasionen" in die Kirchen
organisierte, wo die Ausgestoßenen Obdach und Essen verlangten. Manche
Kirchenherren duldeten die "Eindringlinge", andere ließen sie
hinauswerfen. Die New Yorker Presse - ob nun liberal, konservativ oder
reaktionär - entpuppte sich wieder einmal als großes Maul des Großkapitals
und forderte ob dieser ungeheuerlichen Verletzung der heiligen
Dreifaltigkeit von Eigentum, Gesetz und Ordnung die unverzügliche
Vertreibung der Ruhestörer. Um dem Gesetz die nötige Achtung zu
verschaffen, könnten ruhig die Köpfe der "Vagabunden" und
"Spitzbuben" zertrümmert werden, und dies geschah dann auch.
Ermutigt durch die Geiferer in den Redaktionsstuben schlugen Horden
uniformierter Staatschergen bei der Räumung einer Kirche auf jeden Kopf
ein, der ihnen unter die Ordnungsknüppel kam. Blut spritzte an die Wände,
und in den angrenzenden Straßen blieben vor Schmerzen stöhnende Menschen
liegen, bis die Ambulanz sich bequemte, sie abzutransportieren. In den
folgenden Tagen veranstalteten Sondereinsatzkommandos regelrechte
Hetzjagden auf alle, die wie "Vagabunden" aussahen. Wie oft nach
solchen Polizeiausschreitungen, wenn die Grenze der akzeptierten
staatlichen Brutalität überschritten ist und unansehnlich blutüberströmte
Schädel ins Blickfeld rücken, regte sich das liberale Gewissen und das
gute Herz. Dem verhafteten Tannenbaum wurde Kaution angeboten und ein
Anwalt besorgt; viele Kirchen öffneten "im Namen des Herrn" den
Arbeitslosen ihre Pforten; Suppenküchen wurden eingerichtet. Aber damit
hatte sich das Problem nicht erledigt. Tresca stimulierte die Arbeitslosen
zum weiteren Kampf mit einem einfachen Argument. In organisierten
Gesellschaften sei der Mensch ein zahmes Tier geworden sagte er. Selbst
den Drang zum Leben habe er verloren; dieser natürliche Instinkt sei
unterdrückt worden. "Wenn die Arbeitslosen - und es gibt Millionen
von ihnen - anstatt zivilisierte Arbeiter-Wölfe, hungrige Wölfe wären,
würden sie ganz anders Handeln. Anstatt an Straßenecken zu betteln oder
auf Barmherzigkeit an den Türen der Reichen oder vor den zu wenigen
Hilfseinrichtungen zu warten,
würden sie
geradewegs zu den Orten gehen, wo Kleidung und Lebensmittel gelagert wären,
sie sich nehmen, und dann würden die 'Besitzenden' ganz anders über die
'Habenichtse' denken." Die Wobblies organisierten Geld- und
Kleidersammlungen, beschafften Unterkünfte und Lebensmittel und gaben den
von der Gesellschaft Entwürdigten ihre menschliche Würde zurück. Become
a Wobbly and then we'll probably free ourselves from slavery, wie es in
einem IWW-Song heißt. "Ein
kleines Beispiel dafür, was klassenbewußte Arbeiter für sich selbst tun
können", meinte Tresca. "Nicht viel, aber ein Anfang. Der Tag
wird kommen, an dem sie viel mehr tun werden."
In
der Folgezeit kappte Tresca jedoch seine Verbindung mit der IWW. Die
Trennung resultierte aus Ereignissen während des Streiks in Mesabi Range
(Minnesota) im Jahre 1916. Um fünf Organisatoren aus dem Gefängnis zu
bekommen, überredeten Gurley, Tresca und Ettor drei Bergarbeiter, die
Schuld für den Mord an einem Deputy Sheriff auf sich zu nehmen. In einem
Deal mit der Staatsanwaltschaft wurden sie zwar zu zwanzig Jahren Haft
verurteilt, kamen jedoch nach drei Jahren wieder frei. Dieses Vorgehen
stieß beim General Executive Board (GEB) der IWW allerdings auf scharfe
Kritik. Kurze Zeit später machten sie sich noch unbeliebter, als sie während
der Prozesse gegen die Wobblies von der Verteidigungslinie des GEB
abwichen. Big Bill Haywood befürwortete eine Strategie des
Massenprozesses, in dem sich alle angeklagten Wobblies gemeinsam der
Justiz stellen sollten. In seinen Augen (oder in seinem Auge, denn er
hatte ja nur noch eins) war der ganze Fall dermaßen konstruiert, daß ein
Freispruch, wie er ihn erwartete, einen ungeheuren propagandistischen
Erfolg nach sich ziehen würde. Gurley Flynn dagegen war der Überzeugung,
man müsse jede gesetzliche Möglichkeit ausschöpfen, um die gefährliche
Zeit der nationalen Hysterie zu überbrücken, und der Lauf der Dinge
sollte ihr recht geben: Gurley, Tresca, Giovannitti und Ettor erreichten
durch diese Taktik, daß die Anklagen gegen sie fallengelassen wurden, während
jene, die Haywoods Weg folgten, zu Haftstrafen bis zu 20 Jahren und
Geldstrafen bis zu 20000 Dollar verurteilt wurden.
Auch
wenn Tresca mit der IWW brach, wurde er doch kein politischer Renegat. Wie
viele Wobblies widersetzte auch er sich der imperialistischen Politik, was
zur Folge hatte, daß L'Avvenire 1917 vom Postvertrieb ausgeschlossen
wurde und er unter ständiger Polizeiüberwachung stand.
IV
America
- I refuse to
give up my obsession
Carlo
Tresca ist nicht als typischer Vertreter des italo-amerikanischen
Anarchismus zu betrachten, denn dieser formierte nie einen monolithischen
Block mit einem einzig anerkannten "Führer". Wie so oft in der
Geschichte anarchistischer Bewegungen waren sich die verschiedenen Flügel
nicht unbedingt freundschaftlich gesonnen. Dem Anarchosyndikalisten Tresca
stand als Rivale der Anarchokommunist Luigi Galleani gegenüber, der mit
seiner Strömung, bekannt als anti-organizzatori, eine starke Aversion
gegen alle Formen politischer Organisation hegte, da er darin die
Erstickung individueller Freiheit sah. Stattdessen befürwortete er die
Taten revolutionärer Individualisten. In seiner Zeitung Cronaca
Sovversiva feierte Galleani, wie Tresca ein brillanter Propagandist und
Polemiker, sowohl Leon Czolgosz, den Attentäter des US-Präsidenten
McKinley, als auch Gaetano Bresci, der nach Italien zurückgekehrt war, um
König Umberto zu töten. Galleani billigte auch die Expropriation,
solange die Einnahmen solcher Aktionen der anarchistischen Bewegung
zugutekamen. Aus Sympathie für diese Form der sozialen Rebellion veröffentlichte
er in seiner Zeitung zwischen 1916 und 1917 die Memoiren des französischen
Expropriateurs Clement Duval, doch fand die Expropriation unter
italo-amerikanischen Anarchisten kaum Anklang. Der einzige espropriatore
war offenbar Cesare Stami, ein individualistischer Anarchist (jedoch kein
Galleanista), der die Untergrundzeitung La Rivolta degli Angeli herausgab
und im Mai 1924 während einer Enteignungsaktion in einem Feuergefecht mit
der Polizei erschossen wurde.
Die
ideologischen Differenzen bezüglich des Syndikalismus führten 1915 zu
scharfen Polemiken zwischen Tresca und Galleani, welche die Kluft zwischen
den beiden Flügeln noch vertieften. Auch wenn Tresca Galleani nicht zu
seinen Freunden zählte, zollte er doch dem älteren Anarchisten stets
Respekt. Galleani dagegen vermochte nie über persönliche und politische
Streitigkeiten hinausblicken und betrachtete seinen Rivalen mit Mißbilligung
und Herablassung. Während des Krieges wurde die Cronaca Sovversiva
aufgrund ihrer Aufrufe zur Kriegsdienstverweigerung verboten, und im Mai
1919 wurde Galleani deportiert. Bald danach explodierten Bomben in acht Städten,
und Carlo Valdinucci wurde in der Luft zerfetzt, als er dem
Generalstaatsanwalt Palmer eine Bombe ins Haus legen wollte.
In
den Jahren nach dem Krieg nahmen die Streitigkeiten zwischen den beiden Flügeln
an Heftigkeit noch zu. Tresca, der die seit 1917 erscheinende vierseitige,
großformatige Wochenzeitung Il Martello redigierte, trat für ein breites
Bündnis radikaler Antifaschisten ein. Die um die Zeitung L'Adunata dei
refrattari geschalten Galleanisti lehnten dagegen jegliche Zusammenarbeit
mit Sozialisten, Kommunisten und anderen Marxisten strikt ab. Sie
attackierten nicht allein diese Gruppierungen, sondern setzten auch eine
Kampagne in Gang, welche Trescas Ansehen in der Bewegung nachhaltig schädigen
sollte. Diese Angriffe, welche 1925 begannen und 1938 ihren Höhepunkt
erreichten, bewirkten bei Tresca Enttäuschung und Verbitterung über die
Anarchisten, welche doch eigentlich seine Genossen hätten sein sollen,
nun aber nur Verachtung für sein langes Engagement für die Sache der
Arbeiterklasse zeigten.
V
America - Sacco&Vanzetti
must not die
Am
15. April 1920 wollten in South Braintree (Massachusetts) ein Kassierer
und ein Wächter Lohngelder im Werte von 16000 Dollar vom Büro zu ihrer
Fabrik bringen, als ihnen zwei Männer auflauerten und sie erschossen. Das
Geld an sich nehmend, sprangen sie in einen Wagen und rasten davon.
Drei
Wochen später wurden Nicola Sacco und Bartholomeo Vanzetti verhaftet, als
sie ihren anarchistischen Freund Mike Boda, welcher der Verstrickung in
das Verbrechen verdächtigt wurde, begleiteten, um dessen Wagen aus einer
Reparaturwerkstatt abzuholen. Zu dieser Zeit hatte Tresca, der innerhalb
der italienischen radikalen Bewegung über die besten Verbindungen zu Anwälten,
Politikern und anderen einflußreichen Amerikanern verfügte, zusammen mit
seinen Genossen der Martello-Gruppe das Comitato Italiano Pro-Vittime
Politiche ins Leben gerufen, um den Opfern der Radikalenhatz zu helfen. Es
war dieses Komitee, zu dem im April 1920 Vanzetti von den Bostoner
Anarchisten geschickt worden war, um etwas über den Verbleib der beiden
Genossen Andrea Salsado und Roberto Elio in Erfahrung zu bringen. Zwei
Komiteemitglieder warnten Vanzetti vor neuerlichen Überfällen auf
Radikale und drängten ihn, inkriminierendes Material wie Pamphlete und
andere anarchistische Literatur zu verstecken. Damit waren Sacco, Vanzetti
und ihre Freunde wohl am Abend ihrer Verhaftung beschäftigt, nachdem
Salsado in der Nacht zum 3. Mai 1920 aus dem Fenster des Polizeigefängnisses
"gefallen" war. Tresca setzte sich unmittelbar mit seiner
Zeitung und seinem Prestige für die beiden Angeklagten ein, um Geld und
öffentliche Unterstützung zu erhalten. Zusammen mit Gurley Flynn gewann
er den erfahrenen Wobbly-Anwalt Fred Moore für den Prozeß, der bald
schon ein cause celebre werden sollte.
Obwohl
Tresca in all der Zeit zwischen dem Prozeß und der Hinrichtung der beiden
Anarchisten seine Talente als engagierter Journalist, öffentlicher
Redner, glühender Agitator und unermüdlicher Geldsammler für das
Verteidigungskomitee einsetzte, war es doch nie eine Vollzeitbeschäftigung
für ihn. Ein Grund hierfür mag sein, daß er und der Sekretär des
Komitees, Emilio Coda, einander haßten. Da seine direkte Teilnahme an den
Aktivitäten des Komitees von Coda und wahrscheinlich anderen Galleanisti
unterbunden wurde, beschränkte sich Tresca auf die Öffentlichkeitsarbeit.
Nachdem alle rechtlichen Möglichkeiten erschöpft waren und die Exekution
bevorstand, startete er eine Kampagne zur Organisierung eines landesweiten
Generalstreiks, um dies zu verhindern. Doch all dies nutzte nichts. Am 23.
August 1927 wurden Sacco & Vanzetti ermordet.
Obwohl
Tresca nicht zum engeren Kreis des Komitees gehörte, wird er von
revisionistischen Historikern als Kronzeuge für die Schuld zumindest
eines Anarchisten herangezogen, als der "eine Mann in Amerika, zu dem
man gehen würde, um Informationen aus erster Hand darüber zu erhalten,
was bei den italienischen Anarchisten vor sich ging", wie es der nach
rechts gewendete Max Eastman ausdrückte. Kurz vor Trescas Tod habe er,
Eastman, Tresca nach der "Wahrheit" über Sacco & Vanzetti
gefragt, worauf dieser erwidert haben soll: "Sacco war schuldig, aber
Vanzetti war es nicht." Auf dieses Statement, das Eastman erst 19
Jahre später in einem Artikel in der reaktionären National Review veröffentlichte,
stürzte sich der Populärhistoriker Francis Russell, der drei Jahrzehnte
lang nach Spuren, Beweisen und Zeugen suchte, um die beiden Anarchisten
des Verbrechens zu "überführen". In den Augen Russells war
Tresca der "Schutzengel oder Großvater" des Sacco &
Vanzetti-Prozesses, der "anerkannte und bewunderte Führer" der
italo-amerikanischen Anarchisten, welcher die "Wahrheit" wissen
müsse. Betrachtet man Eastman als fragwürdige und nicht gerade verläßliche
Gestalt, so ist andererseits zu beachten, daß auch der Sozialistenchef
Norman Thomas, welcher eine durchaus integre Persönlichkeit war, im
privaten Kreis ein solches Statement Trescas gehört haben will. Was ist
also davon zu halten?
Trescas
Tochter, Beatrice Tresca Rapport, ist der Überzeugung, ihr Vater habe in
diesem Fall nur wegen
des theatralischen Effekts so geredet. In der Tat war Tresca ein Mann mit
glühendem Temperament, welcher im Rampenlicht stehen mußte und manchmal
in Effekthascherei sich erging, um dieses Verlangen zu stillen. Aber würde
er nur um eines grellen Effekts wegen Sacco zum Schuldigen erklären? Ein
anderer Grund könnte sein, daß Tresca aufgrund der fortwährenden
Attacken der Galleanisti verbittert war, daß die Angriffe in ihm Zweifel
und Verdächtigungen gegen Sacco, der wahrscheinlich zu den Bostoner
Galleanisti gehörte, nährten, auch wenn diese nur Projektionen waren, für
die es in der Realität keine Grundlage gab. Nach der Meinung Russells fühlte
sich Tresca betrogen, und aus dieser Quelle speise sich sein Drang zu
reden, denn die "Wahrheit" sei zu bitter für ihn gewesen, um
sie für sich zu behalten. Aber warum vertraute er diese
"Wahrheit" Amerikanern und nicht seinen italienischen Freunden,
nicht einmal seiner Tochter an, die in engster Beziehung zu ihrem Vater
stand? Dies sind freilich alles Spekulationen, und Trescas Statement - ist
es denn gemacht worden - sollte keine zentrale Bedeutung zukommen.
Was
bei der ganzen Angelegenheit nachdenklich stimmt, ist die Sorte von
Leuten, welche sich auf dieses Statement stürzen. Unter dem Vorwand, der
"historischen Wahrheit" auf den Grund gehen zu wollen, will
Russell, ein auf Geschichtsdetektiv getrimmter Rambo, gegen das
"Dogma liberaler Intellektueller" von der Unschuld von Sacco
& Vanzetti anstürmen, als Obersturmführer das linke Pantheon am
liebsten dem Erdboden gleichmachen. Seit den fünfziger Jahren ist eine
reaktionäre Polit-Soldateska mit einer Meuchelkampagne beschäftigt,
deren Sinn darin liegt, Sacco & Vanzetti noch einmal vor Gericht zu
stellen, zu verurteilen und hinzurichten. Für den reaktionären
Chefschwadroneuer William F. Buckley jr., den Herausgeber der National
Review (in der die Anti-Sacco & Vanzetti-Kampagne mit besonderer
Penetranz geführt wurde) war der Fall, wie er
1960 schrieb,
"ein menschliches Vehikel, durch das die bestehende Ordnung
angeklagt, unsere Institutionen verdammt, die Sache des proletarischen
Sozialismus dramatisiert, die puritanische Ethik weggekratzt, die Nation
zerrissen und durch die Seiten der Geschichte bluten lassen" werden
solle. Das Ziel der Operation ist klar: Buckleys Historikerkorps wollen
die Autorität und Unfehlbarkeit des Systems wiederherstellen, zementieren
und unangreifbar machen, den radikalen Geist exorzieren, die Legende zerstören,
das Terrain einnehmen und kontrollieren. Indem die ideologischen
Revisionisten Sacco & Vanzetti ihrer angeblichen Tatbeteiligung im
nachhinein "überführen", hoffen sie, den vom Staat ausgeführten
Mord zu rechtfertigen, und wenden sich damit einer Strategie zu, wie sie
schon in ähnlich gelagerten Fällen wie des Wobbly-Barden Joe Hill (1915
ermordet) oder der angeblichen kommunistischen Atomspione Julius &
Ethel Rosenberg (1947 ermordet) angewandt wurde.
VI
America - When
will you be angelic?
Schon
während des I. Weltkriegs begann innerhalb der italo-amerikanischen Welt
ein italienischer Patriotismus sich auszubreiten, welcher das Fundament für
eine starke faschistische Strömung legte, nachdem Mussolini 1922 in Rom
die Macht ergriffen hatte, und selbst einzelne Radikale wurden vom
Faschismus angezogen. Die Karriere von Edmondo Rossoni zeigt auf, wie der
Weg von der radikalen Linken zur extremistischen Rechten verlaufen kann.
In der Vorkriegszeit war Rossoni Redakteur bei der
anarchosyndikalistischen Zeitung Il Proletario in New York und
organisierte die Seeleute in der IWW. Zu dieser Zeit
bewies er noch seinen
Haß auf den Patriotismus, indem er auf die italienische Fahne spuckte.
Als er später nach Italien zurückkehrte, organisierte er in Genua
unterprivilegierte Hafenarbeiter, welche ähnliche Merkmale wie Teile der
IWW-Anhänger in den USA aufwiesen, und führte sie in die Arme des
Faschismus. 1925, inzwischen zu Mussolinis Korporationsminister
aufgestiegen, erklärte er den Arbeitern der Welt, der Faschismus sei der
elementarste Ausdruck der syndikalistisch-nationalistischen Idee.
Es
gehört zu den Absurditäten der Geschichte, daß Mussolini selbst in der
italo-amerikanischen Linken kein Unbekannter war. In seinen frühen Jahren
schrieb er flammende Artikel für Il Proletario und nutzte während des
Streiks in Lawrence seine eigene Zeitschrift Lotta di Classe, um die
US-Mittelklasse, "das brutale Volk des Dollars", in Grund und
Boden zu verdammen und die Republik als kriminelles Operationsgebiet zu
demaskieren, wo die Millionäre Morgan und Rockefeller die
"Verbrechen des Kapitalismus" begingen. Zehn Jahre später
posierte der "sozialistische" Krakeeler freilich als Held der
US-Bourgeoisie und klopfte an die Stahltüren der Schatzkammern des
Morgan-Bankimperiums. Das nennt man dann wohl Realpolitik.
Carlo
Tresca führte von Beginn an einen kompromißlosen Kampf gegen den
Faschismus. Exemplare seines Martello schmuggelte er nach Italien und
organisierte in New York "Guerillaaktionen" gegen die
Schwarzhemden. In der Bronx hatten die Faschisten eine Organisation namens
Fascio Mario Souzini gegründet, welche im Schutz der Kirche agierte und
von der Polizei unbehelligt blieb. Mit Knüppeln bewaffnet zogen sie in
Horden durch die Straßen und verprügelten Antifaschisten, die allein und
unbewaffnet unterwegs waren. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, war es
notwendig, den Faschisten entschlossen entgegenzutreten. "Wir
argumentieren nicht mit den Faschisten", erklärte Tresca. "Wenn
sie sich der Diskussion mit uns stellen wollen, sagen wir, daß wir
diskutieren werden, wenn unsere Brüder in Italien eine freie Presse und
das Recht haben, reden zu halten und auf den Straßen sich zu treffen. Bis
dahin tragen wir unseren Disput mit Waffen aus." Tresca rechnete es
sich als Verdienst an, daß die Faschisten seit 1925 nicht mehr offene
Versammlungen abzuhalten gewagt hätten, und er verbuchte den starken
Polizeischutz bei Besuchen italienischer Regimemitglieder als persönlichen
Sieg im "Bürgerkrieg". Was Tresca zum antifaschistischen Kampf
vor allem beitrug, war eine zähe Integrität, welche auch nicht durch
Bedrohungen seines Lebens erschüttert werden konnte.
Dem
Mussolini-Regime war Trescas Widerstand ein Dorn im Auge, und es versuchte
mit aller Macht, den unliebsamen Anarchisten zum Schweigen zu bringen.
Im Mai 1923 richtete
die italienische Botschaft eine diplomatische Note an das US-Außenministerium,
in der sie sich über die
"berüchtigten
italienischen Arbeiteragitatoren Carlo Tresca, Arturo Giovannitti ... und
andere sozial-kommunistische Elemente in New York" beschwerte, welche
im Auftrag Moskaus die italienische Regierung verleumden würden.
Botschafter Caetani legte den US-Behörden nahe, den "giftsprühenden"
Martello vom Postvertrieb auszuschließen und seinen Herausgeber vor
Gericht zu stellen. Außenminister Hughes konferierte daraufhin mit dem
Postminister, dem Generalstaatsanwalt und dem New Yorker Bezirksanwalt,
und einige Wochen später wurde Tresca tatsächlich angeklagt. Aus einer
zweizeiligen Anzeige für ein Buch über Geburtenkontrolle wollte man ihm
einen Strick drehen und verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis. Doch mußte
er "nur" vier Monate einsitzen, denn die liberale Presse ergriff
Partei für ihn, so daß Präsident Coolidge sich gezwungen sah, Trescas
Entlassung anzuordnen.
Auch
in der Folgezeit blieb Tresca die Zielscheibe heimtückischer
Nachstellungen, nachdem "legale" Manöver auf diplomatischer
Ebene nicht viel gefruchtet hatten, besannen sich die Machthaber in Rom
ihrer kriminellen Energie und heuerten einen Killer an. Tresca kam bald zu
Ohren, daß ihm jemand an den Kragen wollte, und es entspann sich ein
Katz-und-Maus-Spiel. Da Tresca an seinem Leben hing, schlief er aus
Vorsicht jede Nacht in einem anderen Zimmer, doch schließlich tauchte der
Killer bei ihm auf, und es stellte sich heraus, daß die Faschisten eine
schlechte Wahl getroffen hatten. Der Killer sagte, er wolle Tresca nicht töten,
und verlangte stattdessen 4000 Dollar, um das Land verlassen zu können.
Etwas später trafen sie sich in einem italienischen Restaurant im
Greenwich Village, wo der Killer im Beisein einiger Mafiosi Trescas Hand küssen
mußte, und damit war die Angelegenheit aus der Welt geschafft. Auch wenn
bei weitem nicht alle Italo-Amerikaner in New York Trescas politische
Ansichten teilten, hielt dies sie doch nicht davon ab, Tresca eine gewisse
Protektion zu gewähren.
Die
Faschisten ließen sich allerdings dadurch keinesfalls abschrecken und
unternahmen weitere Mordversuche. Als Tresca eines Abends während einer
antifaschistischen Versammlung in East Harlem eine Rede hielt, wurde er plötzlich
von einem donnernden Lärm jäh unterbrochen. Unweit des Versammlungsortes
war eine für ihn bestimmte Bombe frühzeitig in einem Auto explodiert, in
dem drei Männer saßen, von denen zwei später als Angehörige einer
faschistischen Organisation identifiziert wurden. Als man ihm mit weiteren
Morddrohungen das Leben schwermachte, legte er sich 1931 schließlich
einen Revolver zu, doch schoß er sich damit nur in den eigenen Fuß.
Die
antifaschistische Arbeit in den zwanziger und dreißiger Jahren, die
fraktionsübergreifende Bündnisse erforderte, wurde von sektiererischen
Rivalitäten innerhalb der Linken überschattet. Die Anti-Fascist Alliance
of North America (AFA-NA), in den Zwanzigern ins Leben gerufen, war ein
Versuch, die verschiedenen Gruppierungen der Linken in ein Bett zu
bringen, doch schon bald machten Eifersüchteleien und Besserwisserei
gemeinsame Aktionen unmöglich. Die IWW beispielsweise beschuldigte die
AFL-Gewerkschaften, den faschistischen Geist zu nähren, und Ende 1926 zog
sich eine Reihe von Gewerkschaften aus dem Bündnis zurück, weil sie die
Kommunisten verdächtigten, sie würden Tarngruppen aufstellen, um die
Zahl ihrer Delegierten zu erhöhen. In den dreißiger Jahren war die
Zusammenarbeit nicht besser. Zwar hatte der VII. Kongreß der Komintern im
Juli 1935 eine Politik der Volksfront gegen Krieg und Faschismus
gefordert, welche alle progressiven Kräfte sammeln sollte, doch
verfolgten die KP-Kader ein machtpolitisches Kalkül, um die
antifaschistischen Organisationen in ihrem Sinne zu dominieren, was
anderen Linken verständlicherweise nicht gefiel.
VII
America
- When will we
end the human war?
Wie
viele seiner Generation hatte Carlo Tresca die Oktoberrevolution
enthusiastisch gefeiert, doch die Einkerkerung vieler Anarchisten und
anderer Revolutionäre ernüchterte ihn, und er nannte Lenin den
"Totengräber der russischen Revolution". In einer 1928
gehaltenen Rede gab er seiner Überzeugung Ausdruck, nach der alle
revolutionären Bewegungen gegen die Tyrannei im allgemeinen mit der
Machtergreifung neuer Kräfte der Unterdrückung endeten. Seiner Meinung
zufolge würden die italienischen Kommunisten ebenfalls ein repressives
Regime errichten, wenn Mussolini einmal gestürzt sei, und die Anarchisten
würden weiterhin gegen jegliche Autorität, auch jene der italienischen
Kommunisten, agitieren. Nichtsdestotrotz stellte Tresca seine Vorbehalte
gegenüber den stalinistischen Kommunisten angesichts der faschistischen
Bedrohung zunächst zurück.
Mitte
der dreißiger Jahre trat Tresca jedoch in offene Opposition zu den
Stalinisten. 1934 nahm er am Dewey-Komitee teil, das die angeblichen
Verbrechen Trotzkis, wie sie bei den Moskauer Schauprozessen aufgelistet
worden waren, untersuchte und den alten Revolutionär rehabilitierte.
Tresca hatte keine Scheu, für ihn sich einzusetzen, ganz im Gegensatz zu
Emma Goldman und Alexander Berkman, die aufgrund ihrer
Kronstadt-Erfahrungen kein gutes Haar am "Schlächter" ließen.
("Würde ihm recht geschehen, wenn ihn jemand erschösse",
schrieb Berkman 1932.) Trotz vieler Divergenzen in politischen Fragen
blieb Trotzki dem Anarchisten in Dankbarkeit verbunden und sah in ihm
"einen Mann, der jeder Zoll ein Kämpfer" war. "Ihr
sechzigster Geburtstag wird von Ihren Freunden gefeiert", schrieb er
im April 1939 an Tresca, "und ich nehme mir die Freiheit, mich zu
ihnen zu zählen. Ich hoffe, daß ihre moralische Kraft und revolutionäre
Glut für eine lange künftige Zeit erhalten bleiben werden." Die
Kommunisten urteilten weniger freundlich: Sie nannten Tresca einen
Faschisten, einen agent provocateur, einen Freund der Polizei und einen
Feind des Volkes.
Besonders
die Ereignisse in Barcelona im Mai 1937 ließen Tresca einen scharfen
antikommunistischen Kurs einschlagen, und er versuchte die
italo-amerikanische Linke zu überzeugen, daß es moralisch falsch sei,
mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten. Ein grausiges Entsetzen packte
ihn, als er erfahren mußte, daß der POUM-Mitbegründer Andres Nin von
Enea Sormenti alias Vittorio Vidali alias Carlos Contreras alias Major
Carlos, einem der bedeutendsten Auslandsagenten des russischen
Geheimdienstes, ermordet worden war. Ironischerweise waren Tresca und
Sormenti in den zwanziger Jahren Freunde gewesen, hatten zusammen in der
AFANA gearbeitet, und Tresca hatte ihn damals vor der drohenden
Deportation bewahrt.
Als
die Niederlage des Mussolini-Faschismus sich abzeichnete, drängten
KP-Kader an die Spitze der italo-amerikanischen antifaschistischen
Organisationen, um auf diese Weise ihre Aussichten auf entscheidende
Posten in der künftigen Regierung Italiens zu verbessern. Tresca
allerdings wollte ihren Einfluß so gering wie nur irgend möglich halten
und den Eintritt der Stalinisten in den Italian-American Victory Council
und die Mazzini-Gesellschaft, zwei einflußreiche
Antifaschisten-Organisationen in New York, verhindern, soweit dies in
seinen Kräften stand.
VIII
America
- When will you
look at your-self through the grave?
Am
Abend des 11, Januar 1943 verließ Tresca zusammen mit seinem Freund
Guiseppe Callabi, nachdem ein Treffen mit einem Unterkomitee der
Mazzini-Gesellschaft geplatzt war, sein Büro in der Fifth Avenue. Als sie
die dunkle Straße hinuntergingen und an der Ecke auf das Umspringen einer
Ampel warteten, tauchte plötzlich ein dunkler Wagen auf. Ein Mann sprang
heraus und feuerte aus dichter Nähe drei Schüsse auf Tresca ab, welche
ihn in den Kopf und den Rücken trafen. Der Attentäter sprang zurück in
den Wagen, der sogleich davonraste. Tresca ging noch einige Schritte und
fiel schließlich blutüberströmt in den Rinnstein. Diesmal konnte er dem
Tod nicht entkommen.
Der
Mord an Carlo Tresca blieb unaufgeklärt. Zahlreiche Spekulationen machten
in der Stadt den Umlauf, ob er von Faschisten, stalinistischen Agenten
oder der Mafia getötet worden war. Der Schriftsteller John Dos Passos
(der nach seinem Engagement für Sacco & Vanzetti im Orbit der KP
agierte und nach den Ereignissen im spanischen Bürgerkrieg zur Rechten
driftete, um schließlich in den Sechzigern den erzreaktionären Präsidentschaftskandidaten
Barry Goldwater zu unterstützen) vermutete, sein Freund Tresca sei auf
Weisung der "gleichen Bande, die Trotzki in Mexiko tötete",
ermordet worden, obgleich es dafür, wie Dos Passos eingestehen mußte,
keinen Beweis gab. In seinen Augen wurde Tresca als "ein Kämpfer für
die amerikanische Freiheit" niedergeschossen. In seinen letzten zehn
Lebensjahren, im Kampf gegen Faschisten und Stalinisten sei er "im
besten Sinne des Wortes" ein Konservativer geworden: "Gegen die
Bandenführer, die die Italiener Amerikas für die Zerstörung unserer
Regierungsform und Existenz zu organisieren suchen, hielt Carlo Tresca
einen schwierigen und unbarmherzigen Krieg aufrecht. Wie die meisten guten
Generäle hielt er Angriff für die beste Verteidigung." Aber Tresca
war nie ein "General", der eine Armee befehligte, und es ging
ihm auch nie um irgendein "Amerika", dessen "Werte" er
hätte verteidigen müssen. "Ich strebe nach Freiheit, nicht nach
Anarchie", hatte er einmal gesagt, und ihm war klar, daß diese
Freiheit in einer Klassengesellschaft nicht zu erreichen war. So blieb er
ein "Unversöhnlicher", wie er sich einmal beschrieb, jemand,
der verändern, nicht wie gewendete Ex-Radikale am Erhalt des bestehenden
Systems mitwirken wollte. Er starb, wie es die Schlagzeile auf der
Titelseite der New York Times unterstrich, als Radikaler.
Für
Leute wie Russell ist Tresca der "letzte der Anarchisten",
sozusagen ein schwarzroter Unkas in den Schluchten New Yorks, mit dessen
Tod auch der Anarchismus in den USA untergegangen sei. Aber mit Tresca
starb nicht die Idee. Kurz nach seinem Tod übernahm ein
sozialphilosophischer Künstler namens Holley Cantine jr. Trescas
Druckmaschine, um in den vierziger Jahren damit seine anarchistische
sozialphilosophische Zeitschrift Retort herzustellen, als deren Setzer,
Drucker, Binder, Geschäfts- und Vertriebsleiter er in einer Person
fungierte. "Wir haben einen
unserer geschätztesten
Ratgeber und Lehrer verloren", schrieb Cantine in seiner Reminiszenz
an Tresca, "aber wir können dennoch aus seinem Leben Nutzen ziehen.
Unsere Hochachtung an seine Erinnerung ist eine neuerliche Hingabe an die
Ideale, die er für uns lebendig hielt." Etwa zur gleichen Zeit gab
der ehemalige Trotzkist und spätere Anarcho-Pazifist Dwight Mac-Donald
seine Zeitschrift Politics heraus, welche ihr Leben unter anderem der
finanziellen Zuwendung Margaret de Silvers, der Witwe Carlo Trescas
verdankte. In ihr erschienen Artikel von Simone Weil, Albert Camus und
George Orwell. So wirkte in gewisser Weise Carlo Tresca fort, auch wenn er
heute weitgehend vergessen ist, wahrscheinlich mehr von den Anarchisten
als alten Italo-Amerikanern.
Aus:
Schwarzer Faden Nr.30 (1/1989)
Anmerkungen:
Die unübersetzten
Zwischentitel sind Zitate aus Allen Ginsbergs Gedicht "America",
veröffentlicht in Howl and Other Poems (1956)
Literatur:
-
Erik
Amfitheatrof: The Children of Columbus. An Informal History of the
Italians in the New World. Boston: Little, Brown and Company, 1973
-
Rosalyn
Fraad Baxandall: "Elizabeth Gurley Flynn: The Early Years",
Radical America, Nr.l (Jan.-Febr. 1975), S.97-115. Holley
Cantine jr.: "Carlo tresca", Retort, Nr.4
(Frühjahr 1943),
S.2-4)
-
John
P. Diggins: Mussolini and Fascism: The View from America. Princeton:
Princeton University Press 1972
-
John
Dos Passos: The Theme Is Freedom. Free-port, NY: Books for Libraries
Press, 1956.
-
Max
Eastman: Heroes I Have Known. New
York: Simon
and Schuster, 1942.
-
Eric
Foner: "Sacco and Vanzetti: The Men and the Symbols", The
Nation, 20.8.1977, S.135-141.
-
Philip
S. Foner: History of the Labor Movement in the United States IV: The
Industrial Workers of the Wold, 1905-1917. New York: International
Publishers, 1965.
-
Luciano
J. Iorizzo & Salvatore Mondello: The Italian-Americans. New
York: Twayne 1971.
-
Nunzio
Pernicone: "Carlo Tresca and the Sacco-Vanzetti Case",
Journal of American History, Nr.3 (Dez. 1979), S.535-547.
-
Francis
Russel: "The Last of the Anarchists: The Strange Story of Carlo
Tresca", Modern Age, VIII (Winter 1963-64), S.61-76.
-
Francis
Russel: Sacco and Vanzetti: The Case Resolved. New
York:
Harper and Row 1986.
-
Carlo
Tresca: "The Fascist Menace in the United States of
America", Labor Defender, Nr.l (Januar 1927), S.3-5.
-
Carlo
Tresca: "The Unemployed and the IWW", Retort,
Nr.2 (Juni
1944), S.23-34.
-
Carlo
Tresca: "With Big Bill Haywood on the Battlefields
of
Labor", in Rebel Voices: An IWW An-thology, hg. Joyce
L. Kornbluth. Ann
Arbor: University of Michigan Press, 1968, S.208-209.
-
George
Woodcock: Anarchism: A History of Libertarian Ideas and Movements.
Harmondsworth: Penguin Books 1986.
Der
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