Schluss mit dem Gejammer - Heraus zum 1. Mai!

 

Der letzte ,,Tag der Arbeit" in diesem Jahrtausend geht ins Land. Von Jahr zu Jahr gibt es mehr Gründe, an diesem Tage auf die Straße zu gehen - aber die Zahl der DemonstrantInnen hat sich kaum verändert. Viele Linksradikale gehen nur noch aus Tradition zur ,,revolutionären" Maidemo, wie um einem Pflichtgefühl nachzukommen. An praktische Konsequenzen dieser Demonstrationen der Hilflosigkeit, oder eine revolutionäre Perspektive gar, glauben nur noch sehr wenige. Dabei schreien die Verhältnisse geradezu nach Veränderung. Der erste Angriffskrieg von deutschem Boden seit dem letzten Weltgemetzel ist ein eindringliches Beispiel für das Fortschreiten der Barbarei und müsste eigentlich auch den letzten denkenden Menschen davon überzeugen, dass nicht nur hierzulande mehr auf dem Spiel steht als der heißgeliebte ,,Sozialstaat".

 

SPD, Grüne und zunehmend auch die PDS wollen jedoch nur noch eines: Regieren, Mitmachen bei der unendlichen Geschichte der Krisenverwaltung und neoliberaler Standortpolitik. Dabei erweisen sie sich als effektivere Werkzeuge des Systems als ihre ,,christlich"-liberalen Vorgänger. Die zu Zeiten der Kohl-Regierung von Zeit zu Zeit wenigstens noch wort-"radikalen" Gewerkschaften überschlagen sich heute geradezu mit entwürdigenden Zugeständnissen an das Unternehmerlager, nur, um doch noch ein ,,Bündnis für Arbeit" zustande zu bekommen.

 

Koste es, was es wolle - der soziale Frieden muss gesichert bleiben. Soziale und rechtliche Standards, erkämpft in Jahrzehnten, werden innerhalb kürzester Zeit auf den Misthaufen der Geschichte befördert. Gleichzeitig setzt das ,,rot-grüne Reformprojekt" die Bestrebungen ihrer Vorgänger fort, die immer mehr werdenden Verlierer dieses Systems zur Annahme jeglicher Arbeit zu zwingen. Aber auch die schwindende Anzahl der ,,Arbeitsplatzbesitzer" (mein persönlicher Favorit für das ,,Unwort des Jahrzehnts) hat alles andere als einen Grund, sich ihres Glückes, ausgebeutet zu werden, zu erfreuen. Angesichts des immer größer werdenden Heeres derer, die sich mit miesen, ungesicherten Jobs von einer Arbeitslosigkeit in die andere reifen oder gar keine Chance mehr haben, am Erwerbsleben teilzunehmen, wächst der Druck auf die verbliebenen Belegschaften. Zu nehmende Arbeitshetze, massenhafte (oft auch noch unbezahlte) Mehrarbeit und der immer häufiger werdende Herzinfarkt mit Mitte 30 machen die ohnehin meist schon stumpfsinnige Maloche zu einem sehr zweifelhaften ,,Privileg".

 

Es sind nicht nur die seit Jahren sinkenden Realeinkommen einerseits und die steigenden Unternehmergewinne andererseits, die die Unfähigkeit des kapitalistischen Systems beweisen, den Bedürfnissen der Mehrheit der Bevölkerung gerecht zu werden.

 

Allein schon die Tatsache, dass die immens gestiegene Produktivität der Arbeit und die damit verbundene Möglichkeit eines nicht mehr durch lebenslange Vollzeitjobs versauten Lebens für alle, im Kapitalismus zum Fluch werden, dürfte ausreichen, über Alternativen ernsthaft nachzudenken. Es ist höchste Zeit, endlich aus der Lethargie aufzuwachen. Die Zahl der Unzufriedenen wächst, allein die vermeintliche Ausweglosigkeit der Situation verhindert ein entschlossenes Eintreten für wirkliche Veränderungen. Gleichzeitig wird das Elend vor den Mauern Westeuropas dazu benutzt, uns innerhalb der "Festung" Angst einzujagen und zu Komplizen des Systems zu machen. An uns ist es jetzt, unsere Utopien für ein selbstbestimmtes und schöpferisches Leben in einer freien Gesellschaft den heutigen Bedingungen entsprechend zu aktualisieren und endlich wieder offensiv zu propagieren. Nicht ,,Vollzeitarbeitsplätze für Alle!" - wie einige ,,Linksentrückte" fordern, sind das Gebot der Stunde, sondern Kampf der Zerstörung des Lebens durch die Arbeit. Zeigen wir durch aktives solidarisches Handeln, dass es ein sinnvolles Leben jenseits der Knochenmühle der Lohnarbeit gibt! Holen wir das uns gestohlene Leben zurück!

 

Aus: Direkte Aktion # 133, Mai/Juni 99, www.fau.org

 

Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/1mai01.html#da133 (Änderung: neue Rechtschreibung)